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Veröffentlicht: 26.04.2017, 18:48 Uhr

Amerikas Kriegseintritt 1917 Schluss mit Deutsch


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46057844 © Picture-Alliance Vergrößern Präsident Wilson empfiehlt dem Kongress, dass die Vereinigten Staaten in den Krieg gegen Deutschland eintreten.

Schon etwa seit den 1830er Jahren hatte es eine aufstrebende nativistische Bewegung gegeben, die Stimmung gegen Einwanderer aus Europa machte. Grund war sowohl die rasant wachsende Zahl der Einwanderer als auch manche kulturelle Eigenart, die bestimmte Gruppen mitbrachten. Im Jahrzehnt nach 1850 wuchs die Bevölkerung der Vereinigten Staaten allein durch Einwanderung um mehr als ein Zehntel. Dabei war – eine Parallele zur heutigen Situation in Europa – der Anteil der Einwanderer in den Städten viel größer als auf dem Land. In manchen Stadtbezirken in den Städten des Mittleren Westens waren die Deutschen der ersten und zweiten Generation klar in der Mehrheit. Die nativistische Bewegung, die nach 1855 kräftig an Fahrt gewann, übernahm bald von den Alkoholgegnern die Forderung nach Mäßigung und Prohibition – nicht zuletzt, weil zwei der größten Einwanderungsgruppen eine neue Trinkkultur etabliert hatten. Die Iren brachten den Whiskey nach Amerika, die Deutschen das Bier. Beides führte regelmäßig nach dem Zahltag zur Sauferei und zu massiven Ausschreitungen in Städten mit großem Einwandereranteil.

Der Bürgerkrieg hob das Ansehen der Deutschamerikaner

Trotz der Vorurteile gegenüber Deutschen gelang es zumindest lokal und regional, eine vielschichtige deutsche Kultur zu etablieren, die weit über Brauchtum und Folklore hinausging. Der Amerikanische Bürgerkrieg und der Sieg der Union 1865 hob das Ansehen der Deutschamerikaner, die überproportional in der Nordstaatenarmee gekämpft hatten. Sie hatten sich damit sozusagen als echte Amerikaner erwiesen und konnten nun selbstbewusster ihre Rechte einfordern. In St. Louis, Chicago, Indianapolis und vielen anderen Städten wurde in den Jahren nach dem Krieg der Deutschunterricht auch an öffentlichen Schulen eingeführt. Konfessionelle Schulen, in denen auf Deutsch unterrichtet wurde, gab es ohnehin in vielen Bundesstaaten. Wo immer versucht wurde, die deutsche Sprache in den Schulen zurückzudrängen, rächten sich die Deutschen bei den nächsten Stadtrats- oder Gouverneurswahlen und verteidigten so erfolgreich ihren Sonderstatus.

Neben den Schulen spielten Tages- und Wochenzeitungen in deutscher Sprache eine entscheidende Rolle bei der Konservierung des „Deutschtums“. Vor allem die nach der gescheiterten Revolution von 1848 geflüchteten deutschen Journalisten belebten die amerikanische Medienlandschaft Mitte des vorletzten Jahrhunderts. 1852 gab es rund 140 deutschsprachige Zeitungen in den Vereinigten Staaten, allein vier davon in New York. Die „New Yorker Staatszeitung“ nannte sich noch 1870 die „größte deutsche Zeitung der Welt“ und hatte eine Auflage von 55 000 Exemplaren.

Die naive Deutschtümelei hat sich „böse gerächt“

Es waren diese Zeitungen, die auch das Welt- und Meinungsbild der Deutschamerikaner prägten – und sie in die Irre führten. Da viele Kommentatoren die Gefahr des amerikanischen Kriegseintritts nicht ernst nahmen, ließen sie ihrem Patriotismus für Deutschland freien Lauf und bejubelten die angeblich überlegene deutsche Kultur und die deutschen Kriegsziele in Europa. Die Kriegsbegeisterung war im Sommer 1914 unter Deutschamerikanern kaum geringer als unter Berlinern. Die naive Deutschtümelei hat sich jedoch im April 1917 „böse gerächt“, sagt der Historiker Walter Kamphoefner, selbst Nachfahre deutscher Auswanderer und jetzt Professor an der Texas-A&M-Universität: „Deutschamerikaner waren ausnahmslos suspekt. Schon der Gebrauch der deutschen Sprache genügte, um ihre Loyalität in Frage zu stellen.“ Die erste Phase nach dem Kriegseintritt charakterisiert Kamphoefner als „Hysterie“. Bach und Beethoven wurden aus den Konzertprogrammen verbannt, Sauerkraut wurde in „liberty cabbage“ umgetauft, in Cincinnati wurde Hanns Kuhnwald, Dirigent des Cincinnati Symphony Orchestra, ins Gefängnis geworfen – nur weil er gebürtiger Deutscher war.

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