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Erster Weltkrieg: Magerer Friede statt fetter Beute?

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Magerer Friede statt fetter Beute?

Von RAINER BLASIUS

12.12.2016 · Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg macht am 12. Dezember 1916 den Kriegsgegnern ein unglaubliches Angebot. Die Bedeutung seiner Friedensnote ist bis heute umstritten.

Mit Stolz blickte Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg am 12. Dezember 1916 vor dem Reichstag auf das zu Ende gehende Jahr zurück. Er lobte die „Riesenkraft der ganzen Nation“ und die Entschlossenheit des Reiches und seiner drei Verbündeten Österreich-Ungarn, Bulgarien und die Türkei, den Kampf fortzusetzen: „Immer bereit, uns zu wehren und zu schlagen für das Dasein unseres Volkes, für seine freie und gesicherte Zukunft, immer bereit, um diesen Preis die Hand zum Frieden zu bieten.“ Allein diese Erwähnung des Wortes Frieden quittierten Abgeordnete „von links“ mit Bravo-Rufen. Und als Bethmann Hollweg im weiteren Verlauf der zwanzigminütigen Sitzung einen „Eintritt in Friedensverhandlungen“ vorschlug, kam sogar Begeisterung auf.

© Picture-Alliance Nach über 28 Monaten Krieg schlug Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg am 12. Dezember 1916 in einer Note überraschend „allen Feind-Mächten“ Friedensverhandlungen vor.

Klare Ziele für die Nachkriegszeit unterbreitete der Kanzler aber nicht in der anschließend verlesenen Note „an alle Feind-Mächte“, an die neutralen Staaten und an „Seine Heiligkeit den Papst“, sondern er wählte stattdessen eine dehnbare Formel: „Zur Verteidigung ihres Daseins und ihrer nationalen Entwicklungsfreiheit wurden die vier verbündeten Mächte gezwungen, zu den Waffen zu greifen. Auch die Ruhmestaten ihrer Heere haben daran nichts geändert. Stets haben sie an der Überzeugung festgehalten, dass ihre eigenen Rechte und begründeten Ansprüche in keinem Widerspruch zu den Rechten der anderen Nationen stehen. Sie gehen nicht darauf aus, ihre Gegner zu zerschmettern oder zu vernichten.“ Die Erwähnung „nationaler Entwicklungsfreiheit “ ließ die Interpretation zu, dass eine Ausweitung der Macht – entweder direkt durch Annexionen oder indirekt über wirtschaftliche und/oder militärische Einflusszonen – noch angestrebt wurde.

Weiter hieß es: „Getragen von dem Bewusstsein ihrer militärischen und wirtschaftlichen Kraft und bereit, den ihnen aufgezwungenen Kampf nötigenfalls bis zum äußersten fortzusetzen, zugleich aber von dem Wunsch beseelt, weiteres Blutvergießen zu verhüten und den Greueln des Krieges ein Ende zu machen, schlagen die vier verbündeten Regierungen vor, alsbald in Friedensverhandlungen einzutreten.“ Der letzte Absatz lautete: „Wenn trotz dieses Anerbietens zu Frieden und Versöhnung der Kampf fortdauern sollte, so sind die vier verbündeten Mächte entschlossen, ihn bis zum siegreichen Ende zu führen. Sie lehnen aber feierlich jede Verantwortung dafür vor der Menschheit und der Geschichte ab.“

Nach mehr als 28 Monaten Krieg handelte es sich hier auf den ersten Blick um ein erstaunliches Angebot. 1914/15 hatte die Reichsleitung zwar über mehrere Kanäle sondiert, ob es möglich sei, das zaristische Russland aus der Allianz der Gegner herauszubrechen; solche Versuche waren an der Bündnistreue von Nikolaus II. zu Frankreich und Großbritannien gescheitert. Offensiven des Kaiserreiches wie auch der Entente-Staaten, um im Jahr 1916 den Stillstand an den Fronten zu beenden und eine Entscheidung herbeizuführen, waren bei Verdun, an der Somme und im Osten gescheitert. Die Verluste – Gefallene, Verwundete, Gefangene – bei diesen Offensiven beliefen sich auf zirka 3,6 Millionen Soldaten.

