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Frankfurter Zeitung 20.07.1917 : „Ein neues Deutschland“ - Antrittsrede des Reichskanzlers

Blick in den Plenarsaal des Reichstagsgebäudes in Berlin: Der neue Kanzler Georg Michaelis hält seine Antrittsrede, das Interesse ist groß. Bild: Picture-Alliance

Volles Haus in Berlin, die Menschen drängen sich im Reichstag. Georg Michaelis spricht erstmals als Kanzler vor dem Parlament. Aus Berlin berichtet die Frankfurter Zeitung vom 20. Juli 1917.

          Berlin, 19. Juli. (Priv.-Tel.)

          Haus und Tribünen sind bis auf den letzten Platz besetzt. Am Bundesratstisch außer dem Reichskanzler Michaelis sämtliche Staatssekretäre und sämtliche preußischen Minister, mit Ausnahme des Landwirtschaftsministers und des Kultusministers.

          Präsident Kaempf

          eröffnete die Sitzung mit den Worten: Die Verdienste, die der bisherige Reichskanzler v. Bethmann Hollweg in achtjähriger Tätigkeit unter den schwierigsten Verhältnissen für die Entwicklung und den Aufbau des Reiches und die Volkswirtschaft erworben hat, werden in der Geschichte verzeichnet werden. Mir liegt es ob, dankend anzuerkennen, daß  Herr v. Bethmann die Rechte des Reichstags und seine Wünsche gewissenhaft beachtet, daß er dem Bedürfnis nach einem vertrauensvollen Zusammenwirken zwischen Reichstag und Reichsleitung wohlwollend und vorurteilsfrei volles Vertrauen entgegengebracht und auch in selbstloser Hingebung sein ganzes Können und die ganze Tiefe seines Wissens dem schwierigen Amte gewidmet hat, das er auf sich genommen hatte (Beifall). Ich begrüße den neuen Reichskanzler und wünsche ihm Glück und Erfolg zu dem in ernster Zeit übernommenen Werke der verantwortlichen Führung der Geschäfte des Reichstages. Wir vertrauen, daß es seiner Einsicht und Tatkraft gelingen werde, in dem Streit der Meinungen und in dem Ringen der Völker den Weg zu finden, der unser Vaterland einer glücklichen und gesicherten Zukunft entgegenbringt. (Beifall.)

          Nachdem der Präsident ein Telegramm der schweizerischen Vereinigung der Hellenen verlesen hat, in dem ein Protest eingelegt wird gegen die Vergewaltigung des griechischen Volkes, erhält das Wort

          Reichskanzler Dr. Michaelis,

          der etwa ausführt:
          Nachdem der Kaiser mich zu dem Amte des Reichskanzlers berufen hat, trete ich zum ersten Male mit diesem hohen Hause in Verbindung. Es wird in dieser ernsten Zeit eine zentnerschwere Last auf meinen Schultern gelegt. Im Ausblick auf Gott und im Vertrauen auf die deutsche Kraft habe ich es gewagt und werde ich der Sache dienen bis zur letzten Hingabe. Ich erbittet die vertrauensvolle Mitarbeit des Reichstages, der sich in dieser dreijährigen Kriegszeit herrlich bewährt hat. Gegen den hochverdienten Mann, der an diesem Posten vor mir acht Jahre gestanden hat, ist herbe Kritik gefällt worden, vielfach mit Feindschaft und Haß. Ich habe die Empfindung, es wäre würdiger gewesen, die Feindschaft und der Haß hätten Halt gemacht hinter den verschlossenen Türen. (Lebhaftes Sehr richtig! links.) Erst wenn das Buch dieses Krieges geöffnet vor uns liegen wird, dann werden wir voll würdigen können, was Bethmanns Kanzlerschaft für Deutschland bedeutet. (Lebhaftes Sehr richtig! links.)

          Wenn ich nicht fest glaubte an die Gerechtigkeit unserer Sache, ich hätte die Aufgabe nicht übernommen. Wir sind zum Krieg gezwungen worden, obwohl Herr v. Bethmann Hollweg alles getan hat, den Krieg zu vermeiden. Er hat um den Frieden gerungen bis zum Äußersten. Es blieb uns aber keine Wahl. Was vom Kriege selbst gilt, gilt auch von unseren Waffen, insbesondere von der

          U-Bootwaffe, die uns aufgezwungen

          worden ist durch die Kampfesart Englands, durch die Hungerblockade Englands, nachdem die letzte schwache Hoffnung, die wir auf Amerika gesetzt hatten, daß es England bei diesem Hungerkrieg in den Arm fallen würde, geschwunden war. Deutschland mußte zu diesem Mittel greifen. (Beifall rechts.)

          Der U-Bootkrieg leistet das und noch mehr, was er leisten sollte. Falsche Nachrichten, die aus den Geheimsitzungen in die Öffentlichkeit gedrungen sind, haben eine Zeitlang ein gewisses Gefühl der Enttäuschung hervorgerufen. Das hängt wohl damit zusammen, daß voreilige Propheten die Erwartung ausgesprochen hatten, daß infolge des U-Bootkrieges der Krieg zu einer bestimmten Zeit zu Ende sein würde. Sie haben damit dem Vaterlande keinen Dienst erwiesen. (Lebhafte allgemeine Zustimmung. Rufe: Helfferich!) Ich stelle fest, daß der U-Bootkrieg Englands Kriegführung von Monat zu Monat in wachsendem Maße schädigt, so daß dem Friedensbedürfnis nicht lange mehr wird entgegengewirkt werden können.

          Der Reichskanzler sendet sodann seinen Gruß allen Truppen sowie den Truppen unserer Bundesgenossen, denen wir die Treue halten werden. Er teilt mit, daß die Berichte über

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