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Kriegsgefangene in Eschborn : „Der Russe war ein sehr anstelliger Kerl“

Gruppenbild: Das Wachtkommando Eschborn 1915 im Hof der „Fettschmelze“ mit russischen Kriegsgefangenen. Bild: Foto: Stadtarchiv Eschborn

50 Kriegsgefangene kamen im Ersten Weltkrieg als Zwangsarbeiter ins Dorf Eschborn. Sie ersetzten Bauern und Bäcker, die an der Front dienten. Einige Häftlinge waren sehr froh im Dorf zu sein.

          „Auf dem Land gingen die Uhren anders“, sagt der Eschborner Stadtarchivar Gerhard Raiss. Er hat in mühevoller Kleinstarbeit viele Puzzlestückchen zusammengetragen, die für die Beziehungen von Einheimischen und Kriegsgefangenen zu Zeiten des Ersten Weltkriegs ein überraschendes Ganzes ergeben: Bis zu 50 Männer aus Russland und Frankreich verrichteteten zwischen 1915 und 1918 Zwangsarbeitsdienste auf Bauernhöfen und in Bäckereien, lebten dort aber offenbar viel besser als ihre Kameraden an der Front.

          Heike Lattka

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Taunus-Kreis.

          So mussten die Gefangenen ihre Eschborner Unterkunft in der „Fettschmelze“, einem ehemaligen Betrieb für die Seifenherstellung aus Metzgereiabfällen, nicht einmal selbst sauberhalten, sondern für diese Aufgabe war die eigens von der Gemeinde engagierte Putzfrau zuständig. Auszahlungsunterlagen in Höhe von 3,50 Mark an die Reinigungskraft sind im Eschborner Stadtarchiv noch erhalten. Raiss sagt: „Die Männer hatten es offenbar gut, denn sie wurden auf dem Feld gebraucht.“

          Über Verbleib der Männer ist nichts bekannt

          Dieser Schluss lässt sich aus den vergilbten Rechnungen, Akten, Vorschriften, Briefwechseln von Behörden und Dokumenten ziehen, die der Stadtarchivar sichtete. Und manchmal spricht auch ein Bild mehr als tausend Worte: Erhalten geblieben ist eine Aufnahme des Wachtkommandos aus dem Jahr 1915, auf der ältere Herren in Uniformen ihre Gefangenen einrahmen, die teilweise doch recht lässig auf dem Boden lümmeln und entspannt in die Kamera blicken.

          Über die Namen der zumeist aus der Ukraine stammenden Männer und deren Verbleib ist nichts bekannt; leider sei das Preußische Heeresarchiv in Berlin 1945 ausgebrannt, alle detaillierten Akten früherer Jahre seien verlorengegangen. Nachweislich seien sie aber alle in ihre Heimat zurückgekehrt, weder auf Todesfälle noch auf Hinrichtungen wiesen die Eschborner Dokumente, berichtet Raiss.

          In der warmen Backstube oder an der Front hungern?

          Die Kriegsgefangenen seien während ihrer Zeit in dem damaligen Dorf in das örtliche Leben eingebunden gewesen. Raiss stützte sich für seine Recherche auch auf spärliche Berichte von Zeitzeugen: Der ihm zugewiesene Russe, erinnerte sich einst der mittlerweile verstorbene Bäcker Karl Rapp, sei ein „sehr anstelliger Kerl“ gewesen. Er habe als ausgebildeter Bäcker die Arbeit des Gesellen verrichtet, der wiederum an der Front diente. Der Russe buk das Brot für die Eschborner, und er sei sehr froh gewesen, in der warmen Backstube zu sein, statt an der Front hungern zu müssen, erinnerte sich Rapp.

          Die Ukrainer, allesamt Menschen vom Land, die wussten, wie man mit einem Pflug umgehen musste, konnten nahtlos die durch die Einberufung der jungen Männer gerissene Lücke füllen. „Sie taten es wohl gerne“, vermutet Raiss. Sei das Leben auf den Höfen doch viel besser für sie gewesen, als mit den Kameraden im Kampf gegen die Deutschen an der Front zu hungern und im Winter zu frieren. Denn im Gegensatz zu den Kriegsgefangenen, die in Großstädten und Steinbrüchen eingesetzt wurden, sei den Eschborner Bäuerinnen doch sehr daran gelegen gewesen, dass die russischen Burschen gut versorgt wurden, um die harte Feldarbeit verrichten zu können. „Sie saßen zusammen mit den Einheimischen an einem Tisch, aßen aus einem Topf“, sagt Raiss. Nach der Chronik lebten in Eschborn bei Kriegsausbruch 1914 exakt 1549 Menschen, von denen 205 Männer einrücken mussten. Sie fehlten überall.

          Sehr laxe Überwachung der Gefangenen

          Genau zwölf Stunden, von 6 Uhr morgens bis 18 Uhr abends, dauerte nach den Unterlagen der Arbeitstag der Zwangsarbeiter, der mit 30 Pfennig in Form von Wertmarken vergütet wurde. Für Überstunden und Wochenenddienste, die bei der Ernte immer anfielen, erhielten die Gefangenen Wertmarken im Gegenwert von 20 Pfennig je Überstunde. Diese Marken lösten sie in den beiden Kolonialwarenlädchen des Ortes oder beim Barbier für Güter des täglichen Bedarfs ein. Das belegen Rechnungen.

          Die Zwangsarbeiter durften - das weisen die „Allgemeinen Bedingungen für die Abgabe von Kriegsgefangenen zur Arbeit“ aus - täglich sogar einen halben Liter Bier, Wein oder Apfelwein genießen. Nur Schnaps war den Gefangenen strikt untersagt. Postverkehr mit der Heimat gab es ebenso: Eine Postkarte wöchentlich und drei Briefe im Monat waren erlaubt. Die Vorschriften für den Umgang mit den Kriegsgefangenen regelte sehr detailliert ein Vertrag zwischen dem Arbeitnehmer, der Inspektion des Kriegsgefangenenlagers des XVIII. Armeekorps Frankfurt, und dem Arbeitgeber, der Gemeinde Eschborn.

          Die Aufsicht der Gefangenen, die in ihrer Unterkunft zwar abends hinter vergitterten Fenstern lebten, muss offenbar in Eschborn sehr lax gewesen sein. Oft wurde der Gemeindevorstand deswegen von militärischen Inspekteuren und dem damaligen Landrat Robert Klauser ermahnt. Die Ehefrau des Fuhrunternehmers Schwarz aus Eschborn scherte das nicht. Sie ließ sich von ihrem russischen Knecht im August 1915 ohne jede Bewachung im Pferdewagen nach Rödelheim kutschieren, wurde dabei beobachtet und offenbar angeschwärzt. Das Protokoll des Verstoßes ist erhalten: Die Gemeinde musste 60 Pfennig Strafe an die Inspektion der Kriegsgefangenenlager zahlen. Der junge Russe wurde sofort aus Eschborn abgezogen.

          Quelle: F.A.Z.

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