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Veröffentlicht: 29.06.2014, 15:51 Uhr

Der Erste Weltkrieg Deutschland ist schuld – oder?

Werden wir uns, was den Weg in den Ersten Weltkrieg angeht, nie darüber einig, „wie es wirklich war“? Drei unterschiedliche Gewichtungen der Verantwortlichkeiten zeigen, dass einfache Urteile die Wirklichkeit der Juli-Krise verfehlen.

von Professor Dr. Peter Graf Kielmansegg
© AP Britischen Truppen unter Beschuss. Wer trägt die Schuld am Kriegsausbruch?

Ein Satz, geschrieben 1958, vierzig Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs: „Jetzt ist diese blutige Geschichte tief genug in den Hintergrund gerückt und von jüngerem, noch böserem Unfug überschattet, so dass es denn wohl endlich möglich ist, sie darzustellen, wie sie wirklich war, in ihrer Schuld und Halbschuld, ihrer ganzen menschlichen Unzulänglichkeit überall, ohne dass die Gelehrten sich länger darüber in die Haare geraten müssten.“ Mit diesen Worten beschloss Golo Mann das Kapitel über die Julikrise 1914 in seiner „Deutschen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts“. Er wurde bald eines Besseren belehrt.

1961, nur drei Jahre später, erschien Fritz Fischers „Griff nach der Weltmacht“. Der Streit darüber, wer schuld sei an der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, wurde neu eröffnet und ein Jahrzehnt lang schärfer und erbitterter weitergeführt als je zuvor. Auch wenn die Öffentlichkeit ihn nach den Fischer-Jahren wieder aus den Augen verlor, was der Forschung durchaus zugute kam, so zeigt das Gedenkjahr 2014 mit seiner Flut von Veröffentlichungen, dass von einem Konsens unter den Historikern noch immer keine Rede sein kann. Und auch, dass die Schuldfrage noch immer heftig bewegt.

Schuld prägte die Debatte

Weil Deutschland das Schlüsselthema der Kriegsschulddebatte war und es immer noch ist, ist diese Debatte nirgends ausdauernder, heftiger und mit größerer öffentlicher Resonanz geführt worden als hierzulande. In anderen Ländern war das Thema im Wesentlichen eine Sache der Historiker, mit gelegentlicher Anteilnahme einer Öffentlichkeit, die mit der Auskunft ganz zufrieden sein konnte, Deutschland alleine trage die Verantwortung für diesen Krieg. In Deutschland hingegen stellte die Debatte die Nation immer wieder neu vor die Frage, was sie von sich zu halten habe.

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Und noch etwas hat das Verdikt von Versailles bewirkt: „Schuld“ wurde die Kategorie, die die Debatte auf Dauer prägte. Der moralische, anklagende Gestus, der dem Begriff Schuld eigen ist, ist gegen alle Versuche der Versachlichung letztlich immer bestimmend geblieben – ob nun einzelne Politiker und Generäle, ganze Führungsschichten oder gar Nationen für schuldig erklärt wurden.

Die Sieger wollten bedingungslose Unterwerfung

Aus der Jahrhundertgeschichte der Kriegsschulddebatte treten zwei Hochphasen hervor: die ersten anderthalb Jahrzehnte nach dem großen Krieg und die vom Streit über die Thesen Fritz Fischers erfüllten sechziger Jahre. Zwar hatten alle an der Julikrise beteiligten Mächte schon bald nach dem Ausbruch des Krieges eilig den Versuch unternommen, in sogenannten Farbbüchern die Welt, vor allem aber die eigenen Völker von ihrer Unschuld zu überzeugen.

Aber wirklich dramatisch eröffnet wurde die Kriegsschulddebatte doch erst durch den berüchtigten Artikel 231 des Versailler Vertrages: „Die alliierten und assoziierten Regierungen erklären und Deutschland erkennt an, dass Deutschland und seine Verbündeten als Urheber für alle Verluste und Schäden verantwortlich sind, die die alliierten und assoziierten Regierungen infolge des Krieges, der ihnen durch den Angriff Deutschlands und seiner Verbündeten aufgezwungen wurde, erlitten haben.“ Alle Versuche Deutschlands, wenigstens gegen diesen Artikel einen Vorbehalt aufrechtzuerhalten, waren vergeblich. Die Sieger bestanden auf bedingungsloser Unterwerfung.

