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Herfried Münkler über den Ersten Weltkrieg : Zeitraffer eines Jahrhunderts

  • Aktualisiert am

Deutsche Soldaten während eines Gasangriffs in Flandern im September 1917 Bild: picture alliance / akg-images

Welche Lehren müssen wir aus dem Ersten Weltkrieg ziehen? Waren die Deutschen an allem schuld? Der Politologe Herfried Münkler erklärt, wie es zur Geburtsstunde der modernen Katastrophen kam.

          Herr Münkler, der australische Historiker Christopher Clark hat erzählt, er habe während der Arbeit an seinem Buch „Die Schlafwandler“ Albträume vom bevorstehenden Kriegsausbruch gehabt. Haben Sie bei der Beschäftigung mit dem Ersten Weltkrieg in ähnlicher Weise unter Ihrem Thema gelitten?

          Albträume hatte ich nicht, aber eine melancholische Gestimmtheit schon, die sich immer dann eingestellt hat, wenn ich mich auf das Gedankenexperiment eingelassen habe, wie die deutsche Geschichte verlaufen wäre, wenn es diesen Krieg nicht gegeben hätte. Auch die Beschreibung des Geschehens an der Front hatte immer etwas Bedrückendes.

          Clark legt einen besonderen Akzent auf das Verhalten der westlichen Demokratien beim Kriegsausbruch. Bei Ihnen steht wieder die Rolle des Deutschen Reiches im Mittelpunkt. Wie real war die militärische „Einkreisung“ Deutschlands, von der Diplomaten und Politiker immer wieder sprachen, tatsächlich?

          Man muss da unterscheiden zwischen dem, was wir heute wissen, und den Einschätzungen der damaligen Akteure mit ihrem begrenzten Wissen. Das Problem von Fritz Fischers Kriegsschuldthese liegt darin, dass Fischer Szenarien, die in militärischen Stäben ausgearbeitet wurden, als wirkliche politische Planung der Deutschen aufgefasst hat. Wenn man mit diesem Blick in die Archive gehen und sich Szenarien aus den sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts anschauen könnte, würde man sich darüber wundern, warum damals nicht der dritte Weltkrieg stattgefunden hat. Die Deutschen haben dennoch eine hohe Verantwortung für den Kriegsausbruch, weil sie aufgrund ihrer Kriegsplanung zwei unterschiedliche Konflikte zusammenführen.

          Der deutsche Generalstab hätte darauf geantwortet: Weil wir von zwei Seiten eingekreist sind, müssen wir auch nach beiden Seiten gleichzeitig zuschlagen.

          Dass der Generalstab so denkt, ist unter den Bedingungen funktionaler Differenzierung ja auch nicht falsch. Das ist seine Aufgabe. Das Problem liegt bloß darin, dass der Generalstab in Deutschland nur teilweise unter politischer Kontrolle stand. Das macht den Unterschied zu Frankreich aus, wo Joffre ja ebenfalls überlegt hat, sofort nach Belgien hinein vorzustoßen, aber von den Politikern zurückgepfiffen wurde. Bei alldem spielt obendrein der Zufall eine Rolle, dass die Deutschen einen Spion in der russischen Botschaft in London hatten, der ihnen von den britisch-russischen Marinegesprächen im Frühjahr 1914 berichtete.

          Die tragische Figur der deutschen Politik im Ersten Weltkrieg: Reichskanzler Bethmann-Hollweg

          Bis dahin hat der deutsche Kanzler Bethmann-Hollweg immer darauf vertraut, in Abkehr von der Weltmachtpolitik seines Vorgängers Bülow zu einem Ausgleich mit den Briten zu kommen. Als er aber von den Marinegesprächen erfährt und der britische Außenminister Grey auf seine Anfrage antwortet, es gebe keine Gespräche, schwindet dieses Vertrauen, und der Einfluss von Moltke, der das agonale anstelle des kooperativen Paradigmas vertritt, steigt. Hätte das Deutsche Reich diesen Spion nicht gehabt, hätte Bethmann in der Julikrise vielleicht stärker auf eine Verhandlungslösung mit London gesetzt. Das Problem sind freilich die Briten und die Russen, die durch ihre Gespräche über eine Marinekonvention das Gefühl des Eingekreistwerdens verstärkt haben.

