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Veröffentlicht: 28.01.2014, 17:08 Uhr

Herfried Münkler über den Ersten Weltkrieg Zeitraffer eines Jahrhunderts

Welche Lehren müssen wir aus dem Ersten Weltkrieg ziehen? Waren die Deutschen an allem schuld? Der Politologe Herfried Münkler erklärt, wie es zur Geburtsstunde der modernen Katastrophen kam.

© picture alliance / akg-images Deutsche Soldaten während eines Gasangriffs in Flandern im September 1917

Herr Münkler, der australische Historiker Christopher Clark hat erzählt, er habe während der Arbeit an seinem Buch „Die Schlafwandler“ Albträume vom bevorstehenden Kriegsausbruch gehabt. Haben Sie bei der Beschäftigung mit dem Ersten Weltkrieg in ähnlicher Weise unter Ihrem Thema gelitten?

Albträume hatte ich nicht, aber eine melancholische Gestimmtheit schon, die sich immer dann eingestellt hat, wenn ich mich auf das Gedankenexperiment eingelassen habe, wie die deutsche Geschichte verlaufen wäre, wenn es diesen Krieg nicht gegeben hätte. Auch die Beschreibung des Geschehens an der Front hatte immer etwas Bedrückendes.

Clark legt einen besonderen Akzent auf das Verhalten der westlichen Demokratien beim Kriegsausbruch. Bei Ihnen steht wieder die Rolle des Deutschen Reiches im Mittelpunkt. Wie real war die militärische „Einkreisung“ Deutschlands, von der Diplomaten und Politiker immer wieder sprachen, tatsächlich?

Man muss da unterscheiden zwischen dem, was wir heute wissen, und den Einschätzungen der damaligen Akteure mit ihrem begrenzten Wissen. Das Problem von Fritz Fischers Kriegsschuldthese liegt darin, dass Fischer Szenarien, die in militärischen Stäben ausgearbeitet wurden, als wirkliche politische Planung der Deutschen aufgefasst hat. Wenn man mit diesem Blick in die Archive gehen und sich Szenarien aus den sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts anschauen könnte, würde man sich darüber wundern, warum damals nicht der dritte Weltkrieg stattgefunden hat. Die Deutschen haben dennoch eine hohe Verantwortung für den Kriegsausbruch, weil sie aufgrund ihrer Kriegsplanung zwei unterschiedliche Konflikte zusammenführen.

Der deutsche Generalstab hätte darauf geantwortet: Weil wir von zwei Seiten eingekreist sind, müssen wir auch nach beiden Seiten gleichzeitig zuschlagen.

Dass der Generalstab so denkt, ist unter den Bedingungen funktionaler Differenzierung ja auch nicht falsch. Das ist seine Aufgabe. Das Problem liegt bloß darin, dass der Generalstab in Deutschland nur teilweise unter politischer Kontrolle stand. Das macht den Unterschied zu Frankreich aus, wo Joffre ja ebenfalls überlegt hat, sofort nach Belgien hinein vorzustoßen, aber von den Politikern zurückgepfiffen wurde. Bei alldem spielt obendrein der Zufall eine Rolle, dass die Deutschen einen Spion in der russischen Botschaft in London hatten, der ihnen von den britisch-russischen Marinegesprächen im Frühjahr 1914 berichtete.

Theobald von Bethmann-Hollweg © picture-alliance / United Archiv Vergrößern Die tragische Figur der deutschen Politik im Ersten Weltkrieg: Reichskanzler Bethmann-Hollweg

Bis dahin hat der deutsche Kanzler Bethmann-Hollweg immer darauf vertraut, in Abkehr von der Weltmachtpolitik seines Vorgängers Bülow zu einem Ausgleich mit den Briten zu kommen. Als er aber von den Marinegesprächen erfährt und der britische Außenminister Grey auf seine Anfrage antwortet, es gebe keine Gespräche, schwindet dieses Vertrauen, und der Einfluss von Moltke, der das agonale anstelle des kooperativen Paradigmas vertritt, steigt. Hätte das Deutsche Reich diesen Spion nicht gehabt, hätte Bethmann in der Julikrise vielleicht stärker auf eine Verhandlungslösung mit London gesetzt. Das Problem sind freilich die Briten und die Russen, die durch ihre Gespräche über eine Marinekonvention das Gefühl des Eingekreistwerdens verstärkt haben.

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