Deutschland wollte Europa „beherrschen“ und „tyrannisieren“

Man hat später gegen die deutsche Empörung geltend gemacht, Artikel 231 sei keineswegs als politisch-moralische Verurteilung gemeint gewesen, sondern habe nur die Rechtsgrundlage für die Reparationsforderungen abgeben sollen. Tatsächlich steht der Artikel am Beginn des Abschnitts über die Wiedergutmachung. Das Ultimatum freilich, mit dem die Sieger die Unterzeichnung des Vertrages erzwangen, spricht eine andere Sprache. Es zeichnete in aller Ausführlichkeit ein Bild von Deutschland und seiner Vorkriegspolitik, wie es schwärzer nicht gedacht werden kann. Deutschland habe den Krieg planmäßig vorbereitet und bewusst entfesselt, um „ein unterjochtes Europa zu beherrschen und zu tyrannisieren“. In diesem Urteil sei sich die ganze zivilisierte Welt (zu der Deutschland also nicht gehörte) einig. Deutschland sollte gedemütigt werden, und es wurde gedemütigt.

Ein selbstkritisches Nachdenken über die Ursachen der Katastrophe, das doch so dringlich geboten war, wurde dadurch in Deutschland praktisch unmöglich. Alle Kräfte, alle Leidenschaft galten jetzt der Widerlegung der „Kriegsschuldlüge“. Das Auswärtige Amt richtete ein Kriegsschuldreferat ein, etablierte eine höchst aktive „Zentralstelle für Erforschung der Kriegsursachen“ und gab eine Monatsschrift „Die Kriegsschuldfrage“ heraus. Was als Kampf gegen die These von der alleinigen Verantwortung Deutschlands begann, wurde bald zum Kampf für die These von Deutschlands Unschuld: Das Reich habe, von der Triple Entente eingekreist, einen Verteidigungskrieg geführt. Man behauptete es nicht nur, man glaubte es.

Standen die Vereinigten Staaten auf der richtigen Seite?

Auch die deutsche Geschichtswissenschaft der zwanziger Jahre war, obschon sie ihre Unabhängigkeit von den amtlichen Anstrengungen wahrte, im Schatten von Versailles im Wesentlichen auf Verteidigung gestimmt. Selbst die monumentale Aktenedition „Die große Politik der europäischen Kabinette“, der wichtigste deutsche Beitrag zur Kriegsschulddebatte in den zwanziger Jahren, die den Anstoß für vergleichbare, vielbändige Editionen aller Hauptbeteiligten gab, ist nicht frei von apologetischen Tendenzen.

Dass das Verdikt von Versailles von den späten zwanziger Jahren an auch außerhalb Deutschlands zunehmend kritisch betrachtet wurde, ist freilich nicht so sehr den deutschen Anstrengungen als vielmehr einem Stimmungswandel in der angelsächsischen Welt zuzuschreiben. Zumal in den Vereinigten Staaten, die sich nach Versailles vom europäischen Schauplatz zurückgezogen hatten, stellte man sich die Frage, ob es richtig gewesen sei, in den europäischen Krieg einzugreifen – und wenn ja, ob man auf der richtigen Seite gestanden habe.

Amerikanische Historiker waren es denn auch, die die ersten großen Gesamtdarstellungen der Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs vorlegten, die den Mittelmächten günstig waren. Zuerst 1925 Harry E. Barnes, dann 1930, ausgewogener, gründlicher und einflussreicher Sidney B. Fay. Zwar präsentierte noch im selben Jahr ein anderer amerikanischer Historiker, Bernadotte E. Schmitt, Deutschland entschieden die Hauptverantwortlichkeit zuweisend, die Gegenposition mit gleicher Gründlichkeit. Aber zumindest wird man sagen dürfen: Anfang der dreißiger Jahre stand es unentschieden. Dann kamen Hitler und der Zweite Weltkrieg. Danach blickten eine andere Welt und ein anderes Deutschland zurück auf das, was nun der Erste Weltkrieg war.

Die Deutschen stellten die entscheidende Weiche

Es war der Hamburger Historiker Fritz Fischer, der in den späten Jahren der Adenauer-Ära die alte Debatte neu entfachte. In seinem Buch „Griff nach der Weltmacht“ ging es in der Hauptsache um die Kriegszielpläne, die das kaiserliche Deutschland in den Kriegsjahren entwickelt hatte. Aber in einem einleitenden Kapitel über die Julikrise führte Fischer die These aus, Deutschland sei im Sommer 1914 die auf den Krieg hintreibende Kraft gewesen, habe mit seinem der Doppelmonarchie ausgestellten Blankoscheck die entscheidende Weiche gestellt und trage deshalb die Hauptverantwortung für den Krieg.