          Selbst Ende Juli, als Österreich-Ungarn Serbien schon den Krieg erklärt hat und Russland mobilmacht, hoffen Bethmann-Hollweg, der Generalstab und Wilhelm II. immer noch, dass England sich aus dem Krieg heraushält. Dann aber läuft die Mobilmachung nach dem Schlieffenplan an, und die deutsche Besetzung Belgiens löst unvermeidlich die englische Kriegserklärung aus. Ist Schlieffen der eigentlich Schuldige?

          Zunächst einmal muss man begreifen, dass Graf Schlieffen für ein bestimmtes Problem eine Lösung gesucht und gefunden hat. Das Problem hieß nicht nur Zweifrontenkrieg, sondern auch Erschöpfungskrieg, mit allen Konsequenzen, die von Friedrich Engels über August Bebel bis zum älteren Moltke in seiner berühmten Reichstagsrede vorhergesagt worden waren. Schlieffen entwickelt ein Konzept für eine schnelle Entscheidung nach dem Muster von 1870/71: erst mit Übermacht die Franzosen schlagen, dann die langsameren Russen zurücktreiben. Das alles setzte voraus, dass die Briten sich heraushalten würden. Der Schlieffenplan war die technische Lösung für ein Problem, das politisch sehr viel komplexer war.

          Entwickelte 1905 den Plan, der später seinen Namen tragen sollte: Generaloberst, später Generalfeldmarschall Alfred von Schlieffen

          Zunächst funktioniert der Schlieffenplan: Das deutsche Heer marschiert durch Belgien nach Frankreich ein. Aber schon auf dem Weg dorthin wird der Angriffsflügel durch Verlegung von mehreren Armeekorps geschwächt. Hat der Generalstab, hat die deutsche Öffentlichkeit die militärische Kraft des Kaiserreichs schlicht überschätzt?

          Der Schlieffenplan legt die Politik an die Kandare. Die Fahrpläne der Züge, die die drei Armeen des rechten Angriffsflügels über die Kölner Hohenzollernbrücke transportieren, machen alle politischen Interventionen zur Makulatur. In der Weimarer Republik ist die Frage, warum der Plan dennoch nicht funktioniert hat, rauf und runter diskutiert worden: War es die personelle Schwächung der 1. Armee von Kluck? Oder ein Problem der Logistik, der langen Transportwege durch Belgien und Nordfrankreich? Kam die Munition nicht mehr nach? Ich glaube, dass in dieser Debatte der Einfluss des deutschen Föderalismus unterschätzt wird. Die 6. Armee des Kronprinzen Rupprecht geht in den Kämpfen in Lothringen nicht zurück, um, wie Schlieffen das vorgesehen hatte, einen Sog zu erzeugen, bei dem ein oder zwei französische Armeen in den Sack gehen, sondern sie dringt vor. Psychologisch ist das verständlich: Die Bayern sagen sich, es kann doch nicht sein, dass wir hier zurückweichen, und die Preußen vom rechten Flügel stecken den Sieg ein. Der Schlieffenplan, kann man sagen, scheitert zum Teil auch daran, dass die Bayern so tapfer kämpfen. Da zeigt sich auch ein Problem der Führungsschwäche Moltkes. Andererseits, wie kann ein preußischer Generaloberst einem bayerischen Kronprinzen befehlen? Joffre kann seine Armeekommandeure nach Belieben ablösen, Moltke nicht.

          Noch bevor die Marne-Schlacht für die Deutschen verlorengeht und der vierjährige Grabenkampf beginnt, hat das Deutsche Reich den Propagandakrieg schon verloren. Nach dem Einfall in Belgien, den Greueln gegen die dortige Zivilbevölkerung und der Zerstörung der Bibliothek von Löwen setzt sich das Bild des germanischen Barbaren in der englischen, französischen und auch amerikanischen Propaganda unauslöschlich fest. Wie kommt es, dass sich die Blüte der deutschen Künstler- und Professorenschaft mit Ausnahme Max Webers gerade in diesem Augenblick mit dem Militarismus solidarisiert und im berüchtigten „Manifest der 93“ die Greuel in Belgien als Kulturleistung rechtfertigt?

