Home
http://www.faz.net/-gpf-6uad8
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Sozialpolitik Die fröhlichen Sklaven

Entmündigung droht dem Bürger auch durch den Sozialstaat: Er kauft den Bürgern Freiheit ab - für das Versprechen der Sicherheit und Gleichheit.

© Pein, Andreas Vergrößern Besucher spiegeln sich in der Reichstagskuppel während der Abstimmung über den Gesetzentwurf „zur Änderung des Gesetzes zur Übernahme von Gewährleistungen im Rahmen eines europäischen Stabilisierungsmechanismus“

Freiheit und Ordnung stehen in einem wechselseitigen Steigerungsverhältnis. Paradox formuliert: je freier, desto abhängiger. Dieses empfindliche Gleichgewicht zwischen Abhängigkeit und Unabhängigkeit kann jederzeit in neue Formen freiwilliger Knechtschaft umschlagen. Es gibt nämlich eine dunkle Rückseite jener Paradoxie. Man kann zwar Freiheit nur wahrnehmen, wenn man gesichert ist. Und es ist eine Trivialität, dass Freiheit an ganz profane Bedingungen geknüpft ist: im wesentlichen an Geld und Bildung. Aber die berechtigte Sorge um die Bedingungen der Möglichkeit von Freiheit hat uns die Freiheit selbst vergessen lassen und ein soziales Gefängnis errichtet, das heute vorsorgender Sozialstaat heißt.

Dieses Gefängnis braucht keine Ketten und Schlösser. Die Angst vor der Freiheit schließt die Menschen ein. Denn nicht Freiheit wollen die meisten, sondern das Glück der Sicherheit und der Bequemlichkeit. Freiheit dagegen ist anstrengend; man muss sie in heller, wacher Lebensführung leisten. Die verwaltete Welt ist deshalb für viele eine Wunscherfüllung. Der Paternalismus des vorsorgenden Sozialstaates wird ihnen nicht nur aufgezwungen, sondern sie begehren ihn auch, denn er entlastet sie von der Bürde der Freiheit.

Infantile Haltung der Bürger gegenüber dem Staat

Die Gefühlslage des Einzelnen ist also ambivalent. Mit dem Terror seiner Wohltaten rückt uns der vorsorgende Sozialstaat derart auf den Leib, dass die Distanz der Kritik eingezogen wird. Wir haben es dann mit Menschen zu tun, die den Politikern zutiefst misstrauen und zugleich alles vom Staat erwarten. Das bedeutet aber: Nicht die „Politikverdrossenheit“ ist das Problem der Massendemokratie, sondern die infantile Haltung der Bürger gegenüber dem Staat.

Wohlfahrtsstaatspolitik erzeugt Unmündigkeit, also genau den Geisteszustand, gegen den jede Aufklärung kämpft. Und so wie man Mut braucht, um sich des eigenen Verstandes zu bedienen, so kann man nur mit Stolz das eigene Leben selbständig leben. Für den Wohlfahrtsstaat ist persönlicher Stolz die größte Sünde. Vater Staat will nicht, dass seine Kinder erwachsen werden. Für ihre Daueralimentierung bezahlen die mit ihrer Würde. An die Stelle von Freiheit und Verantwortung treten Gleichheit und Fürsorge. Der demokratische Despotismus ist die Herrschaft der Betreuer, die das Leben der vielen überwachen, sichern und vergnüglich gestalten. Dieser demokratische Despotismus entlastet den Einzelnen vom Ärger des Nachdenkens genau so wie von der Mühe des Lebens. Ein Netz präziser, kleiner Vorschriften liegt über der Existenz eines jeden und macht ihn auch in den einfachsten Angelegenheiten abhängig vom vorsorgenden Sozialstaat. Diese Überregulierung des Alltags verwandelt die Befolgung des Gesetzes aus einem Sollen in ein Gehorchen. Ein guter Test dafür ist das Steuernzahlen. An die Stelle bürgerlichen Rechtsbewusstseins ist soziale Kontrolle getreten.

Schutz vor der Freiheit zum „Schlechten“

Das paternalistische Staatshandeln „im Interesse der Bürger“ ignoriert aber das Interesse der Bürger. Jeder Paternalismus behandelt nämlich Menschen als Material. Das gilt auch für die wohlmeinenden Reformer, die Belohnungen und Strafen zu einer Technik der Fremdbestimmung organisieren. Ihr Erfolgsprodukt sind die Gutmenschen. Mittlerweile benutzen sie sogar schon das Glück der Ungeborenen, um uns die Freiheit zu rauben. Wir sollen Energie sparen, den Müll trennen, sozial sein und nicht rauchen. So schützt uns der Paternalismus des vorsorgenden Sozialstaates vor der Freiheit zum „Schlechten“ - und verkauft das als Befreiung.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Probleme des Internets Regeln für die schöne neue Welt

Für Kriminelle bietet das Internet ein Feld unendlicher Möglichkeiten, deshalb brauchen wir einen Gesellschaftsvertrag. Der Einzelne muss dafür auch bereit sein, Freiheiten aufzugeben. Mehr Von David Omand

19.03.2015, 12:50 Uhr | Politik
Obdachlosen-Hilfe Zuflucht im Luftzelt

Die Berliner Stadtmission hat nach dem Kälteeinbruch zum Beginn der Adventszeit erneut ihre Halle Lujah im Südwesten Berlins aufgebaut. Die Traglufthalle der Kältenothilfe soll Menschen vor dem Erfrieren schützen. Mehr

05.12.2014, 11:29 Uhr | Aktuell
Einwanderungsdebatte Massenmigration und Zusammenhalt

Die bisherige Immigration war ein moderater Gewinn. Eine zu starke ethnisch-kulturelle Diversität bedroht jedoch den sozialen Zusammenhalt und damit die Grundlagen des Wohlstands. Ein Gastbeitrag. Mehr Von Paul Collier

29.03.2015, 09:22 Uhr | Wirtschaft
Tödliche Epidemie Wie man sich gegen Ebola schützt

Mehr als 4000 Menschen sind bereits an der Ebola-Epidemie in Westafrika gestorben, in Deutschland erlag ein aus Afrika eingeflogener UN-Mitarbeiter der schweren Krankheit. Schutzanzüge sollen eine Ansteckung verhindern. Mehr

15.10.2014, 14:07 Uhr | Gesellschaft
AK47 Die beliebteste Waffe in Amerika ist russisch

Durch keine Waffe wurden mehr Bürger der Vereinigten Staaten getötet als durch die AK47. Trotzdem haben die Amerikaner eine Herzensbeziehung zum russischen Gewehr entwickelt. Nun fällt sie unter die Sanktionsbeschränkungen. Mehr Von Winand von Petersdorff

21.03.2015, 13:28 Uhr | Wirtschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 12.10.2011, 15:33 Uhr