Acht Jahre später, in einem zweiten Buch („Der Krieg der Illusionen“) verschärfte Fischer sein Verdikt, wie er denn überhaupt im Fortgang der Diskussion immer unerbittlicher und einseitiger in seinem Urteil über Deutschland wurde. Jetzt, 1969, stand für ihn fest, dass Deutschland spätestens seit 1912 den großen Krieg planmäßig vorbereitet und zwei Jahre später gezielt herbeigeführt habe.

Fischers Thesen lösten eine der leidenschaftlichsten Debatten der Geschichtswissenschaft des zwanzigsten Jahrhunderts aus, vor allem in Deutschland, aber auch darüber hinaus. Dabei wiederholte jedenfalls das erste der beiden Bücher eigentlich nur, was Bernadotte Schmitt und dann vor allem der italienische Publizist Luigi Albertini in seiner monumentalen dreibändigen Studie über die Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs, der ersten, die auf die Aktenpublikationen aller beteiligten Mächte zurückgreifen konnte, in einer bis heute unübertroffenen Detailgenauigkeit schon dargelegt hatten. Aber Albertinis Werk war auf Italienisch in den Jahren des Zweiten Weltkriegs erschienen. Es blieb bis in die späten fünfziger Jahre, als es schließlich ins Englische übersetzt wurde, von der Forschung fast unbeachtet. Fischers Thesen hingegen hatten ein weltweites Echo.

Es ging um mehr als die Wahrheit über die Julikrise

In Deutschland war der publizistische Rückenwind für Fischer so stark wie der Widerspruch aus der Zunft heftig, vor allem aus den Reihen der älteren Historiker. Jenseits der Grenzen, das überrascht nicht, überwog die Zustimmung, wenn auch den Überspitzungen des zweiten Bandes, denen ein tragfähiges Quellenfundament ersichtlich fehlte, nur noch wenige folgten.

Dass die Debatte der sechziger Jahre eine ganz andere war als die der zwanziger, braucht kaum gesagt zu werden. Die eine wurde im Schatten von Versailles geführt, die andere im Schatten Hitlers und des Zweiten Weltkriegs. Die eine war in Deutschland nicht eigentlich eine Debatte gewesen, sondern ein fast einstimmiges Aufbegehren gegen den Artikel 231. Die andere wurde zu einem Großkonflikt über die Deutung der neueren deutschen Geschichte. Sind die beiden Weltkriege gleichermaßen als zwei Anläufe eines kontinuierlichen deutschen Bestrebens zu verstehen, sich Europa zu unterwerfen? War Hitler mithin nur der letzte, schrecklichste Anführer auf einem langen deutschen Irrweg? Ein Gutteil der Leidenschaft, mit der gestritten wurde, speiste sich aus dem Umstand, dass es jedenfalls für die Deutschen um mehr ging als nur um die Wahrheit über die Julikrise.

Wie war es wirklich?

Noch in den Diskussionen des Jahres 2014, die sich durch eine bemerkenswerte Vielfalt der Meinungen auszeichnen, klingt das deutlich nach - vor allem in den Reaktionen auf Christopher Clarks Deutschland entlastendes Buch „Die Schlafwandler“. Wer sich in die Fischer-Tradition stellt, sieht den Erfolg des Buches in Deutschland mit Besorgnis. Die deutsche Demokratie, das ist die Prämisse dieser Besorgnis, kann nur gedeihen, wenn die Deutschen ein negatives Bild ihrer Geschichte bis weit zurück ins neunzehnte Jahrhundert haben. Da stört Christopher Clark. Die politische Dimension des Streites über die Julikrise ist auch hundert Jahre später noch mit Händen zu greifen.