          Das Problem ist, dass diese Leute alle nicht politisch zu denken gelernt haben - genau das, worüber sich Max Weber tagtäglich aufregt. In ihrer Naivität glauben sie, die Äußerung Henri Bergsons, an der Westfront kämpfe die Zivilisation gegen die Barbarei, mit ihrer Resolution widerlegen zu können. Die Deutschen haben den Krieg der Worte und Bilder in diesem Augenblick verloren, die Pickelhaube wird zum Symbol des deutschen Barbaren. Für die Militärs, die reine Techniker der Kriegsführung waren, lag dieses Problem jenseits ihres Horizonts. Die deutschen Intellektuellen ihrerseits waren nicht imstande, die Paradoxien des Politischen zu erkennen. Sie hatten ein gutes Gewissen, sie hatten der Welt so viel gegeben, Musik, Literatur, Geistes- und Naturwissenschaften. Warum wurden sie dafür so wenig respektiert? Der Althistoriker Eduard Meyer, eine Koryphäe seines Fachs, wird im Lauf des Krieges zum verbohrten alldeutschen Nationalisten. Dieser Sturz von äußerster Reflektiertheit und Intellektualität zu einer geradezu blödsinnigen politischen Naivität ist ein typisch deutsches Phänomen dieser Jahre.

          Ein politisch kluger Imperialist: Max Weber im Jahr 1917

          Max Webers Kommentare lösen bei einzelnen Offizieren im Generalstab einen solchen Hass aus, dass sie ihn am liebsten erschießen lassen würden. Ist Weber so etwas wie die einsame deutsche Stimme der Vernunft im Ersten Weltkrieg?

          Dieser Hass ist die amtliche Bestätigung dafür, welchen Einfluss das Militär Weber als Intellektuellem beimaß. Dabei ist er kein Pazifist, sondern im Prinzip ein Nationalist reinsten Wassers. Und ein Imperialist ist er eigentlich auch. Aber eben ein politisch kluger.

          Er begrüßt den Krieg gegen Russland als Kampf gegen die asiatische Barbarei.

          Das ist die Tradition der 1848er, zu der ja nicht nur Liberale wie Weber gehören. Es ist auch der Grund für die Sozialdemokratie, am 4. August 1914 den Kriegskrediten zuzustimmen. Die politische Linke hat mit den Russen nichts am Hut. Was sie aber viel zu wenig begreift, ist, dass sie den Wertedissens in der Triple-Entente, dem Bündnis zwischen der französischen Republik, der britischen Monarchie und dem autokratischen Zarenreich, sehr viel mehr politisch nutzen müsste. Stattdessen redet sie über deutsche Kultur.

          In Ihrem Buch zeigen Sie, wie sich aus der Tatsache, dass das Deutsche Reich 1914 im Grunde keine Kriegsziele hatte, im Lauf des Krieges eine immer tiefere Kluft zwischen Nationalisten, Liberalen und Sozialdemokraten ergab, die jede Friedensinitiative zum Scheitern brachte. Ging der Krieg schon vor der militärischen Niederlage politisch verloren?

          Der deutsche Reichskanzler Bethmann-Hollweg hat das Problem klar gesehen: Man muss dem Gegner erst schwere Niederlagen zufügen, um ihm dann einen Verhandlungsfrieden anbieten zu können. Aber gerade nach deutschen Erfolgen glaubt man im Reichstag, in der Bevölkerung und beim Militär überwiegend auch, man stehe kurz vor einem Siegfrieden. Den Siegfrieden antäuschen, um den Verhandlungsfrieden zu bekommen, das gelingt Bethmann-Hollweg nicht. Das hat sicherlich auch damit zu tun, dass man offiziell einen Verteidigungskrieg führt, aber zugleich tief in Feindesland steht. Da kann jeder Berufene oder Unberufene dann anfangen, Forderungen für die Nachkriegsordnung aufzustellen. Eine Flut von Denkschriften bricht los, von den Intellektuellen bis zu den Industriellen, in denen Land im Osten, Erzgruben im Westen, Kolonialgebiete in Afrika verlangt werden. Man kann es fast tragisch nennen, dass die deutsche Führung 1914 tatsächlich keine politischen Kriegsziele hatte. Die imperialistischen Phantasien entstehen erst durch den militärischen Vormarsch, und sie entstehen in einem wilden Stimmungsgewirr, in dem man sich mit Forderungen nur so überbietet.

