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Amerikas Kriegseintritt 1917 : Schluss mit Deutsch

  • -Aktualisiert am

Gegen Deutschland: Amerikanische Rekruten stehen in einer New Yorker Straße nach der Kriegserklärung Präsident Wilsons 1917 Schlange. Bild: Picture-Alliance

Vor hundert Jahren war es mit der Sauerkraut-Kultur in den Vereinigten Staaten vorbei. Es war der radikale Abschluss eines immer schnelleren Verfallsprozesses.

          An einem Aprilabend des Jahres 1918 zog eine grölende Horde durch die Main Street von Collinsville, eine Kutschfahrt entfernt von St. Louis. In der Mitte der aufgebrachten Menschenmenge lief jesusgleich ein gefesselter splitternackter Mann, dem man zum Spott eine amerikanische Flagge umgehängt hatte. Vor seinen Füßen zerschlugen seine Peiniger deutsche Bierflaschen, so dass er durch die Scherben laufen musste. Unter Stockhieben wurde er gezwungen, patriotische Bekenntnisse auf Amerika abzulegen, während er aus der Stadt geführt wurde. Um kurz nach Mitternacht schließlich wurde der dreißig Jahre alte Robert Prager mit einem dünnen Hanfseil am Ast einer Ulme aufgehängt. Prager war sofort tot, als man den Hocker umstieß, auf dem er stand. Es brach ihm das Genick. Doch zur Belustigung der Menge zog man den angeblichen „Spion des Kaisers“ noch dreimal hinauf und herunter und zollte dabei lautstark den amerikanischen Nationalfarben Tribut: „Einmal für Rot, einmal für Weiß, einmal für Blau!“ Die zweihundert Zuschauer waren begeistert.

          Das Martyrium des Dresdner Bäckers Robert Prager, der als junger Mann in die Vereinigten Staaten ausgewandert war und sich später als Bergarbeiter in den Stollen von Illinois durchschlug, war der traurige Höhepunkt des antideutschen Rausches, der mit dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten im Vorjahr begonnen hatte. Solche Hysterie und Brutalität war selten; der Generalverdacht gegenüber allen Deutschamerikanern war dagegen von April 1917 an so alltäglich wie ihre Ausgrenzung, Schikanierung und Überwachung. Die deutsche Kultur in den Vereinigten Staaten, die in den hundert Jahren zuvor gewachsen und aufgeblüht war, erlebte in kürzester Zeit einen totalen Zusammenbruch, von dem sie sich nie wieder erholt hat. Sieht man vom Oktoberfestkitsch einmal ab, ist von der deutschen Kultur in den Vereinigten Staaten so gut wie nichts mehr übrig.

          Amerikanische Propaganda zum Kauf der zweiten Kriegsanleihe 1917
          Amerikanische Propaganda zum Kauf der zweiten Kriegsanleihe 1917 : Bild: Picture-Alliance

          Vor einem Jahrhundert dagegen war Deutsch in jeder Hinsicht die zweitwichtigste Sprache im Land – und die globale Wissenschaftssprache ohnehin. Jeder vierte amerikanische Highschool-Schüler lernte Deutsch, als der Erste Weltkrieg begann. Als der Krieg endete, waren es weniger als ein Prozent aller Schüler. Deutsche Zeitungen und Schulen, Kirchengemeinden, Chöre, Sport- und Tanzvereine, Orchester und Musikschulen – all das war selbstverständlicher Teil des täglichen Lebens in vielen amerikanischen Städten, wobei es große regionale Unterschiede gab und sich bestimmte Städte und Landkreise vor allem im Mittleren Westen durch eine Art Kettenwanderung zu deutschamerikanischen Zentren entwickelt hatten. Ein „deutscher Gürtel“ zog sich um 1900 durch die amerikanische Landkarte, von Ohio im Osten bis Nebraska im Westen, von Missouri im Süden bis Wisconsin im Norden.