Werden wir uns also, was die Julikrise angeht, nie darüber einigen können, „wie es wirklich war“? Im Jahr 1971 veröffentlichte der amerikanische Politikwissenschaftler Graham T. Allison eine aufsehenerregende Studie über die Kuba-Krise – „Essence of Decision“. Allison beschreibt in diesem Buch die Washingtoner Entscheidungsvorgänge dreimal hintereinander, jedes Mal aus einer anderen analytischen Perspektive. Jede dieser Beschreibungen präsentiert ein anderes Bild der Verantwortlichkeiten. Und doch ist jede auf ihre Weise zutreffend. Lassen sich komplexe historische Abläufe in der geschichtswissenschaftlichen Rekonstruktion möglicherweise nicht in einer einzigen Erzählung, einer einzigen analytischen Aufschlüsselung mit exklusivem Wahrheitsanspruch wiedergeben? Die Frage legt es nahe, Allisons Experiment mutatis mutandis auch mit der Julikrise anzustellen. Drei Perspektiven, gewiss nicht die einzig denkbaren, bieten sich dafür an.

Wie ist die Krise verlaufen?

Der Krieg ist nicht wie ein Naturereignis über Europa hereingebrochen. In den fünf Wochen zwischen dem 28. Juni und dem 1. August sind Entscheidungen getroffen worden, die in den Krieg mündeten. Andere Entscheidungen hätten zu einem friedlichen Ausgang der Krise führen können. Nichts liegt also näher, als die Krise als eine Abfolge von Entscheidungen der fünf Großmächte und Serbiens zu beschreiben und die Verantwortung an den Entscheidungen festzumachen. Das ist der erste und einfachste Zugriff auf das Geschehen. Im Visier ist das „Wie“ des Krisenverlaufs.

Entscheidungen werden in bestimmten Konstellationen getroffen. Eine Entscheidung verstehen heißt die Entscheidungskonstellation deuten. Dazu gehört die Rekonstruktion der Handlungsspielräume, der Möglichkeiten, die in einer bestimmten Konstellation gegeben waren. Das kann aus der Sicht der Handelnden geschehen: Wie haben sie das Tableau ihrer Optionen wahrgenommen? Das kann aber auch aus der Sicht des Betrachters geschehen: Welche Möglichkeiten des Entscheidens barg eine bestimmte Konstellation? Verantwortung lässt sich dann festmachen an den Möglichkeiten, unter denen die Handelnden wählen konnten. Im Visier ist das „Warum“ des Krisenverlaufs.

Eine Kette von Entscheidungen führte zum Krieg

Oft, nicht immer, ist es aber auch sinnvoll, Entscheidungen nicht nur von den Akteuren her zu analysieren, die sie treffen, sondern in ihrer systemischen Bedingtheit. Das ist die dritte Perspektive. Für die Julikrise ist sie in hohem Maße wichtig. Sie ignoriert die Verantwortlichkeit der Handelnden nicht. Aber sie setzt sie in Beziehung zu den Konditionierungen ihres Handelns. Im Visier ist der Grad der Determiniertheit des Krisenverlaufs.

Das ist, aufs Wesentliche reduziert, die Kette der Entscheidungen, die vom Attentat von Sarajevo in den großen Krieg geführt haben: Am Anfang steht die Entscheidung der Doppelmonarchie, rasch getroffen und ohne jedes Schwanken durchgehalten, die Mordtat von Sarajevo mit einem Krieg gegen Serbien zu beantworten. Deutschen Drängens bedurfte es dazu nicht. Es folgt die – vieldiskutierte – deutsche Entscheidung, Österreich-Ungarn Rückendeckung für den wahrscheinlichen Fall russischen Eingreifens zuzusagen. Dass diese Zusage im vollen Bewusstsein gegeben wurde, damit das Risiko eines großen Krieges heraufzubeschwören, steht inzwischen außer Zweifel. Zu der Frage, ob Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg gehofft habe, der militärische Konflikt werde sich lokalisieren lassen, wird man vermutlich nicht mehr sagen können, als dass seine Erwartungen im Fortgang der Krisenwochen schwankend waren; und, dass die Österreich früh gegebene Zusage erst im letzten Augenblick ein wenig relativiert wurde.

Dann war Russland an der Reihe. Das Zarenreich entschied sich, sollte Österreich Serbien angreifen, seinerseits Serbien zu Hilfe zu kommen, also Österreich anzugreifen. Das würde, wie jedermann wusste, kraft Bündnisvertrages Deutschland ins Spiel bringen. Und das wiederum, auf der anderen Seite, Frankreich. Tatsächlich hat Frankreich, das war die vierte Entscheidung, Russland für den Ernstfall vorbehaltlos seines Beistandes versichert. Die fünfte Entscheidung schließlich: Serbien wies, von Russland ermutigt, das österreichische Ultimatum im Kern zurück. Von da an nahmen die Dinge ihren Lauf.