          Warum gelingt es im Herbst 1914 nicht, Frieden zu schließen, nachdem die militärischen Pläne aller beteiligten Mächte gescheitert sind?

          Das hat mit den sehr hohen Verlusten in den ersten Kriegsmonaten zu tun. Es ist nicht mehr möglich, zu sagen, das Ganze war ein Abenteuer, wir setzen alles zurück auf den Status quo ante. Dazu kommt das Problem der Koalitionskriegsführung: Wer fängt an mit solchen Angeboten? Es ist wie beim Mikado: Wer als Erster zuckt, hat verloren. Also zuckt keiner. Alle Gelegenheiten verstreichen. Später kommt noch der Druck der Kriegsfinanzierung hinzu. Alle Mächte setzen darauf, einen mehr oder minder großen Teil der Kredite aus den Reparationen des besiegten Feindes zurückzuzahlen. Ein Verhandlungsfrieden bedeutet aber, dass man selbst für seine Kriegskosten aufkommen muss. Je teurer der Krieg wird, desto geringer wird deshalb die Möglichkeit, ihn zu beenden. Man wirft dem schlechten Geld noch gutes hinterher.

          Im Deutschen Reich wird der Krieg zunächst zum allergrößten Teil nicht über Steuern, sondern durch Kriegsanleihen finanziert, also durch Kreditaufnahme direkt bei der Bevölkerung. Damit entsteht eine Klientel, deren Ansprüche nur noch durch Reparationen und Eroberungen abgegolten werden können.

          Diese Klientel umfasste nicht nur Großbürger und Mittelstand, sie reichte bis in den Grenzbereich zwischen Kleinbürgertum und Arbeiterschaft. Vorarbeiter und Ladenbesitzer setzten ihr Erspartes ein, um dem Reich die Kriegsführung zu ermöglichen. Das Ganze funktioniert ungefähr bis Mitte 1916. Dann steigen die Kriegskosten schlagartig so stark an, dass sie über Anleihen nicht mehr aufgebracht werden können. Damit beginnt die Arbeit an der Entwicklung des Steuerstaates, der uns seitdem nicht mehr verlassen hat. Der Krieg verteuert sich, weil Ludendorff in dem sogenannten Hindenburg-Programm, das in Wahrheit seine Idee ist, manpower durch equipment ersetzt. Pro Bataillon wird eine Kompanie gestrichen, aber die Truppen bekommen mehr Maschinengewehre, Granatwerfer, Minenwerfer. Das geht nur durch Erhöhung der Kosten.

          In einer Lagebesprechung 1917: Kaiser Wilhelm II. zwischen Hindenburg (l.) und Ludendorff

          Damit ist klar, wir brauchen ein Steuersystem mit Einkommensteuer, Kriegsgewinnsteuer, mit allen Instrumenten, die den zentraleuropäischen Staat heute vom Staatsmodell amerikanischer Prägung unterscheiden. Sie sind nach 1918 nicht verschwunden, weil dann die vielen Invaliden und Halbwaisen da waren. Der Steuerstaat wurde zum Wohlfahrtsstaat, er musste die Rolle der Väter übernehmen, die es nicht mehr gab.

          Also ist unser Sozialsystem letztlich ein Produkt des Ersten Weltkriegs?

          Genau. Der Wohlfahrtsstaat war die Antwort auf die Opferbereitschaft der Bevölkerung: Die einen verlieren ihre Söhne und Väter, die anderen nur ihr Geld, viele aber verlieren beides. Die Erbschaft meiner Großmutter war in Kriegsanleihen gezeichnet und deshalb Ende 1918 beziehungsweise 1923 weg.

          Neben der beinahe totalen Mobilmachung durch Ludendorffs Rüstungsprogramm macht sich ab Herbst 1916 die englische Handelsblockade gegen Deutschland immer stärker bemerkbar. Es folgt der „Steckrübenwinter“ mit seinen Hungerkrawallen und Streiks. Wie legitim war das britische Vorgehen nach heutigen moralischen Maßstäben?

