http://www.faz.net/-gpf-7kyce

F.A.Z.-Serie: 100 Jahre Erster Weltkrieg : Warum dieses Gedenkjahr anders ist

Der Stahlhelm kam später, man kämpfte noch mit der ledernen Pickelhaube: Deutsche Soldaten an der Westfront, vor 1916 Bild: picture alliance / Sueddeutsche

Der hundertste Jahrestag der „Urkatastrophe“ des vergangenen Jahrhunderts bringt den Ersten Weltkrieg ins Bewusstsein zurück. Wir veröffentlichen eine Serie mit literarischen und künstlerischen Zeugnissen aus den Jahren zwischen 1914 und 1918.

          Das Jahr 2014, so viel lässt sich schon jetzt erkennen, geht beim hundertsten Jahrestag des Kriegsausbruchs von 1914 über die merkwürdige, oft hohle Zahlenmystik der Jubiläen weit hinaus - es bringt diesen Einschnitt, diese „Urkatastrophe“ des vergangenen Jahrhunderts, von welcher der amerikanische Historiker und Diplomat George F. Kennan gesprochen hatte, ins Bewusstsein der Deutschen zurück. Vor allem der Deutschen. Denn für die damaligen Gegner war er stets präsent. „Den Krieg verlieren“: Dieser Ausdruck hat einen merkwürdigen Doppelsinn, auf in den zwanziger Jahren mit untrüglichem Sprachempfinden erstmals Walter Benjamin hinwies. Nämlich: Man wurde besiegt, aber auch: Man hat den Krieg nicht mehr zur Verfügung, wie ein verlorenes Portemonnaie eben weg ist.

          Lorenz Jäger

          Redakteur im Feuilleton.

          Dennoch wird man Benjamins Diagnose nicht völlig zustimmen können; denn in den zwanziger und frühen dreißiger Jahren war der Krieg noch völlig gegenwärtig, in der Sachliteratur, in Romanen und Polemiken, aber vor allem in denen, die ihn kämpfend oder als Angehörige der Soldaten miterlebt hatten; nicht zu vergessen bei der großen Zahl von Frauen, die sich in Lazaretten um die Verwundeten kümmerten oder in die industrielle Produktion in vorher unbekanntem Ausmaß einbezogen wurden.

          Papier-Mohnblüten zur Erinnerung

          „Verloren“ wurde der Erste Weltkrieg erst viel später, als sich der Zweite über ihn gelegt hatte. Nur noch die Historiker beschäftigten sich mit ihm, vor allem in der berühmten Kontroverse, die sich mit Fritz Fischers These vom gescheiterten „Griff nach der Weltmacht“ auseinandersetzte. Verloren in dem erwähnten Doppelsinn war der große Krieg übrigens auch in Russland, denn in der kommunistischen Ära konnte man weder der zaristischen Militärführung und der ihr unterstellten Soldaten gedenken noch der seit Februar 1917 von Kerenski geleiteten.

          Niemals verloren war er für die Briten. Am 11. November des vergangenen Jahres (dem Tag des Waffenstillstands) konnte man bei der Fernsehübertragung einer Parlamentsdebatte noch mit Staunen sehen, dass sämtliche Abgeordnete die roten Papier-Mohnblüten am Revers trugen, die „Poppies“, die an die verheerenden britischen Verluste in der Schlacht an der Somme erinnern. Und in Frankreich? Man trifft im Zentrum von Rennes in der Bretagne auf Straßennamen, die ein einziges erinnerungspolitisches Programm des Ersten Weltkriegs bedeuten: Boulevard Georges Clemenceau, Place Foch, Rue Edith Cavell.

          Die Rückkehr von Lenins Imperialismus-These

          In Deutschland aber reißen die meistens nur lokalen Meldungen über vandalisierte Kriegerdenkmäler nicht ab. So wurde etwa in Westhofen, um nur einen Fall unter vermutlich Hunderten zu nennen, über die Namen der Gefallenen von 1914 bis 1918 in großen rosafarbenen Buchstaben das Wort „Täter“ gepinselt. Was sich aber erinnerungspolitisch in Deutschland doch geändert hat, ist zunächst die Basis, um es einmal marxistisch zu sagen. Das Land hat seine Armee in Auslandseinsätze entsandt. Manche unserer Verbündeten mögen sich sogar ein verstärktes „robustes“ Engagement wünschen.

          Dies einmal vorausgesetzt, wird man aber dasselbe Land nicht als den Hort eines „ewigen“ Militarismus hinstellen können. Und so kommt in diesem Jahr Lenins alte These, der Krieg von 1914 bis 1918 sei ein „imperialistischer“ gewesen, bei dessen Ausbruch viele Hände und Köpfe beteiligt waren, wieder zu neuen Ehren. Christopher Clark hat in seinem vielbeachteten Buch „Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog“ (2013) die These des Versailler Vertrages, die noch in der Fischer-Kontroverse bestimmend war, einer zeitgemäßen Revision unterzogen.

          In der Serie, in der wir von heute an und in Zusammenarbeit vor allem mit dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach und der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart unbekannte Dokumente aus den Jahren zwischen 1914 und 1918 vorstellen, wird es um die literarischen, brieflichen und künstlerischen Zeugnisse des Krieges gehen.

          Wir stellen das Bild schärfer ein, und so kommen erregende Bilder und Zeichen zu Wort, die in den früheren, großdimensionierten geschichtspolitischen Debatten keinen Platz gefunden hatten. Wir hören die Stimmen der Einzelnen. Mit ihrem Glauben, ihrem Aberglauben und ihrer Verzweiflung. Der Krieg ist nicht zu gewinnen - es sei denn in der von Walter Benjamin anvisierten zweiten Bedeutungsschicht: Er kann nicht mehr vergessen werden.

          Quelle: F.A.Z.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.