Home
http://www.faz.net/-gpf-14bou
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Denk ich an Deutschland Nichts geht mehr

 ·  Das große Versprechen der Nachkriegszeit, dass die Mehrheit es immer besser haben werde - ist dahin. Die Gesellschaft ist erstarrt: Was du bist, bleibst du. Die Oberschicht hat sich verabschiedet, die große Mitte muss sich an neue Risikolagen gewöhnen, die Unterschicht ist abgehängt.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (95)

Deutschland war einmal ein Land der Aufsteiger. Der gesellschaftliche Aufstieg war das unverhohlene Ziel breiter Teile der Bevölkerung. Mehr Bildung, mehr Wohlstand, mehr Anerkennung - das war einer der Leitgedanken im Nachkriegsdeutschland. Eine Idee mit höchst integrierender Kraft. Der soziale Aufstieg wurde zum Maß aller Dinge, zum Fetisch und für die Einzelnen zur Möglichkeit der Selbstwertbestimmung.

Mit dem Wiedererstarken der deutschen Wirtschaft, mit Wirtschaftswunder und Wohlstand in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg verschwammen die Grenzen zwischen den unterschiedlichen Gesellschaftsschichten und Milieus. Selbst das Arbeitermilieu, das klassische Proletariat schien bald der Vergangenheit anzugehören. Einfache Arbeiter begannen aufzusteigen, der Mitte der Gesellschaft zuzustreben. Und das nicht nur bezüglich ihrer Einkommen und damit ihrer Wohlstandsposition, sondern auch in ihren Konsumgewohnheiten und Möglichkeiten. Sie legten das „typisch Proletarische“ ab, sie organisierten sich in Gewerkschaften, trafen sich in Vereinen und Gemeinden und sorgten für die Erfolge ihrer Kinder.

Die Aufwärtsmobilität scheint ins Stocken geraten

Die Bildungsexpansion trug das Ihre dazu bei, dass hierzulande von unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten alsbald keine Rede mehr war, weil - so die allgemeine feste Überzeugung - ein jeder es schaffen konnte, der Talent, Leistungsbereitschaft und ein Quentchen Glück mitbrachte. Der Blick aller richtete sich für Jahrzehnte nach oben - mit großer Selbstverständlichkeit. Das machte die Dynamik der Gesellschaft aus und natürlich auch ihren permanent steigenden Wohlstand.

Heute ist das anders: Die Aufwärtsmobilität scheint ins Stocken geraten. Der Wind weht kälter, das soziale Klima ist rauher geworden. Statt wie über Jahrzehnte den gesellschaftlichen Aufstieg ins Visier zu nehmen, haben breite Schichten der Bevölkerung inzwischen den möglichen Abstieg im Blick. Das große Versprechen der Nachkriegszeit, dass es nämlich der breiten Masse immer besser gehen werde, scheint gebrochen. Der Glaube daran hat viel von seiner Selbstverständlichkeit verloren. Der sozioökonomische Wandel bringt plötzlich wieder Gewinner und Verlierer hervor. Die Gesellschaft fächert sich auf. Die Sensoren des Einzelnen für Milieus und Klassen haben sich über die letzten Jahre wieder geschärft. Und keiner spricht mehr von der „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“, die Deutschland seinerzeit zu prägen schien.

So erlebt das Klassenbewusstsein seit einiger Zeit eine wahre Renaissance - ein typischer Indikator dafür, dass vieles im Umbruch ist. Steigende Einkommensunterschiede sind zum Thema geworden. Von sozialer Ungerechtigkeit, ungleicher Verteilung von Lebenschancen, von Armut und Unterschicht ist die Rede. Die Menschen ordnen sich ein und arbeiten am Statuserhalt. Viele sind sich sicher, dass es ihre Kinder wieder schwerer haben werden als sie selbst, den Lebensstandard überhaupt zu halten. Nichts zeigt die Abkehr vom Aufstiegsgedanken radikaler als diese Einschätzung der Chancen des eigenen Nachwuchses, der es ja - um in der Diktion aus früheren Zeiten zu bleiben - eigentlich „mal besser haben sollte“.