© www.dhm.de/lemo/kapitel/erster-weltkrieg/kriegsverlauf.html / Bearbeitung F.A.Z. Das Kriegsjahr 1916 verlief für Entente wie Mittelmächte ernüchternd. Deutschlands Versuch, Frankreich in Verdun zu ermatten, scheiterte. Im Gegenzug verfehlten die Gegner an der Somme im Westen wie bei der Brussilow-Offensive im Osten, substantielle Fortschritte zu erzielen.

Aus Berliner Sicht wirkte sich verheerend aus, dass die Zahl der Gegner weiter anstieg. In der Annahme, dass Österreich-Ungarn auf einen baldigen Zusammenbruch zusteuerte, hatte sich zuletzt Rumänien Ende August 1916 auf die Entente-Seite gestellt.

© Picture-Alliance (2) Mit Rumäniens Kriegseintritt auf Seiten der Entente hatte sich das Kräftegewicht im Sommer 1916 zu Ungunsten der Mittelmächte verschoben. Unter dem preußischen Generalfeldmarschall August von Mackensen gelang es am 6. Dezember, die Hauptstadt des Landes zu besetzen. (Mackensen bei der Einnahme, auf einem Schimmel sitzend; mit Pelzmütze nach dem Weihnachtsgottesdienst 1916 in Bukarest). Kurz darauf verlas der deutsche Reichskanzler sein Friedensangebot.

Dafür sollte es einen hohen Preis zahlen: Nach einem relativ schnellen Feldzug besetzten die vier Mittelmächte das Land und zogen am 6. Dezember in Bukarest ein. Mit einer großen Parade und einem Gedenkgottesdienst feierten die Koalitions-Armeen ihren Erfolg. Daraus erklärt auch Michael Epkenhans, leitender Historiker am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam, den Zeitpunkt der Erklärung Bethmann Hollwegs: „Der Sieg über Rumänien, der nach all den Verlusten Stärke symbolisierte, war ein Grund für das Friedensangebot. Damit hatte sich das Reich etwas Luft verschafft.“ Als weiteres Motiv führt Epkenhans die „sich unübersehbar verschlechternde Lage im Innern“ an; wachsende Kriegsmüdigkeit und unübersehbare Not hätten zu Protesten und Streiks geführt.

© Picture-Alliance (3) Im dritten Kriegsjahr litten die Menschen im Deutschen Reich immer stärker unter der Seeblockade der Entente, in deren Folge die Nahrungsmittel immer knapper werden. Vor öffentlichen Suppenküchen 1916 in Berlin herrschte Gedränge. Die Soldaten an der Westfront warteten, kämpften und starben in Trümmerwüsten (ein britischer Soldat inspiziert eine durch Artilleriefeuer zerstörte Glocke eines französischen Dorfes an der Somme; deutsche Soldaten, vermutlich bei einer Granatwurf-Übung, an der Westfront.

Der einst von Kaiser Wilhelm II. verkündete „Burgfrieden“ – gedacht als Zeichen innerer Stärke – drohte an wilden Kriegsziel-Forderungen, die den Mythos vom Verteidigungskrieg infrage stellten, ebenso zu zerbrechen wie an der Sturheit, mit der die alten Eliten jedwede Reform im Innern blockierten. Außerdem wollte man deutscherseits „mit einem eigenen Vorschlag nicht nur kriegsmüden Länder auf der Seite der Entente wie Russland Verhandlungsbereitschaft signalisieren, sondern vor allem auch eine unmittelbar bevorstehende amerikanische Friedensinitiative unterlaufen“.

© Picture-Alliance Der Kaiser, Wilhelm II. (Mitte, Januar 1917), hatte den Oberbefehl im Sommer 1916 de facto an Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg (links) und General Erich Friedrich Wilhelm Ludendorff (rechts) abgegeben. Sie setzten bis zuletzt auf einem militärischen Sieg.

Im Gegensatz zur Friedensresolution des Reichstages vom 19. Juli 1917 ist das Angebot des Kanzlers vom 12. Dezember 1916 wenig bekannt und in seiner Bedeutung umstritten. War es lediglich eine – nicht ehrlich gemeinte – Aktion, um den von der Dritten Obersten Heeresleitung (OHL) unter Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff sowie anderen Scharfmachern längst geforderten uneingeschränkten U-Boot-Krieg zu legitimieren? Dieser sollte einsetzen, falls die Alliierten – was nach Lage der Dinge zu erwarten war – ablehnend auf die Initiative reagierten. Der letzte Absatz der Note weist in eine solche Richtung, so dass der Wiener Historiker Manfried Rauchensteiner meint: „Das war eigentlich keine Friedensnote; es war eine blanke Drohung!“

