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Vorbilder für die Bundeswehr : Richthofen statt Rommel

  • -Aktualisiert am

Vorbild für die Bundeswehr? Manfred von Richthofen Bild: Picture-Alliance

Die Bundeswehr tut sich schwer mit historischen Vorbildern. Doch Soldaten brauchen sie. Drei Regeln reichen aus, um taugliche Kandidaten für die Gegenwart zu finden. Ein Gastbeitrag.

          Der Fall des rechtsextremen Offiziers Franco A. hat die Diskussion um die Traditionspflege in der Bundeswehr wieder aufflammen lassen. Sie ist Ausdruck eines jahrzehntelangen Versäumnisses und hat das Selbst- und Fremdbild der Truppe nachhaltig geprägt: Die Wahrnehmung der Bundeswehr als Armee zur Friedenssicherung fokussierte zur Zeit des Ost-West-Konflikts nicht auf ihre Kampffähigkeit, sondern auf ihre sozialen, humanitären und ökonomisch relevanten Funktionen. Daran ändert nichts, dass die  Nato-Abschreckungsdoktrin letztlich genau das Gegenteil besagte. Das Bild des Soldaten wurde in der Bundesrepublik systematisch vom Phänomen des Krieges losgelöst. Auch wenn immer wieder einmal die mangelnde Wahrnehmung der genuin militärischen Leistungsfähigkeit der Bundeswehr durch die Deutschen beklagt wurde, verschwanden nach und nach die Gefahr von Verwundung und Tod sowie die Möglichkeit, kämpfen und töten zu müssen aus dem öffentlichen Gedächtnis. Ein fataler Schritt, schließlich ist das „scharfe Ende des Berufs“ das, was Streitkräfte von jeder anderen Organisation unterscheidet und Grund, warum sie nicht wie ein beliebiger Wirtschaftskonzern geführt werden sollten.

          Für eine Einsatzarmee ist es daher schwierig, die Konfrontation mit Kampf und Tod auszublenden, die zur Basis der eigenen Identität und Traditionspflege zählen. Vor allem Teile der Kampftruppen verlangen – aus militärsoziologisch nachvollziehbaren Gründen - nach historischen Vorbildern und Bezugspunkten. Das ändert sich auch dadurch nicht, dass die Einsatzerfahrung und die Opfer der Bundeswehr selbst zunehmend ein eigenes Fundament der Traditionspflege bilden. Akzeptiert man das, stellt sich zwingend die folgende Frage: Welche Vorbilder für eine demokratische Gesellschaft wie die der Bundesrepublik sind akzeptabel sind und welche Beispiele aus der Vergangenheit deutscher Streitkräfte zu tolerieren oder gar zu fördern?

          Seine militärischen Leistungen sind unbestritten. Als Vorbild für die Bundeswehr kommt Erwin Rommel für Ralph Rotte dennoch nicht infrage. Der Grund: Er diente einem verbrecherischen Regime.
          Seine militärischen Leistungen sind unbestritten. Als Vorbild für die Bundeswehr kommt Erwin Rommel für Ralph Rotte dennoch nicht infrage. Der Grund: Er diente einem verbrecherischen Regime. : Bild: Agentur Karl Höffkes

          Bislang war die Praxis der Bundeswehr und des Verteidigungsministeriums in dieser Hinsicht trotz des bis heute gültigen Traditionserlasses von 1982 schwammig. Der konstatiert zwar richtigerweise: „In den Nationalsozialismus waren Streitkräfte teils schuldhaft verstrickt, teils wurden sie schuldlos missbraucht. Ein Unrechtsregime, wie das Dritte Reich, kann Tradition nicht begründen.“ Die Angehörigen der Wehrmacht sind als Referenzpunkte für die Bundeswehr somit in jedem Fall problematisch, weniger wegen der (meist nachprüfbaren) Schuld oder Nichtschuld einzelner Soldaten und Offiziere an Verbrechen, sondern wegen des verbrecherischen Charakters des Zweiten Weltkrieges an sich. Ausnahmen sind kaum möglich. Denn wer militärische Effizienz und Tugenden auf der einen und dem ihnen permanent innewohnenden politischen Zweck trennen will, muss scheitern. Doch de facto richtete sich die Bundeswehr danach nicht. Für gegenwärtig in der Bundeswehr noch hochgeachtete Persönlichkeiten wie Hans-Joachim Marseille oder den „Wüstenfuchs“ Generalfeldmarschall Erwin Rommel werden immer noch Ausnahmen gemacht, obwohl sie qua Zeitkontext zu den notwendigerweise „unmittelbar kontaminierten Figuren des Zweiten Weltkriegs“ (Hans-Ulrich Wehler) gehören.

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