Der Kampf um den Erhalt der gesellschaftlichen Position hat eine neue Dynamik nach Deutschland getragen. Eine, die nicht mehr eint, sondern die trennt, weil Statuserhalt nun einmal über Abgrenzung und Ausschluss funktioniert. Die Gesellschaft spaltet sich, sie driftet auseinander; die Trennlinien zwischen Arm und Reich werden schärfer und als solche auch deutlich so empfunden. Soziale Grenzen zu überwinden oder gar aufzusteigen ist schwieriger geworden.

Die neue Realität

Das alles ist keinesfalls nur eine gefühlte Entwicklung, weil die Mehrheit der Gesellschaft in den vergangenen Jahren aus ihrer Gemütlichkeit gerissen wurde und sich nun an neue Risikolagen gewöhnen muss. Wissenschaftler haben längst herausgefunden, dass gesellschaftlicher Aufstieg tatsächlich nicht mehr so einfach ist - trotz Qualifikation und Leistungsbereitschaft. Es gibt mehr Menschen, die an Status verlieren, als solche, die dazugewinnen. So paart sich die gesunkene Aufstiegsdynamik mit dem erhöh-ten Risiko eines gesellschaftlichen Abstiegs. Wer einmal unten ist, kommt nicht so schnell wieder hoch. Oder: Wer in einer sozial benachteiligten Schicht aufwächst, hat sehr schlechte Chancen, sich aus dieser herauszulösen. Das ist die neue Realität in Deutschland.

Die ehemals so dynamische Aufsteigergesellschaft ist über die Jahre erstarrt. Diese Entwicklung ist längst nicht zu Ende. Dabei ist eine meritokratische Gesellschaft auf Dynamik angewiesen. Denn in einer Leistungsgesellschaft sind die Chancen des Aufstiegs und die Risiken des Abstiegs die Grundvoraussetzungen ihrer Funktionsfähigkeit; sie müssen allerdings einander die Balance halten. Sonst verliert die Gesellschaft an Leistungskraft, und am Ende an Wohlstand.

Wo stehen wir in Deutschland jetzt? Überspitzt formuliert, befindet sich das Land am Rande einer neuen Form der Ständegesellschaft, natürlich ohne deren mittelalterliche Institutionalisierung. Es gibt eine Oberschicht, eine ziemlich aufgefächerte Mittelschicht und eine abgehängte Unterschicht. Ober- und Unterschicht verfestigen sich. Beide prägen Überzeugungen und Verhaltensformen, welche die gesellschaftliche Erstarrung befördern. Dabei haben die oberen Schichten die Vorstellung, zu einer integrierten Gesellschaft zu gehören, längst aufgegeben. Sie orientieren sich in an einer international vernetzten Weltelite, die der Soziologe Lord Dahrendorf einmal als „globale Klasse“ bezeichnete. Wohlhabend, hoch mobil, oft hervorragend ausgebildet - nicht zuletzt, weil sie die Mittel dazu haben.

Am unteren Rand der Gesellschaft verbinden sich prekäre materielle Verhältnisse, Bildungsarmut und Verhaltensweisen, die es verhindern, an der eigenen Lebenslage etwas zu ändern. Hier prägt der Realismus den Umgang mit den eigenen Möglichkeiten. Es wird zusehends schwerer, sich aus der sozialen Randlage wieder zu befreien. Das Ergebnis ist die sich verfestigende Ablehnung zentraler gesellschaftlicher Grundwerte, weil es nach eigener Erfahrung nicht mehr gerecht zugeht in Deutschland. Dazu gehört nicht nur die Ablehnung der auf Markt und Wettbewerb ausgerichteten Wirtschaftsordnung, sondern auch des demokratischen Grundkonsenses.

Individualisiert und verunsichert

Zwischen Oben und Unten liegt die gesellschaftliche Mitte, zunehmend individualisiert und verunsichert. Sie hat sich in der vergangenen Dekade an neue Risikolagen gewöhnen müssen. Lernen, vielleicht studieren, arbeiten, aufsteigen, Familie gründen, Häuschen bauen - das war die Lebenslogik breiter Bevölkerungsschichten, die sich getrost zur gesellschaftlichen Mitte zählen konnten. Sie reizten ihr Budget für ihre Lebensträume bis zur äußersten Grenze aus, weil die jahrelange Erfahrung sie gelehrt hatte, dass eigentlich nicht viel passieren konnte.