          Aus britischer Sicht ist es die klassische Strategie einer Seemacht, die ihren Gegner eher zu ersticken als direkt niederzuwerfen versucht. In gewisser Hinsicht ist das eine Wiederkehr der Strategie, mit der die Briten hundert Jahre zuvor gegen Napoleon relativ erfolgreich agiert haben - eine Strategie, die unter dem Einfluss der Vereinigten Staaten noch heute von den UN praktiziert wird: wirtschaftliche Sanktionen als Ersatz für militärische Operationen. Auch die Sanktionen gegen Saddam Hussein im Vorfeld des zweiten Irak-Kriegs haben vor allem Kinder und Alte getroffen, nicht die Soldaten der Republikanischen Garde. Die Briten führen im Prinzip nicht Krieg gegen die Faust, sondern gegen das Nervensystem des Deutschen Reiches. Die Pointe ist, dass Großbritannien nach dem Fehlschlagen der Entscheidungsschlachten einen wirklichen Plan B hat. Die deutsche Seite dagegen spürt, dass sie einen Erschöpfungskrieg nicht gewinnen kann.

          Oder nur durch radikale Ausbeutung der neu eroberten Gebiete im Osten.

          Ab 1917 sind die Deutschen gezwungen, ihre Eroberungsräume im Osten für die Nahrungsmittelproduktion zu sichern, um eine Wiederholung des Steckrübenwinters zu vermeiden. Auf diese Weise können sie die militärischen Vorteile, die sich aus dem Zusammenbruch des Zarenreichs und der bolschewistischen Revolution ergeben, nicht voll ausnutzen. Im Frühjahr 1918, als an der Westfront die letzte große deutsche Offensive beginnt, stehen immer noch ungefähr eine Million deutsche Soldaten im Osten.

          Nach dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten im April 1917 hätten die Westmächte im Grunde nur abwarten müssen, bis sich die Kräfteverhältnisse entscheidend zu ihren Gunsten verschieben. Warum versuchen erst die Franzosen, dann die Briten dennoch immer wieder, den Durchbruch zu erzwingen?

          Die Franzosen stehen unter Druck, die deutschen Truppen aus Nordfrankreich zu vertreiben. Bei den Briten sind die Kanalhäfen das eigentliche Ziel. Die dort stationierten deutschen Bombenflugzeuge greifen immer wieder südenglische Städte und auch London an. Und natürlich fürchtet man die U-Boote, die von dort aus operieren und durch die kurzen Anmarschwege sehr viel effektiver sind als die U-Boote aus der Nordsee. Die Frage ist, wie es die Deutschen eigentlich schaffen, trotz ihres Mangels an Ressourcen bis zum Frühsommer 1918 die taktische Überlegenheit zu behalten.

          Eine Antwort lautet, dass sie in militärischen Dingen ungemein lernfähig sind. Eine der zentralen Gestalten dieses Lernprozesses ist der deutsche Oberst Fritz von Loßberg, der Erfinder der schachbrettartigen Verteidigung. Loßberg muss das Problem lösen, wie er die deutschen Verteidiger aus ihren tief eingegrabenen Bunkern, die im Fall eines feindlichen Vorstoßes zu Fallen werden können, herausbekommt. Deshalb lässt er die Bunkersysteme sprengen und entwirft eine elastische, tief gestaffelte Form der Verteidigung, in der kleine Trupps in improvisierten Stellungen den Gegner so lange aufhalten, bis die Reserven herangekommen sind. Das führt dazu, dass an die Stelle eines viktimen Grundgefühls in der Truppe wieder eine sakrifizielle Orientierung tritt. Vorher war es für jeden Einzelnen nur eine Frage der Zeit, wann die einfallenden Granaten ihn selber treffen würden. Unter den Bedingungen einer Verteidigung in der Tiefe aber, bei der man sich permanent über das Schlachtfeld bewegen muss, kommt wieder die aktive Opferbereitschaft vom Beginn des Krieges zum Tragen. Das ist eine der Erklärungen dafür, warum es im deutschen Heer erst sehr spät zu Kampfstreiks kommt, im Unterschied zu Franzosen, Italienern und Russen.

          Warum hat es diese Art von theoretischer Durchdringung des Krieges auf westlicher Seite nicht gegeben?

          Die Engländer und Franzosen sitzen in dieser Frage in der Falle ihrer Materialüberlegenheit. Die deutsche Seite dagegen muss durch Lernen ausgleichen, was ihr an Menschen- und Kriegsmaterial fehlt. Auf lange Sicht ist das natürlich ein Unglück für die Deutschen, weil eine ganze Reihe von führenden Offizieren, nicht nur die Verfechter der Dolchstoßlegende, nach dem Ende des Krieges sagt: Eigentlich waren wir besser. Wir wollen ein Rückspiel. Das ist dann die Generalität, mit der Hitler zumindest in der Anfangsphase den Zweiten Weltkrieg führt: Leeb, Rommel, Manstein und so weiter.