Agieren und reagieren

Großbritannien kommt in dieser Abfolge nicht vor. Großbritannien hat sich in der Tat als einzige europäische Großmacht ernsthaft darum bemüht, den Frieden zu bewahren. Allerdings nicht rechtzeitig, nicht mit dem nötigen Nachdruck und nicht mit jener Äquidistanz zu den beiden Lagern, die für einen Erfolg unabdingbar gewesen wäre. Ob es solche Erfolgsaussichten überhaupt gab, ist ungewiss. Jedenfalls ist im Fall Großbritannien eher über Nichtentscheidungen als über Entscheidungen zu sprechen.

Fünf Schlüsselentscheidungen also: Wer diese Sequenz zur Grundlage seines Urteils macht, wird die Hauptlast der Verantwortung denen zuschreiben, deren Entscheidungen die Kettenreaktion in Gang setzten – Österreich-Ungarn und Deutschland. Sie haben, wenn auch durch das Attentat provoziert, agiert, die anderen reagiert.

War es besser den Krieg zu riskieren?

Von den komplexen Entscheidungskonstellationen kann nur andeutungsweise die Rede sein. Die Doppelmonarchie sah sich vom großserbischen Ehrgeiz Serbiens existentiell herausgefordert, der die südslawischen Gebiete der Monarchie im Visier hatte. Sie glaubte, um ihr Überleben kämpfen zu müssen. Dabei nahm sie, auf Deutschlands Stärke vertrauend, die Interventionsdrohung Russlands mit unbegreiflicher Gleichgültigkeit in Kauf. Deutschland sah die Schwäche seines Bundesgenossen, sich selbst aber stark, aber schwächer werdend in Relation zu der vermeintlich unaufhörlich wachsenden militärischen Macht Russlands; sah sich vom französisch-russischen Bündnis umklammert, das im Begriff schien, auch militärisch zur Triple Entente zu werden.

Sollte man dem Bundesgenossen in den Arm fallen und sich damit vielleicht auch diesem letzten Partner entfremden? War es nicht besser, den Krieg, der doch einmal kommen würde, rechtzeitig zu riskieren, jetzt, da noch Aussicht bestand ihn zu gewinnen? Das war der Schluss, den vor allem die führenden Militärs zogen. An diesem Punkt wird sichtbar, dass die geographische Mittellage Deutschlands eben doch ein wesentlicher Faktor war. Einen Zwei-Fronten-Krieg gegen zwei Großmächte hatte nur Deutschland zu fürchten. Das Dringen des deutschen Generalstabs auf einen Präventivkrieg ist nicht zu erklären, wenn man die Zwänge dieser Lage nicht in Rechnung stellt.

Die Monarchie sei in Gefahr

Russland sah sich als Schutzmacht der Balkanslawen, aller Slawen; es glaubte, Serbien nicht im Stich lassen zu dürfen. Die Monarchie sei in Gefahr, konnte man in den kritischen Julitagen in Petersburg hören, wenn man eine Demütigung Serbiens zulasse. Mit der panslawistischen Attitüde verbanden sich Russlands eigene Hegemonialinteressen auf dem Balkan, bis hin zu den Meerengen, die nur gegen die Doppelmonarchie (und damit auch gegen Deutschland) durchzusetzen waren.

Für Frankreich schließlich war das Bündnis mit Russland der Eckstein seiner Sicherheit. Es war wichtiger als die Bewahrung des Friedens. Alles kam darauf an, dass Russland im Ernstfall gegen Deutschland antrat. Dafür bot die Konstellation des Juli 1914 gute Aussichten – es war ja der Zusammenstoß zwischen Österreich und Russland auf dem Balkan, der den großen Krieg auslösen würde. So hatte der französische Staatspräsident Raymond Poincaré bei seinem Besuch in Petersburg Mitte Juli dem Zaren denn auch keinen anderen Rat zu geben als den der „fermeté“ (Unnachgiebigkeit).

Es gibt, fasst man diese europäischen Konstellationen insgesamt ins Auge, gute Gründe für den Schluss, dass die Entente die etwas größeren Handlungsspielräume hatte. Sie war, mit dem Rückhalt an der seebeherrschenden Weltmacht England, die stärkere Allianz: Niemand konnte bei allen Ungewissheiten der Krisenwochen ja daran zweifeln, dass England niemals zulassen würde, dass Deutschland Frankreich niederwürfe. Die Entente stand nicht unter Zeitdruck, wie ihn Deutschland mit seinen militärischen Planungen für sich selbst erzeugt hatte.