Doch passt diese Lebenslogik nicht mehr zur Realität brüchiger werdender Erwerbsbiographien und einer zunehmend entsicherten Arbeitswelt. Die Soziallagen der Mitte sind teilweise prekärer geworden. Diese Schicht, die über die Jahre die beiden gesellschaftlichen Pole am oberen und unteren Rand zu verzahnen schien, hat ihre Integrationskraft verloren. Sie ist geschrumpft. Umfasste sie in den achtziger Jahren noch nahezu zwei Drittel der Gesamtbevölkerung, was sich bis ins Jahr 2000 nicht wirklich änderte, sind es heute noch gut 50 Prozent. In ihrer Statusbeflissenheit spüren die Menschen dort die Erstarrung allzu deutlich. Und indem sie versuchen, ihre gesellschaftliche Position auch in die nächste Generation hinüber zu retten, tragen sie ihrerseits erheblich zur Erstarrung bei.

Vor allem nach unten grenzen sie sich ab. Sie wissen zwar, dass auf dem Papier in Deutschland noch immer jedermann aufsteigen kann, der genügend Fähigkeiten mitbringt. Doch haben sie auch erfahren, dass dies mit ihrer Wirklichkeit nicht mehr übereinstimmt, weil einen der Abstieg schneller ereilen kann, als ein Aufstieg möglich ist.

Vor allem die Geburt bestimmt

Anders als in der ehemaligen Aufsteigergesellschaft bestimmt heute vorwiegend die Geburt in eine dieser drei Schichten über die Möglichkeiten des Einzelnen, aus seinen Fähigkeiten etwas zu machen. Sie ist damit entscheidend für den Lebenserfolg, der dann die individuelle Wohlstandsposition determiniert. Und die wiederum macht die Zugehörigkeit zu einer Schicht aus. Das ist das neue Ständische in Deutschland. Nirgends erkennt man die soziale Erstarrung besser als an den Jüngsten, bei denen die soziale Herkunft zu viel über ihren künftigen Erfolg im Leben aussagt, was selbst die Kinder schon begriffen haben. Einer demokratischen leistungsorientierten Gesellschaft steht das entgegen. Es untergräbt sie.

Zurück zur Aufsteigergesellschaft: Ihr Verblühen ist in doppelter Hinsicht tragisch. Nicht nur, dass dem Land durch die abhanden gekommene Aufstiegshoffnung breiter Schichten der Bevölkerung die Dynamik immer weiter verlorengeht. Es fehlt zudem die verbindende Idee, die die verschiedenen Milieus im gesellschaftlichen Aufstiegsstreben zusammenhielt. Hier herrscht jetzt Leere. Ein neues, anderes Zukunftsversprechen, das dieses Vakuum füllen könnte, ist nicht in Sicht. Deshalb spricht derzeit alles dafür, dass die Gesellschaft weiter auseinanderdriften wird.

Denk ich an Deutschland

Gemeinsam haben die Alfred Herrhausen Gesellschaft und die Frankfurter Allgemeine Zeitung eine neue Konferenz entwickelt, die sich mit Deutschlands Stärken, Schwächen und Problemen beschäftigt. Ziel ist es, frei von jeglichen „Denkverboten“ der Parteien, eine objektive aber leidenschaftliche Bestandsaufnahme der deutschen Politik, Wirtschaft und Kultur - aus deutscher und internationaler Sicht - zu präsentieren. Die erste Veranstaltung findet an diesem Mittwoch in Berlin statt. Weitere Informationen finden Sie unter: www.denkichandeutschland.net.

Das Sonderheft Denk ich an Deutschland liegt an diesem Dienstag der F.A.Z. bei.

Die Bilder an diesem Artikel sind einem laufenden Kunstprojekt von Robert Eysoldt mit dem Titel „Farbwerte - Schwarz Rot Gold“ entnommen. Fotografen waren er und Frank Roesner. Mehr als 60 Künstler haben sich für das Projekt mit der deutschen Fahne auseinandergesetzt. „Farbwerte“ ist auch Partner der Konferenz „Denk ich an Deutschland“. Weitere Informationen finden Sie unter Farbwerte.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1964, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

Jüngste Beiträge

Eine neue Qualität des Terrors

Von Peter Sturm

Attentate brauchen Öffentlichkeit. In London hat der Terror nun eine neue Stufe der Selbstinszenierung erklommen. Mehr 11 13