          Die tragische Figur der deutschen Politik im Ersten Weltkrieg ist der Reichskanzler Bethmann-Hollweg. Von Anfang an versucht er, zwischen der Generalität auf der einen und den Sozialdemokraten und Liberalen auf der anderen Seite einen Mittelweg zu finden. Aber die Vereinigung von „Preußentum und Sozialismus“, wie es Oswald Spengler nennt, gelingt nicht. Was hätte Bethmann-Hollweg tun können, um einen historischen Kompromiss zu erzwingen?

          Der eigentlich tragische Augenblick kommt 1917, als es im Reichstag zum ersten Mal eine Mehrheit für einen Frieden ohne Annexionen gibt, als Erzberger umschwenkt und Teile der Liberalen nachziehen. Genau in diesem Moment wird Bethmann-Hollweg von Ludendorff gestürzt, der die Parteien gegen den Reichskanzler ausspielt. Vorher konnte er sich immer nur auf das Vertrauen des Kaisers stützen. Wobei das Problem Wilhelm II. darin besteht, dass er letztlich ein schwacher, schwankender Monarch ist. Wir wissen nicht, wie sich die Geschichte entwickelt hätte, wenn Wilhelm im Jahr 1915, nach den großen Erfolgen im Osten und der gewonnenen Abwehrschlacht in der Champagne, seinem Kanzler den Rücken starkgemacht hätte, jetzt der westlichen Entente Verhandlungen anzubieten. Stattdessen kommt Bethmann-Hollweg auf die verhängnisvolle Idee, Falkenhayn als Generalstabschef durch Hindenburg und Ludendorff ersetzen zu lassen. Er glaubt, die charismatische Siegerfigur Hindenburg werde den Deutschen die Notwendigkeit eines Verhandlungsfriedens beibringen können. Das Gegenteil ist der Fall: Hindenburg will siegen. Weil Ludendorff hinter ihm steht und ihn antreibt.

          Warum ließ sich die SPD von Ludendorff gegen Bethmann-Hollweg instrumentalisieren?

          Im Sinne Max Webers muss man hier sagen: die Reichstagsparteien, seien es SPD, Zentrum oder Fortschrittliche, waren nicht bereit, nach der Macht zu greifen. Das hatten sie nicht gelernt. An diesem Punkt kann man die Parlamentarier von ihrer Verantwortung für den Kriegsverlauf nicht freisprechen. Nicht, dass sie nicht das Beste gewollt hätten. Aber sie waren nicht in der Lage, zu begreifen, was die Forderung der Stunde war.

          War es auch politisch unklug von der SPD, im November 1918 „die Suppe auszulöffeln“, wie Ludendorff sagte, die die Oberste Heeresleitung dem Reich eingebrockt hatte, statt die völlige Auflösung der alten Ordnung abzuwarten?

          Aus heutiger Sicht wäre es zweifellos klüger gewesen zu warten. Verantwortungsvoller im Hinblick auf die menschlichen und finanziellen Kosten aus der Perspektive damaligen Wissens war jedoch der Weg, den Ebert damals gegangen ist. Eine Weiterführung des Krieges bis zum Zusammenbruch der Westfront hätte sehr hohe Opfer gekostet, ähnlich wie der Endkampf des „Dritten Reiches“ ab Sommer 1944. Es kommt hinzu, dass Ebert Empfindungen jenseits bloßer Reflexion hatte, die in dem berühmten Satz zum Ausdruck kommen, mit dem er die Reichskanzlerschaft aus den Händen seines Vorgängers Max von Baden entgegennimmt. „Herr Ebert“, sagt Max von Baden, „ich übergebe Ihnen das Reich zu treuen Händen.“ Und Ebert antwortet: „Es ist bei mir in treuen Händen. Ich habe diesem Reich zwei Söhne geopfert.“ Derselbe Ebert wiederholt dann ja auch die Formel „im Felde unbesiegt“. Diese Dimension des Opferstolzes darf man gerade in seinem Fall nicht übergehen.

