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Gedenken an Ersten Weltkrieg : Ein Mahnmal für alle Gefallenen

Im Tod sind alle gleich: Die in Goldschrift gravierten Namen von 579.606 in Frankreich gefallenen Soldaten des Ersten Weltkriegs in dem als „Ring der Erinnerung“ konzipierten neuen internationalen Mahnmal in Notre-Dame-de-Lorette. Bild: AFP

Frankreich weiht eine Gedenkstätte des Ersten Weltkriegs ein – ohne Unterschied zwischen Freund und Feind. Auch Ehrengäste aus Deutschland sind an der Seite von Frankreichs Präsident Hollande.

          Das Bild von François Mitterrand und Helmut Kohl Hand in Hand über den Gräbern von Verdun hat den jungen Politiker François Hollande geprägt. Drei Jahrzehnte nach der Versöhnungsgeste will der zweite sozialistische Präsident Frankreichs ein neues Kapitel der Erinnerungskultur aufschlagen.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Auf der Anhöhe von Notre-Dame-de-Lorette bei Arras weihte er am Dienstagnachmittag die erste internationale Gedenkstätte des Ersten Weltkriegs ein. Aus Deutschland waren Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen und die Ministerpräsidentin Nordrhein-Westfalens, Hannelore Kraft, zugegen. Sieben weitere Länder (Australien, Belgien, Kanada, Indien, Neuseeland, Portugal und Großbritannien) hatten Minister und andere Repräsentanten entsandt.

          Der einzigartige „Ring der Erinnerung“, eine Ellipse aus Beton mit 330 Metern Umfang, macht keinen Unterschied zwischen Siegern und Verlierern, zwischen Freund und Feind. Mehr als 580000 Soldaten, die hier an „der vergessenen Front“ in Flandern und im Artois fielen, sind erstmals namentlich aufgelistet, ungeachtet ihrer Herkunft. Auf der Innenseite des Rings sind auf 500 Metallstelen von drei Metern Höhe Vor- und Familienname der Gefallenen eingraviert: in alphabetischer Reihenfolge, aber ohne Verweis auf Nationalität, Dienstgrad oder Religion.

          „Revolutionär“, nennt Joseph Zimet dieses Vorgehen. Der Franzose leitet die „Mission für den 100. Jahrestag des Ersten Weltkriegs“. Ziel sei es nicht gewesen, noch eine weitere Kriegsgedenkstätte zu erbauen, sondern auf die internationale Dimension und zugleich auf die Gleichheit („égalité“) der Opfer im Tod zu verweisen. Damit soll auch über das auf die früheren „Erbfeinde“ Frankreich und Deutschland konzentrierte Gedenken hinausgegangen werden. Notre-Dame-de-Lorette wird, so hofft Präsident Hollande, zum gemeinsamen Erinnerungsort für die vielen Toten aller Nationen werden.

          Nicht alle Beteiligten waren spontan von der Idee angetan, die Grenze zwischen Freund und Freund zugunsten einer universellen Friedensbotschaft aufzuheben. Franzosen und Deutschen, in Versöhnungsgesten geübt, fiel es noch am leichtesten, berichtet Historiker Yves Le Maner, Leiter der Auftrag gebenden Mission „Geschichte und Gedenken“.

          Vorbehalte in Großbritannien

          Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VDK) übermittelte eine Liste von 173.876 deutschen Soldaten, die in der Region Nord und Pas-de-Calais gefallen waren. Das französische Verteidigungsministerium kam nach monatelanger Archivarbeit auf 106.012 Namen von Soldaten aus Frankreich und dem Kolonialreich in Nord- und Schwarzafrika. In Großbritannien aber gab es hartnäckige Vorbehalte. Königin Elisabeth vermittelte und so beteiligte sich die Commonwealth War Graves Commission schließlich an dem Projekt. 241.214 Soldaten des Commonwealth fielen im Norden Frankreichs, darunter viele aus Kanada, Südafrika, Indien, Australien und Neuseeland.

          Das neue Mahnmal schmiegt sich an den Hügelhang unter dem französischen Soldatenfriedhof von Notre-Dame-de-Lorette mit 42.000 Gräbern. Auf 58 Metern schwebt der Ring sogar frei über dem Abhang. Von dort erstreckt sich der Blick über die Halden der einstigen Bergbauregion. Architekt Philippe Prost, will den Ring als Symbol „der Einheit, des Friedens und der Ewigkeit“ verstanden wissen.

          „Ring der Erinnerung“ an 600 000 tote Soldaten

          Bewusst fügt sich die Gedenkstätte in die Landschaft ein, anders als die direkt nach Kriegsende errichtete Kirche und Totenstätte, die gen Himmel ragen und ausschließlich den französischen Gefallenen gewidmet sind. Ganz in der Nähe liegt der britische Friedhof „Cabaret Rouge“, der kanadische Friedhof von Vimy und der mit 44.833 Gräbern größte deutsche Soldatenfriedhof „Maison blanche“.

          Präsident Hollande will in diesen Orten Etappen der Geschichtsbewältigung sehen, die in eine im „Ring der Erinnerung“ zusammengeführte, internationale Erinnerungskultur münden. Er schritt am Dienstag den Ring ab, um drei Soldaten, den Franzosen Marcel Garrigue, den Briten Wilfred Ernest Owen und den Deutschen Karl Schrag zu würdigen. Letzterer war im Alter von 22 Jahren in Flandern gefallen.

          Das acht Millionen Euro teure Mahnmal soll die jungen Männer dem Vergessen entreißen, aber auch eine Warnung vor dem Hurrapatriotismus sein, der in Frankreich unter einer erstarkten Front National wieder in Mode kommt. In Notre-Dame-De-Lorette geht zugleich der erste Teil des französischen Gedenkzyklus zum Ersten Weltkrieg zu Ende.

          Die Erinnerung an den „Grande Guerre“, dessen Schlachtfelder und Kriegsgräber hauptsächlich in Frankreich liegen, sollte die wirtschaftlich taumelnde und politisch zerstrittene Nation wieder zusammenschmieden. Doch dies ist dem Präsidenten nicht gelungen. Er konnte auch am Feiertag zum Waffenstillstand vom 11. November 1918 die Niederungen der Tagespolitik nicht gänzlich verlassen. Am Himmel von Notre-Dame-De-Lorette kreiste ein Flugzeug mit der Banderole: „Hollande, Rücktritt!“.

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