Bekannt war damals in Berlin, dass der amerikanische Präsident Woodrow Wilson, der Anfang November 1916 wiedergewählt worden war, sich seit längerem mit der Absicht trug, alle am Krieg beteiligten Mächte zu einer Konferenz einladen. Dabei beabsichtigte er, die Kriegführenden aufzufordern, ihre Friedensziele zu benennen. Genau das wollte und konnte die deutsche Reichsleitung nicht. Denn die eigenen Verbündeten waren sich aufgrund widersprechender Interessen noch vollkommen uneinig. Hinzu kam, dass Österreich-Ungarn eine Einmischung des amerikanischen Präsidenten in die Nationalitätenfrage der Doppelmonarchie befürchtete. In einer Rede vor der „League to Enforce Peace“ (LEP) hatte Wilson am 27. Mai 1916 das „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ als eines der Friedensprinzipien proklamiert, was eigentlich nur die Auflösung der Donaumonarchie bedeuten konnte.

Durch den Tod von Kaiser Franz Joseph am 21. November 1916 bestand in Wien eine gewisse Hoffnung auf einen Neubeginn, bei der Wilson eine Vermittlerfunktion zur Entente zukäme.

Picture-Alliance Österreichs Kaiser Franz Joseph I. (Foto: Trauerzug durch Wien Ende November 1916) lehnte eine diplomatische Einmischung Amerikas ab, weil er die Einmischung in die Nationalitätenfrage der K.u.K-Monarchie fürchtete.

Äußerst heikel war auch die Frage der Zukunft Belgiens. Oberste Heeresleitung und Kaiserliche Marine waren hier nicht bereit, irgendwelche Konzessionen zu machen. Im Gegenteil: Im Vorfeld der Rede vom 12. Dezember hatten sie dem Kanzler ihre hypertrophen Ziele noch einmal schriftlich zukommen lassen. Für die Entente und die Neutralen, allen voran die Vereinigten Staaten, war die uneingeschränkte Wiederherstellung und Unabhängigkeit Belgiens mehr als nur eine symbolische conditio sine qua non. Wenn Bethmann Hollweg in seiner Rede darauf nicht einging, nahm er seinem Angebot viel an Glaubwürdigkeit. „Gleichwohl wäre es verfehlt, Bethmann Hollweg von vornherein ein rein taktisches, nicht ehrlich gemeintes Manöver zu unterstellen“, räumt Epkenhans ein. Man dürfe die Schwierigkeiten nicht übersehen, mit denen er sich auseinandersetzen musste. Groß war der Jubel laut Reichstags-Protokoll: „links und in der Mitte“ sowie „wiederholtes stürmisches Bravo“. Groß war aber auch die Skepsis, die beispielsweise aus dem Tagebuch des Seeoffiziers Rudolph Firle über Reaktionen der Militärs nach Lektüre des Friedensangebotes hervorgeht: „Alles war erschlagen und stand der Sache missbilligend gegenüber. Wenn der Reichskanzler, dessen urureigenster Schritt die Sache zu sein scheint, nicht bis jetzt immer das Falsche gemacht hätte, würde man ja Vertrauen haben, aber so hat es, glaube ich, kein Mensch. Die Rede des Reichskanzlers und die Note sind das übliche Gewäsch alter Weiber über den lieben Gott, Menschlichkeit, Blut – als ob nicht der christlichste und sein Volk am meisten Liebende der wär, der seine Gegner restlos zu Boden schlüge.“

Vor dem Hintergrund solcher Stimmungen konnte der Kanzler weder sagen, wie ernst die Lage wirklich war, noch welche Ziele das Reich tatsächlich verfolgte. Man kann ihm jedoch vorwerfen, dass er die erwartete amerikanische Initiative mit seiner überhasteten eigenen Aktion im Grunde torpedierte.

© Picture-Alliance Der amerikanische Präsident Woodrow Wilson wollte nach seiner Wiederwahl im November 1916 die kriegführenden Nationen zu einer Konferenz bitten, auf der sie ihre Ziele benennen sollten. Bald wurde klar: Sie lagen zu weit auseinander.