          Übergibt im November 1918 das Reich zu treuen Händen an Friedrich Ebert: Max von Baden

          Für den englischen Historiker Niall Ferguson ist der Erste Weltkrieg ein „falscher Krieg“, weil er die Einigung Europas unter deutscher Führung um neunzig Jahre verzögert. Das erinnert seltsam an die Mitteleuropa-Konzepte der deutschen Führung während des Krieges. Wäre dieses „Mitteleuropa“ wirklich ein Vorläufer der EU gewesen?

          Für Ferguson ist die europäische Einigung unter deutscher Führung ein Begleiteffekt der ohne den Kriegseintritt Englands erheblich langsamer erfolgten Auflösung des britischen Empires. Der Krieg ist für ihn vor allem darum falsch, weil die Briten als Gläubiger der ganzen Welt in ihn eintreten und als Schuldner der Vereinigten Staaten aus ihm herauskommen. Damit hat er recht. Was die deutsche Debatte während des Krieges betrifft, gibt es zunächst einmal Streit um die Frage, ob man Europa als wirtschaftlichen Großraum unter Verabschiedung aus der Weltwirtschaft neu zentrieren oder ob man den Wiedereintritt in die globale Ökonomie anstreben soll. „Mitteleuropa“ war eine Alternative zur Globalökonomie der Vorkriegszeit.

          Also ein defensives, isolationistisches Wirtschaftsbündnis nach Art des Comecon zu Zeiten der Sowjetunion.

          Ich würde das nicht so negativ sehen. Es gibt ja auch in der gegenwärtigen Situation Leute, die öffentlich beklagen, dass Europa zu sehr von ökonomischen Imperativen beherrscht wird. In dem Sinne könnte man auch sagen, es wäre ein wirtschaftlich integriertes Europa gewesen, das viel stärker unter politischer Kontrolle gestanden hätte und weniger dem Spiel der Marktkräfte ausgeliefert gewesen wäre. Das ist der schon eingangs erwähnte Punkt der kontrafaktischen Geschichte, der einen so melancholisch macht.

          In Ihrem Buch bezeichnen sie den Ersten Weltkrieg sowohl als Kompendium für all das, was man in einem Krieg falsch machen kann, als auch als Laboratorium des gesamten zwanzigsten Jahrhunderts. Kann man beides zusammendenken?

          Ein Laboratorium ist dieser Krieg, wenn ich ihn über die vier Jahre hinweg mit Blick auf seine technischen Errungenschaften betrachte. Ein Kompendium ist er, wenn ich ihn rückschauend analysiere. Was wir aus ihm zu lernen haben, ist, dass Fritz Fischers These von der deutschen Allein- oder Hauptschuld ihre geschichtspolitische Berechtigung gehabt haben mag, diese Sicht inzwischen aber auch geschichtspolitisch falsch ist, weil sie von dem eigentlichen Lernergebnis ablenkt. Die wilhelminische Gesellschaft ist in ihrer politischen Naivität in mancher Hinsicht vergleichbar mit bestimmten Gruppierungen der heutigen bundesdeutschen Gesellschaft, die nicht bereit sind, sich den Paradoxien der Politik zu stellen. Man hält die Reinheit der Gesinnung, die Aufrichtigkeit, die Gutherzigkeit der Absichten teilweise wieder für den Schlüssel zum richtigen politischen Handeln und ist nicht bereit, vom Ende her zu denken. Man kann den Ersten Weltkrieg als Verkettung von Fehleinschätzungen, Missgriffen, Illusionen und gutgemeinten Irrtümern denken. Das meine ich mit Kompendium: ein Lehr- und Warnstück gegen eine Politik, die glaubt, durch Aufrichtigkeit und Gutherzigkeit werde schon alles gut werden.

          Im Nachhinein wundert man sich, was es von 1914 bis 1918 alles schon gab: Luftkrieg, Gaskrieg, U-Boot-Krieg, „Lebensraum im Osten“, Rassenpolitik, Kampf ums Öl. War der Erste Weltkrieg ein Testlauf für den Zweiten?

