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Kieler Woche 1914 : Freunde für immer?

Trügerischer Frieden: Die britischen Schiffe in Kiel am 24. Juni 1914 Bild: ullstein bild

Vor 100 Jahren glaubten britische und deutsche Marinekreise noch an eine bilaterale Annäherung. Doch dann wurde der österreichisch-ungarische Thronfolger in Sarajevo erschossen. Das sollte die Kooperation beenden.

          Noch sah alles nach einem friedlichen Sommer aus: zum Auftakt die Kieler Woche als fröhliches Fest. Für Glanz und Gloria sorgten Kaiser Wilhelm II., der sich wenige Tage zuvor mit dem österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand und dessen Frau Sophie in Konopischt getroffen hatte, und sein flotten-begeisterter jüngerer Bruder Heinrich.

          Rainer  Blasius

          Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.

          Dass ein britisches Geschwader kommen wollte, war Ende April 1914 angekündigt worden: Die Anfrage aus London leitete das Auswärtige Amt weiter; die Antwort lautete: „Seine Majestät haben zu bestimmen geruht, dass den Engländern die Zeit vom 23. bis 30. Juni in Kiel (Kieler Woche) vorgeschlagen wird.“ Der Reeder Albert Ballin regte sogar an, den Ersten Lord der Admiralität Winston Churchill einzuladen.

          Dies hielt der Kaiser nicht für opportun, gab sich „aber überzeugt, dass eine offizielle Anfrage englischerseits, ob Mr. Churchill mit seinen Kollegen von der Admiralität in der Kieler Woche willkommen sei, mit Freuden begrüßt werden würde“. Mitte Mai erteilte Wilhelm die Zustimmung für das II. Schlachtgeschwader unter Vizeadmiral Sir George Warrender (Linienschiffe „King George V.“, „Ajax“, „Centurion“, „Audacious“) und für ein Kreuzergeschwader unter Commodore William Edmund Goodenough (Kreuzer „Southampton“, „Birmingham“, „Nottingham“).

          Ein Verhältnis, so gut als es überhaupt sein kann?

          Der deutsche Botschafter in London, Max Fürst von Lichnowsky, dämpfte die Berliner Erwartungen: „Nur keine Theater-Coups, die sind den Engländern auch höchst zuwider. Überhaupt liegt eine gewisse Gefahr darin, dass man bei uns leicht zu viel will.“ Man wünsche „keine Verbrüderung hier, die in Paris verstimmen könnte“. Das deutsch-britische Verhältnis sei „so gut - als es überhaupt sein kann. Mehr zu verlangen wäre unklug und vergeblich.“ Und er warnte „vor allen Maßnahmen, die als eine Herausforderung der Franzosen gedeutet werden könnten“. Ende Mai stand fest, dass Churchill nicht nach Kiel reisen werde.

          Außer der Entsendung des britischen Geschwaders nach Kiel kam es damals auch zu Fahrten anderer Geschwader nach Kronstadt, Kopenhagen, Kristiania und Stockholm. Über das Kronstadt-Programm berichtete die deutsche Botschaft in St. Petersburg, dass von russischer Seite alles aufgeboten worden sei, um die britische Marine zu ehren und das Entente-Verhältnis zu betonen.

          Am 23. Juni - dem Tag der Ankunft der Royal Navy in Kiel - nahm der Kaiser an einer Elb-Regatta teil, die - wie sich Admiral Georg Alexander von Müller, der Chef des Marine-Kabinetts, erinnerte - „einen glatten Sieg“ der neuen kaiserlichen Segelyacht „Meteor“ brachte. Die Fahrt durch den Kaiser-Wilhelm-Kanal (heute Nord-Ostsee-Kanal), dessen Erweiterung abgeschlossen war, trat Wilhelm am nächsten Morgen an Bord der Motoryacht „Hohenzollern“ an.

          Höflichkeitsbesuch der britischen Geschwader

          In Holtenau erklärte er „den erweiterten Kaiser-Wilhelm-Kanal offiziell für eröffnet. Im Kieler Hafen lag friedlich neben unseren Schiffen ein englisches Geschwader unter Vizeadmiral Sir George Warrender“, so Müller: Dieses Geschwader „machte einen Höflichkeitsbesuch bei uns, damit ausgleichend, dass ein anderes Geschwader ungefähr gleichzeitig Kronstadt besuchte. Wir kamen den Engländern mit ausgesuchter Höflichkeit entgegen - durch Diner-Einladungen und besonders für sie eingerichtete sportliche Veranstaltungen zu Lande und zu Wasser (bei denen die Engländer übrigens recht schlecht abschnitten). Aber es war etwas anders geworden zwischen uns. Vorkehrungen zur Verhinderung englischer Spionage waren getroffen - vielleicht ganz unnötigerweise - und dementsprechend wurde bei unseren Besuchen an Bord der englischen Schiffe sorgfältig vermieden, mehr sehen zu wollen, als der gesellschaftliche Charakter der Besuche mit sich brachte. Der Kaiser lehnte zum Beispiel bei seinem Besuch auf dem Flaggschiff es ab, der Einladung zur Besichtigung des Inneren eines Geschützturmes Folge zu leisten. Kurzum, eine gewisse Frostigkeit zwischen uns war nicht zu übersehen.“

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