          Liebe zur alten und zur neuen Heimat

          Ein Doppelpatriotismus für das Land der Herkunft und für die neue Heimat schien lange Zeit kein Problem zu sein. Der Deutschamerikaner Carl Schurz war als Vormärz-Revolutionär ausgewandert und brachte es später in den Vereinigten Staaten zu Ruhm und Ehren. Unter Präsident Rutherford Hayes war er Innenminister; als er starb, schrieb Mark Twain einen Nachruf auf ihn. Schurz brachte das Sentiment der europäischen Auswanderer auf eine einfache Formel: Die Liebe zur alten und zur neuen Heimat, meinte er, störten einander so wenig wie die gleichzeitige Liebe zur Mutter und zur Braut. Was Schurz bei seinen allzu blumigen Worten nicht bedacht hatte, war die Voraussetzung, dass sich Mutter und Braut einigermaßen verstehen. Kratzen sich erst einmal beide gegenseitig die Augen aus, ist es mit der Liebe zu beiden Frauen schwierig. Etwa so ging es den Deutschen im April 1917. Als ihre neue Heimat in den Krieg gegen ihr Herkunftsland eintrat, war es vorbei mit dem Doppelpatriotismus. Jetzt waren klare patriotische Bekenntnisse verlangt.

          Präsident Wilson empfiehlt dem Kongress, dass die Vereinigten Staaten in den Krieg gegen Deutschland eintreten.
          Präsident Wilson empfiehlt dem Kongress, dass die Vereinigten Staaten in den Krieg gegen Deutschland eintreten. : Bild: Picture-Alliance

          Schon etwa seit den 1830er Jahren hatte es eine aufstrebende nativistische Bewegung gegeben, die Stimmung gegen Einwanderer aus Europa machte. Grund war sowohl die rasant wachsende Zahl der Einwanderer als auch manche kulturelle Eigenart, die bestimmte Gruppen mitbrachten. Im Jahrzehnt nach 1850 wuchs die Bevölkerung der Vereinigten Staaten allein durch Einwanderung um mehr als ein Zehntel. Dabei war – eine Parallele zur heutigen Situation in Europa – der Anteil der Einwanderer in den Städten viel größer als auf dem Land. In manchen Stadtbezirken in den Städten des Mittleren Westens waren die Deutschen der ersten und zweiten Generation klar in der Mehrheit. Die nativistische Bewegung, die nach 1855 kräftig an Fahrt gewann, übernahm bald von den Alkoholgegnern die Forderung nach Mäßigung und Prohibition – nicht zuletzt, weil zwei der größten Einwanderungsgruppen eine neue Trinkkultur etabliert hatten. Die Iren brachten den Whiskey nach Amerika, die Deutschen das Bier. Beides führte regelmäßig nach dem Zahltag zur Sauferei und zu massiven Ausschreitungen in Städten mit großem Einwandereranteil.

          Der Bürgerkrieg hob das Ansehen der Deutschamerikaner

          Trotz der Vorurteile gegenüber Deutschen gelang es zumindest lokal und regional, eine vielschichtige deutsche Kultur zu etablieren, die weit über Brauchtum und Folklore hinausging. Der Amerikanische Bürgerkrieg und der Sieg der Union 1865 hob das Ansehen der Deutschamerikaner, die überproportional in der Nordstaatenarmee gekämpft hatten. Sie hatten sich damit sozusagen als echte Amerikaner erwiesen und konnten nun selbstbewusster ihre Rechte einfordern. In St. Louis, Chicago, Indianapolis und vielen anderen Städten wurde in den Jahren nach dem Krieg der Deutschunterricht auch an öffentlichen Schulen eingeführt. Konfessionelle Schulen, in denen auf Deutsch unterrichtet wurde, gab es ohnehin in vielen Bundesstaaten. Wo immer versucht wurde, die deutsche Sprache in den Schulen zurückzudrängen, rächten sich die Deutschen bei den nächsten Stadtrats- oder Gouverneurswahlen und verteidigten so erfolgreich ihren Sonderstatus.

          Neben den Schulen spielten Tages- und Wochenzeitungen in deutscher Sprache eine entscheidende Rolle bei der Konservierung des „Deutschtums“. Vor allem die nach der gescheiterten Revolution von 1848 geflüchteten deutschen Journalisten belebten die amerikanische Medienlandschaft Mitte des vorletzten Jahrhunderts. 1852 gab es rund 140 deutschsprachige Zeitungen in den Vereinigten Staaten, allein vier davon in New York. Die „New Yorker Staatszeitung“ nannte sich noch 1870 die „größte deutsche Zeitung der Welt“ und hatte eine Auflage von 55 000 Exemplaren.