          Das Spannende an diesem Krieg ist, dass er in den Köpfen der Menschen und der Uniform der Soldaten wie ein Feldzug des neunzehnten Jahrhunderts beginnt. Und als er endet, steht er eigentlich dem Anfang des Zweiten Weltkriegs ganz nah. Das heißt, die Zeit von 1870 bis 1940 wird in viereinhalb Jahren wie im Zeitraffer durchschritten, in einer ungeheuren Beschleunigung. Der Zweite Weltkrieg ist dann auch insofern eine Fortsetzung des Ersten, als die geopolitischen Voraussetzungen für Deutschland die gleichen sind. Das ändert sich von 1945 bis 1990 mit der Konfrontation der Weltmächte im Kalten Krieg: Es gibt keine europäische Mitte mehr. Dann aber kehrt die Mitte Europas mit Deutschland als Zentralmacht zurück. Das hat jetzt nichts mehr mit militärischen, sondern allein mit ökonomischen Gesichtspunkten zu tun. Aber die Verantwortung, die daraus resultiert, ist eine ganz ähnliche wie vor hundert Jahren. In der Mitte ist sehr viel mehr Klugheit notwendig als an den Rändern. Wenn Herr Venizelos irgendwelches populistisches Geschwätz absondert, kann er das tun, aber die Deutschen können es sich aufgrund ihrer Position nicht erlauben, in ähnlichem Ton zu reagieren. Sie müssen im Prinzip immer das Gesamtwohl Europas im Auge haben. Das ist gelegentlich sehr anstrengend.

          In Europa ist das Zeitalter der Großmachtkriege vorbei, aber im pazifischen Raum könnte es eine Neuauflage erleben. Die neue Weltmacht China kämpft dort um einen beherrschenden Platz im Zentrum des Geschehens. Wie konfliktträchtig ist diese Konstellation?

          Das China von 2014 ist dem Deutschen Reich von 1914 in vielerlei Hinsicht ähnlich. Die Chinesen sind so stark, dass sich automatisch antihegemoniale Koalitionen um sie herum bilden, mit dem Effekt, dass auch sie unter Einkreisungsobsessionen leiden. In Ostasien fehlt außerdem eine starke historische Erfahrung vom verhängnisvollen Einfluss nationalistischer Grundströmungen in der Bevölkerung. Und es gibt, anders als in Europa, keine institutionellen Arrangements zur Deeskalation, keine Nato, keine EU, keine OSZE. Die große Landmacht China und die große Seemacht der Vereinigten Staaten stehen einander gegenüber, dazwischen Japan, der amerikanische Protégé und Erbfeind Chinas. Die Chinesen erwägen, eine Risikoflotte zu bauen; einen Flugzeugträger haben sie ja schon. Und die kleinen Inseln im Ostchinesischen Meer könnten zum pazifischen Balkan werden. Man soll solche Analogien nicht übertreiben. Die nukleare Bewaffnung hat so vieles verändert, sie hat dazu geführt, dass beispielsweise der Korea- oder der Vietnam-Krieg immer lokal blieben. Aber das heißt nicht, dass wir uns darauf verlassen können. Das Argument, Amerikaner und Chinesen seien ökonomisch so eng verflochten, dass da gar nichts passieren könne, zieht nicht. Das waren Deutschland und Großbritannien auch. Auch der Hinweis darauf, dass es in anderen Fällen immer gutgegangen sei, ist nicht hilfreich. Auch die Europäer konnten sagen, dass es im Libyen-Krieg von 1911 und den Balkankriegen von 1912/13 doch gutgegangen war und man die Konflikte lokalisiert hatte. Im Juli 1914 ist das dann nicht mehr gelungen.

          Herfried Münkler

          Der Erforscher der Kriege

          Herfried Münkler, der an der Humboldt-Universität zu Berlin Politikwissenschaft lehrt, ist der führende deutsche Kriegsforscher. Als solchen bekannt gemacht haben ihn seine Publikationen über „Die neuen Kriege“ (2002) und den „Wandel des Krieges“ (2006) vom symmetrischen Konflikt unter Staaten zum asymmetrischen Kampf zwischen Staaten und Terrornetzwerken. Für sein Buch über „Die Deutschen und ihre Mythen“ erhielt er 2009 den Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse. Jetzt hat Münkler unter dem Titel „Der Große Krieg - Die Welt 1914 bis 1918“ (Rowohlt Verlag Berlin, 2013) eine Gesamtdarstellung des Ersten Weltkriegs vorgelegt.

          F.A.Z.

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