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Frankfurter Zeitung 25.11.1916 : Russlands Ministerpräsident zurückgetreten

Das Taurische Palais in Sankt Petersburg, bis zur Revolution 1917 Sitz der Reichsduma. Aufnahme von 1903. Bild: Picture-Alliance

Russland tauscht den Ministerpräsidenten aus. Zuvor hatte es im Kabinett Differenzen gegeben. Über die Hintergründe berichtet die Frankfurter Zeitung vom 25. November 1916.

          Petersburg, 24. Novbr. (W.B.)

          Meldung der Petersburger Telegraphen-Agentur. Der Staatssekretär und Verkehrsminister Trepow ist zum Ministerpräsidenten ernannt worden. Der bisherige Ministerpräsident und Minister des Aueßern Stürmer ist zum Oberstkämmerer des kaiserlichen Hofes unter Beibehaltung seiner Funktionen als Mitglied des Reichsrates ernannt worden. Durch kaiserlichen Erlaß sind die Duma und der Reichsrat bis zum 2. Dezember vertagt worden.

          Der zurückgetretene russische Ministerpräsident und Minister des Aeußern, Herr Boris Stürmer, war am 2. Februar als Nachfolger Goremykins zum Vorsitz im Ministerrat berufen worden, wo er zunächst kein Portefeuille übernahm. Ihm ging der Ruf eines erfahrenen, stark reaktionären Neigungen huldigenden Bureaukraten voraus, doch kannte auch die russische Oeffentlichkeit den Charakter des vorher niemals zu leitenden Stellungen berufenen Staatsmannes nur wenig. Die Annahme, daß er als Platzhalter für irgend eine bedeutendere Persönlichkeit das hohe Amt ausfüllen sollte, erwies sich bald als trügerisch. Schon am 19. März hatte Herr Stürmer die Zügel der Regierung so fest in seine eigenen Hände genommen, daß er es wagen konnte, den Minister des Innern, Chwostow, zu ersetzen. Im Ministerium des Innern verschärfte Stürmer die reaktionäre Richtung so sehr, daß sich gegen ihn der schärfste Widerstand der Reichsduma und der großen Verbände der Semstwos und der Städteorganisationen geltend machte. Gleichzeitig trat auch im Ministerium ein immer deutlicherer Widerspruch zwischen der Politik Stürmers und der des Ministers des Aeußern Safonow zu Tage, nicht nur wegen der Haltung gegenüber England, sondern auch in der Frage Polens und der Behandlung anderer Fremdvölker, bei denen Safonow auf die Wünsche der westlichen Alliierten einige Rücksicht nehmen wollte. Der Streitfall erledigte sich durch den am 23. Juli erfolgten Rücktritt Safonows, dessen Stelle sofort Herr Stürmer einnahm. Vier Monate lang hat er die beiden wichtigsten Aemter Rußlands in sich vereinigt. Sein Nachfolger als Ministerpräsident, der bisherige Verkehrsminister Trepow, ist bisher in der Oeffentlichkeit verhältnismäßig wenig hervorgetreten. Ob er auch das Ministerium des Auswärtigen versehen soll, läßt sich aus der vorliegenden Meldung noch nicht erkennen.

          Die nächste Ausgabe des historischen E-Papers erscheint am 28. November 2016.

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