Die Frage nach der Macht

Zudem: Russlands Bestrebungen auf dem Balkan und Österreichs Überlebensinteressen waren nicht von gleichem Rang. Dennoch hat die Entente in keinem Augenblick ernsthaft darüber nachgedacht, wie weit sie der Doppelmonarchie entgegenkommen könne. Übrigens auch England nicht. Der zweite Blick auf die Krise sieht die Verantwortung für den Ausgang anders verteilt als der erste.

Schließlich die systemischen Gegebenheiten in ihrer Einwirkung auf die Handelnden. Für die Julikrise sind insbesondere die Struktur des Mächtesystems und bestimmte vorherrschende Denkweisen in Betracht zu ziehen. Ein hochgradig kompetitives Staatensystem, in zwei einander misstrauisch beobachtende Lager gespalten, ohne eine neutrale Macht von Gewicht, die im Krisenfall hätte beruhigend wirken können – England hatte sich im Jahrzehnt vor dem Krieg zunehmend aus dieser Position zurückgezogen.

Geprägt von dieser dualistisch-antagonistischen Struktur kreiste in der Krise auf beiden Seiten alles Denken fast monomanisch um die Frage, ob sich die Machtrelationen für die eigene Seite zu verschlechtern drohten oder günstiger gestalten ließen. Die Gegnerschaften wurzelten im Übrigen keineswegs nur in Interessengegensätzen, sie waren emotional hoch aufgeladen. Wirkliche, handfeste Interessen der großen Mächte stießen in Europa eigentlich nur auf dem Balkan unmittelbar aufeinander, russische und österreichische nämlich; in einer Region freilich, die der Zerfall des Osmanischen Reiches in den letzten Vorkriegsjahren extrem instabil, schwer kontrollierbar gemacht hatte.

Gemeineuropäischer Fatalismus

In diesen Strukturen handelten Menschen, die nicht nur davon überzeugt waren, dass es legitim sei, für die eigenen Interessen Krieg zu führen, sondern auch sicher zu wissen meinten, dass der Krieg zwischen den beiden Mächtegruppen irgendwann kommen werde. Nichts fällt beim Studium der Quellen mehr auf als dieser gemeineuropäische Fatalismus.

Der Friede war niemandem unter den Regierenden so viel wert, dass er einen wirklichen Preis für ihn zu zahlen bereit gewesen wäre. Jede Seite schob die Verantwortung für den Frieden der anderen zu. Sie sollte den Preis zahlen, und tat sie es nicht, dann musste eben Krieg sein. Nirgendwo, England ausgenommen, wird in der Krise unter den Regierenden so etwas wie ein Bewusstsein von einer gemeinsam wahrzunehmenden Friedensverantwortung sichtbar. Der dritte Blick zeigt uns ein Europa, in dem jedenfalls die großen Mächte in ihren Denk- und Verhaltensmustern einander erstaunlich ähnlich waren. Das Urteil über die Verantwortung für den Ausgang der Krise muss noch einmal anders formuliert werden.

Drei Perspektiven auf dasselbe Geschehen, drei unterschiedliche Ebenen des Geschehens, drei unterschiedliche Gewichtungen der Verantwortlichkeiten. Die drei Rekonstruktionen der Julikrise widersprechen sich nicht. Sie zeigen gemeinsam, dass einfache Urteile über Schuld und Unschuld die Wirklichkeit dieser Krise verfehlen. Dass kein einfaches Urteil möglich sei, heißt nicht, dass kein Urteil möglich sei. Aber der Gestus schroffer Wahrheitsgewissheit, der die Jahrhundertdebatte über lange Strecken bestimmte, passt schlecht zu den Realitäten.

Peter Graf Kielmansegg, Jahrgang 1937, studierte Rechtswissenschaften und Geschichte in Bonn, Kiel und Tübingen. Nach der Promotion in Bonn und der Habilitation bei Eugen Kogon in Darmstadt lehrte der in Hannover geborene Wissenschaftler in Köln und an der Georgetown University (Washington D. C.). 1985 nahm Kielmansegg einen Ruf nach Mannheim an, wo er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2002 das Fach Politische Wissenschaften vertrat. Von 2003 bis 2009 stand er als Präsident an der Spitze der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. (F.A.Z.)

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