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Völkermord an den Armeniern : Leugnen und vergessen

In der Türkei wird der Genozid an den Armeniern geleugnet. Bild: AFP

Der Völkermord an den Armeniern war eine Voraussetzung für die Gründung der Republik. Ihn einzugestehen würde für die Türken bedeuten, diese zu beflecken.

          Am Abend des 24. April 1915 wurde in Istanbul die Elite der armenischen Gemeinde verhaftet und bis auf wenige Ausnahmen liquidiert. Anschließend wurden die Armenier entwaffnet und ermordet, die in der osmanischen Armee dienten. Dann telegraphierte die jungtürkische Regierung in alle Provinzen den Befehl, Frauen, Kinder und Alte zu „deportieren“. Die einen wurden an ihrem Wohnort ermordet, die anderen mit Todesmärschen „umgesiedelt“. Die Syrische Wüste wurde zum Massengrab. Wer nicht massakriert wurde oder Selbstmord beging, verdurstete oder verhungerte. Im Jahr 1948 veranlassten die Greueltaten an den Armeniern die Vereinten Nationen, auch die „vorsätzliche Auferlegung von Lebensbedingungen, die geeignet sind, die körperliche Zerstörung einer Gruppe ganz oder teilweise herbeizuführen“, in die nunmehr offizielle Definition von Völkermord aufzunehmen.

          Das Osmanische Reich befand sich 1915 im Krieg. Jedoch geht es in der Beurteilung des Völkermords an den Armeniern weniger um das, was im Krieg geschah, sondern um das, was sich in dessen Schatten ereignet hat. Im Auftrag der Regierung hatten Banden schon 1914 im Osten Anatoliens armenische Dörfer überfallen - als Rache dafür, dass Armenier mit Russland zusammenarbeiteten. Als sich die militärische Lage verschlechterte, beschloss die jungtürkische Regierung im März 1915 die „Umsiedlung der inneren Feinde“, allen voran der Armenier und der assyrischen Christen.

          Hier und da lagen den Deportationen militärische Überlegungen zugrunde. Der Schatten des Kriegs bot aber auch die Gelegenheit für einen radikalen Neubeginn. Denn der osmanische Vielvölkerstaat zerfiel. Diesen Zerfall sollte erst ein Panislamismus aufhalten, der alle christlichen Gruppen ausschloss, dann ein Panturkismus, der bis auf die Türken alle anderen ausschloss. Die jungtürkische Regierung wollte auf dem Boden Anatoliens eine homogene türkische Nation und für diese einen Nationalstaat schaffen.

          Ein schmerzhafter Übergang

          Systematisch wurde die größte nichtmuslimische Volksgruppe ausgelöscht. Nicht die Armee organisierte den Genozid, sondern die zivilen Institutionen des Staats und des jungtürkischen „Komitees für Einheit und Fortschritt“. Der Völkermord wurde so eine Voraussetzung für die Gründung der Republik. Ihn einzugestehen würde für die Türken bedeuten, ihre Republik zu beflecken. Was der französische Zivilisationsforscher Ernest Renan 1882 mit Blick auf die Entstehung des französischen Nationalstaats geschrieben hat, gilt noch mehr für die moderne Türkei: „Wesentlich bei der Schaffung einer Nation ist das Vergessen.“ Denn die Entstehung jeder Nation sei, wenn auch in unterschiedlichem Maß, stets von Gewalt begleitet.

          Diese Seite der türkischen Geschichte sollte und soll unsichtbar bleiben. Schließlich waren viele, die die Republik entworfen und militärisch herbeigeführt haben, zuvor auch für den Völkermord verantwortlich. Zudem konnte eine türkische Bourgeoisie nach 1923 auch deshalb entstehen, weil das Vermögen der vertriebenen und getöteten Armenier an Türken fiel.

          Der Wunsch, zu vergessen, hat nicht allein mit Schuld zu tun. Denn die Geschichte des späten Osmanischen Reichs war eine Geschichte von militärischen Niederlagen, von Demütigungen und Traumata; der Völkermord an den Armeniern markiert das Ende dieses Osmanischen Reichs. Schmerzhaft war auch der Übergang vom imperialen Reich zum Rumpfstaat der Republik. Umso wichtiger wurde es, die Geschichtsschreibung den Bedürfnissen des jungen Staates anzupassen. Seither ist die Republik von Tabus umstellt: Jeder Bewohner ist Türke, es gibt keine Kurden; der Staat ist laizistisch, der Islam ein Feind; einen Völkermord gab es nicht. Als Recep Tayyip Erdogan noch Ministerpräsident war, konnte er sagen: „Meine Vorfahren haben keinen Völkermord begangen, sie tun so etwas nicht.“

          Türken und Deutsche stellen sich ihrer Geschichte auf verschiedene Weise. Während für die Türken die Leugnung des Völkermords grundlegend ist für die Identifizierung mit der Republik, ist für die Deutschen das Eingeständnis des Holocausts grundlegend für die deutsche Identität nach 1945. Während die Türkei historische Amnesie praktiziert, lebt in Deutschland eine Kultur des Erinnerns und Gedenkens. Allein deswegen wäre es gut gewesen, hätte sich die Bundesregierung in den vergangenen Wochen - anders als Bundespräsident Gauck und der Bundestag - in der Diskussion über die Verwendung des Begriffs Völkermord offener und würdiger verhalten.

          Schließlich diskutiert die Türkei selbst seit mehr als einem Jahrzehnt über „die Massaker von 1915“, so die Sprachregelung. Der Mord an den Armeniern wird nicht länger geleugnet, wohl aber der Tatbestand des Völkermords. Dieser Wandel ist nicht zuletzt eine Folge der Ermordung des armenischen Intellektuellen Hrant Dink im Jahr 2007. Der Trauermarsch für ihn war der größte in der jüngeren Geschichte der Republik. Nicht erfüllt haben sich seither die Hoffnungen, dass die Türkei durch ein gemeinsames Erinnern Frieden mit sich und ihrer Geschichte findet.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

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