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Ernst Jünger und Maurice Genevoix : Die Wahrheit aus dem Schützengraben

Soldat und Dichter: Ernst Jünger im Uniformmantel mit Orden Bild: Klett-Cotta Verlag

Achilles und Hektor im Ersten Weltkrieg: Ernst Jünger und Maurice Genevoix standen sich an der Front gegenüber. Von beiden stammen die Bücher, die das Bild des Kriegs in ihren Ländern geprägt haben.

          Wie Achilles und Hektor standen sie sich in Verdun an der Front gegenüber und wurden am selben Tag verletzt: Maurice Genevoix und Ernst Jünger, die sich später nie begegneten, machten aus dem Krieg Literatur. Und zwar die beste, meint Bernard Maris, der beide Männer jetzt in einem Buch zusammenführt.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          Sein Buchhändler in der Altstadt von Toulouse empfahl den „jungen Anarchisten, linken und rechten“, Bücher, die nicht in der Schule gelesen wurden: Malraux, Drieu la Rochelle, auch Simone Weil. Und mit geradezu „religiösem“ Nachdruck die „Stahlgewitter“. Um Ernst Jünger zelebrierte Frankreich einen Kult, dessen Intensität Maris, 1946 geboren, keineswegs für übertrieben hält. Jetzt, da er etwas abgeflaut ist, schickt Maris sich an, ihn zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor hundert Jahren zu erneuern. Er hat Jünger und Maurice Genevoix ein erstaunliches Buch gewidmet: „L’Homme dans la guerre“ (Grasset) - Der Mensch im Krieg.

          Später haben sie sich nie getroffen

          Auch „Winnetou“ hat Maris gelesen, denn „Hitler und Jünger bewunderten Karl May“, dessen Rezeption Frankreich vermutlich wegen des historischen Kontexts völlig verpasst hatte. Von Maurice Genevoix indes, der 1946 in die Académie Française gewählt worden war, hatte ihm sein Buchhändler und Freund nie etwas erzählt. Maris entdeckte ihn erst Jahrzehnte später, als er - inzwischen ein bekannter Journalist bei „Le Monde“ und Mitbegründer der Satirezeitschrift „Charlie-Hebdo“ - in zweiter Ehe dessen Tochter heiratete, Sylvie Genevoix, ebenfalls Journalistin und Schriftstellerin.

          Mit Jünger konnte sie weniger anfangen als ihr Mann. Auf das Verhältnis des Vaters zu dem Deutschen wurde sie auch von Julien Gracq angesprochen. Genevoix hatte Jünger, mit dem Gracq befreundet war, nie gelesen und kein Bedürfnis, ihn zu treffen. Als Initiant des Memorials von Verdun nahm er an jeder Gedenkfeier teil. 1979 kam Ernst Jünger, aber „diesmal war Genevoix abwesend“, berichtet Bernard Maris - ohne für dieses Fehlen einen Grund anzugeben. Als wenige Jahre später Mitterrand und Kohl Hand in Hand über die Schlachtfelder schritten, war Jünger auf Einladung des französischen Präsidenten dabei. Und Maurice Genevoix inzwischen gestorben, im Jahr 1980.

          Am selben Tag, an selber Stelle

          Genevoix, geboren 1890, war im August 1914 mobilisiert worden. Der Krieg unterbrach seine akademische Laufbahn. Er schreibt seinem Professor Paul Dupuy Briefe von der Front. Dupuy ist von ihrer literarischen Bedeutung überwältigt und beschwört ihn, alles zu notieren, nichts zu verlieren. Nach seiner Rückkehr wollte Genevoix, der an Depressionen litt, das Schreiben aufgeben. Dupuy überrumpelte ihn mit einem Vertrag beim Verlag Hachette. 1916 erschien der erste Teil von „Ceux de 14“ (Die von 14): „Bei Verdun“.

          Für Maris ist „Jünger ein geborener Dichter, Genevoix wurde vom Krieg dazu gemacht“. Nach 1918 verzichtete der Franzose auf den Beruf und lebte von seinen Büchern. 1925 bekam Genevoix den Prix Goncourt für seinen Roman „Raboliot“, der nicht mehr von Verdun handelt, sondern die Natur besingt. Später hat man den Klassiker der Kriegsliteratur als Pionier des Umweltschutzes gefeiert. Auf dem Denkmal in Les Eparges bei Verdun steht in Stein gemeißelt ein Satz von Maurice Genevoix: „Was wir gemacht haben ist mehr, als man von Menschen verlangen kann, und wir haben es gemacht.“ Das Zitat, glaubt Bernard Maris, könnte genauso gut von Jünger sein.

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