          Die naive Deutschtümelei hat sich „böse gerächt“

          Es waren diese Zeitungen, die auch das Welt- und Meinungsbild der Deutschamerikaner prägten – und sie in die Irre führten. Da viele Kommentatoren die Gefahr des amerikanischen Kriegseintritts nicht ernst nahmen, ließen sie ihrem Patriotismus für Deutschland freien Lauf und bejubelten die angeblich überlegene deutsche Kultur und die deutschen Kriegsziele in Europa. Die Kriegsbegeisterung war im Sommer 1914 unter Deutschamerikanern kaum geringer als unter Berlinern. Die naive Deutschtümelei hat sich jedoch im April 1917 „böse gerächt“, sagt der Historiker Walter Kamphoefner, selbst Nachfahre deutscher Auswanderer und jetzt Professor an der Texas-A&M-Universität: „Deutschamerikaner waren ausnahmslos suspekt. Schon der Gebrauch der deutschen Sprache genügte, um ihre Loyalität in Frage zu stellen.“ Die erste Phase nach dem Kriegseintritt charakterisiert Kamphoefner als „Hysterie“. Bach und Beethoven wurden aus den Konzertprogrammen verbannt, Sauerkraut wurde in „liberty cabbage“ umgetauft, in Cincinnati wurde Hanns Kuhnwald, Dirigent des Cincinnati Symphony Orchestra, ins Gefängnis geworfen – nur weil er gebürtiger Deutscher war.

          „Mit edler Begeisterung“ für den Krieg gegen Deutschland

          Die Meinungsführer der Deutschen in den Vereinigten Staaten passten sich schnell der neuen politischen Großwetterlage an. Der Präsident der Evangelischen Synode von Nordamerika hatte noch Anfang 1917 über den „Geist der Lüge“ auf Seiten der Engländer geschimpft, forderte aber gleich nach dem amerikanischen Kriegseintritt die jungen Deutschamerikaner auf, sich mit „edler Begeisterung“ für den Krieg gegen Deutschland freiwillig zu melden. Am Untergang der deutschen Kultur in den Vereinigten Staaten haben die hektischen Wendemanöver nichts mehr ändern können. Deutsch als Sprache spielt dort bis heute keine Rolle mehr. Nicht nur aus den Schulen wurde Deutsch damals verbannt, auch die meisten Kirchengemeinden, die bis dahin ein deutsches Gemeindeleben hatten, stellten komplett auf Englisch um. Der Niedergang der deutschen Zeitungen, von denen viele verboten oder im Krieg zensiert wurden, beschleunigte sich durch den Krieg und kurz darauf durch die Weltwirtschaftskrise.

          Überhaupt sprechen viele Historiker lieber von einer Beschleunigung als von einem Niedergang, Kamphoefner sagt: „Der Erste Weltkrieg brachte weniger eine Abkehr von einer ethnischen Identität als vielmehr eine starke Beschleunigung eines Verfallsprozesses, der bereits seit längerem im Gang war.“ Anders als in der Mitte des 19. Jahrhunderts hatte die amerikanische Gesellschaft schon um 1900 eine Assimilationskraft entwickelt, die das kulturelle Erbe der Einwanderer binnen einer Generation weitgehend absorbierte. Andererseits wäre es ohne den amerikanischen Kriegseintritt nie zu so einer plötzlichen und radikalen Abkehr von allem Deutschen in Amerika gekommen.

          Die Mörder von Robert Prager wurden übrigens nie bestraft. Elf Männer, die den Lynchmob angeführt hatten, wurden zwar vor Gericht gestellt, aber freigesprochen. Die zwölf Geschworenen brauchten nur 25 Minuten, um die Unschuld festzustellen. Die Lokalzeitung „Collinsville Herald“ bejubelte das Urteil als „patriotischen Akt“, der eine wichtige Warnung an alle Deutschamerikaner enthalte. Erst Jahrzehnte später bekannte der Chefredakteur, das Verfahren sei eine „Farce inmitten einer nationalistischen Orgie“ gewesen. Der Anführer des Mobs aber, Wesley Beaver, entkam seiner Strafe trotzdem nicht. Ein halbes Jahr nach dem Freispruch nahm er sich, von Schuldgefühlen zermürbt, selbst einen Strick und setzte seinem Leben ein Ende.

          Auf diesem undatierten Bild aus dem Ersten Weltkrieg schreitet der amerikanische Präsident Woodrow Wilson (mit Zylinder) eine Ehrenformation von Marinesoldaten in England ab.
          Auf diesem undatierten Bild aus dem Ersten Weltkrieg schreitet der amerikanische Präsident Woodrow Wilson (mit Zylinder) eine Ehrenformation von Marinesoldaten in England ab. : Bild: Picture-Alliance

          Quelle: F.A.S.

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