Wilson beschränkte sich schließlich nicht auf die gewünschte Vermittlerrolle, sondern forderte in einer auf den 18. Dezember datierten und am 20. Dezember übergebenen Note alle kriegführenden Parteien auf, ihre Ziele genauer zu formulieren; vielleicht wären sie gar nicht weit voneinander entfernt, so dass dem Schein der Gegensätze zum Trotze eine Verständigung möglich sei.

Ohne die Reaktionen der Entente abzuwarten, preschte der neue Staatssekretär des Auswärtigen Amts, Arthur Zimmermann, mit der Antwortnote an Wilson hervor, die er am zweiten Weihnachtstag 1916 dem amerikanischen Botschafter James Watson Gerard überreichte: Deutschland wünsche eine Erörterung der Friedensbedingungen „in unmittelbarem Gedankenaustausch“ mit den Kriegsgegnern – also ohne Beteiligung der Vereinigten Staaten, die erst nach Kriegsende zugezogen werden sollte. Trotz aller verhüllenden Worte handelte es sich hier – wie der Historiker Gerhard Ritter vor 50 Jahren in seiner Studie „Staatskunst und Kriegshandwerk“ treffend bemerkte – um „eine Art von Misstrauenserklärung“ gegenüber Amerika: „Ob Bethmann ebenso dachte, ist zweifelhaft; aber er stand in diesen Wochen unter stärksten politischen Druck der OHL, was ihn erst recht skeptisch und unsicher machte. So ließ er Zimmermann freie Hand.“

Am Silvestertag 1916 veröffentlichten die Alliierten ihre Antwort auf das Angebot Bethmann Hollwegs. Sie machten deutlich, dass der Kanzler die augenblickliche Gunst der militärischen Lage ausnutzen und der Welt einen „deutschen Frieden“ aufzwingen wolle. Als Vorbedingungen für Verhandlungen müsse erst einmal Gewähr bestehen für die Wiederherstellung aller verletzten Rechte und Freiheiten, die Anerkennung des Nationalitätenprinzips, die freie Existenz der kleinen Staaten, wirksame Garantien der allgemeinen Sicherheit, die endgültige Beseitigung der schon lange anhaltenden Bedrohung der Welt. Die ablehnende Haltung der Entente hing mit der Befürchtung zusammen, dass das Deutsche Reich seine Bemühungen um einen Sonderfrieden mit Russland verstärken könne. Weil der deutsche Schritt bei den Bevölkerungen in neutralen Länder, aber auch in den Entente-Staaten überwiegend positiv aufgenommen worden war, sahen sich der französische Ministerpräsident Aristide Briand und der neue britische Premierminister David Lloyd George gezwungen, drastisch Stimmung gegen das „Täuschungsmanöver“ zu machen und den Reichskanzler sogar als „Verbrecher“ zu titulieren.

© Picture-Alliance Postkarte aus dem Ersten Weltkrieg (Der gezeigte französische Ministerpräsident ist 1916 schon aus dem Amt.)

Am 10. Januar 1917 reagierte die Entente auch auf die Wilson-Note und äußerte sich zu eigenen Zielen und Prinzipien. Dazu gehörten die Rückgabe Elsass-Lothringens an Frankreich, die Befreiung Europas vom habsüchtigen deutschen Militarismus sowie Forderungen, die Österreich-Ungarn und das Osmanische Reich in ihren Grundfesten erschüttert hätten. Die Unvereinbarkeit der Positionen aller Kriegsgegner war damit zu Jahresbeginn 1917 deutlicher denn je hervorgetreten.

Am 1. Februar eröffnete Deutschland den uneingeschränkten U-Boot-Krieg und zog innerhalb kurzer Zeit vorsätzlich die Vereinigten Staaten mit in den Krieg. Wenige Wochen später brach zudem das Zarenreich zusammen. Beide Ereignisse sollten sich schneller als erwartet als weltgeschichtlich bedeutsam herausstellen.

© Picture-Alliance Die Alliierten antworten am Silvestertag des Jahres 1916 ablehnend auf die Offerte des deutschen Reichskanzlers. Kurz darauf beginnen die Ereignisse, sich zu überschlagen. Das Deutsche Reich eröffnete den uneingeschränkten U-Bootkrieg (Foto: U-35 neben einem Handelsschiff im Mittelmeer im Mai 1917). Die Vereinigten Staaten traten daraufhin in den Weltkrieg ein. Kurz darauf brach das Zarenreich zusammen.

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 12.12.2016 11:04 Uhr