Home
http://www.faz.net/-gpf-14dlk
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Denk ich an Deutschland Gelassen selbstbewusst

24.11.2009 ·  Die Deutschen sind stolz auf das, was sie erreicht haben. Sie glauben sogar, dass ihr Land großen Einfluss in der Welt habe. Aber ihre Zukunftsperspektiven beurteilen sie skeptisch. Die Verteidigung des Status quo wird zentrales Ziel.

Von Prof. Dr. Renate Köcher
Artikel Bilder (8) Lesermeinungen (23)

Ein selbstbewusster und zugleich selbstkritischer Blick auf das Land und seine Position in der Welt, Stolz auf das Erreichte, aber auch eine gewisse Bangigkeit, wie weit die eigene Erfolgsgeschichte in die Zukunft verlängert werden kann: Zwischen diesen Polen bewegt sich die Befindlichkeit der Deutschen heute. Es ist der Gemütszustand einer Nation, die über die letzten Jahrzehnte viel erreicht hat, aber auch an ihren Zukunftsperspektiven zweifelt.

Die vergangenen sechs Jahrzehnte empfinden 89 Prozent der Bevölkerung als eindrucksvollen Erfolg. Der ökonomische Aufstieg und die Metamorphose von einem Land, das sich und die Welt ins Unglück stürzte, zu einer stabilen freiheitlichen Demokratie und einem weltweit anerkannten verlässlichen Partner erfüllen die überwältigende Mehrheit mit Stolz. Die Bürger sehen diese Erfolgsbilanz auch in hohem Maße als Ergebnis ihrer eigenen Leistung. So sind 81 Prozent der Bevölkerung überzeugt, dass es vor allem auch die Bürger selbst sind, die dieses Land vorangebracht haben; der Wirtschaft und der Wissenschaft zollen die Bürger deutlich mehr Anerkennung für ihren Beitrag zu der Nachkriegsbilanz als der Politik.

Selbstbewusst jenseits von Dominanzstreben

Die friedliche Wiederherstellung der deutschen Einheit hat die nationale Erfolgsgeschichte vollkommen gemacht. Die Freude über die wiedergewonnene Einheit ist auch nach zwei Jahrzehnten lebendig. Nichts hat nach Überzeugung der Bevölkerung die deutsche Geschichte der Nachkriegszeit so sehr geprägt wie der Verlust und Jahrzehnte später die Wiederherstellung der deutschen Einheit. Einmütig benennen die Deutschen den Fall der Mauer und die Wiedervereinigung als die wichtigsten und prägendsten Ereignisse der Geschichte ihres Landes nach 1945; an nächster Stelle folgt der Bau der Mauer 1961. Es gibt daneben nur vier weitere Ereignisse, die zumindest von der Mehrheit neben der Einheit als Marksteine der deutschen Geschichte empfunden werden: die Währungsreform nach dem Krieg, die Einführung des Euro, die Etablierung der Marktwirtschaft und die Herausforderung des Staates durch den Terror der RAF.

In den letzten Jahrzehnten ist ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein gewachsen, das jedoch weit von der Hybris und dem Dominanzstreben entfernt ist, mit denen Deutschland früher assoziiert wurde. Die Mehrheit der Bürger sieht Deutschland heute als ein Land, das großen internationalen Einfluss besitzt und selbstbewusst mit anderen Ländern umgeht, aber auch als Land, das seinen Einfluss vor allem geltend macht, um gemeinsame Interessen voranzubringen: 66 Prozent der Bevölkerung sehen Deutschland in einer Vermittlerrolle, als Land, das auf Ausgleich und Stabilität bedacht ist, 62 Prozent sehen es als Motor der europäischen Integration. Die weltpolitische Bedeutung des Landes wie die Pflichten, die daraus erwachsen, werden ohne große Begeisterung nüchtern akzeptiert. Das gilt auch für die Beteiligung an Militäreinsätzen, die zwar bei der Mehrheit Unbehagen auslösen, gleichzeitig aber als Bestandteil der Bündnispflichten für unvermeidbar gehalten werden.

Seine Bürger sehen Deutschland heute zudem als weltoffen und tolerant. Die Mehrheit hat nicht nur keinerlei Zweifel, dass Deutschland heute international Respekt genießt; sie geht auch davon aus, dass die Deutschen sechzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bei anderen Völkern beliebt sind. 56 Prozent der Bürger sind überzeugt, dass Deutsche heute in der Welt geschätzt werden; nur 21 Prozent halten sich für unbeliebt.

Dieses Selbstbewusstsein fußt in hohem Maße auf der wirtschaftlichen Leistungsbilanz der letzten Jahrzehnte und den Eigenschaften, die diesen wirtschaftlichen Erfolg ermöglichten. Für die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung steht Deutschland vor allem für Qualität und Präzision, für Hightech, Leistungsbereitschaft und Kreativität. Insbesondere die Begabung für die Konstruktion komplexer Technologien ist ein zentraler Aspekt des deutschen Selbstbewusstseins. So ist die überwältigende Mehrheit davon überzeugt, dass Deutsche nicht nur besonders begabte Autokonstrukteure sind, sondern auch eine besondere Begabung für den Bau komplexer Industrieanlagen haben wie für den Bau von Schiffen und Straßen. In den vergangenen zwanzig Jahren hat sich dieser Stolz auf die deutsche Ingenieurkunst immer mehr mit der Überzeugung verbunden, dass es ebenfalls typisch deutsch ist, Umweltschutz auch als technische Herausforderung zu begreifen und Hightech, Industrie und Umwelt miteinander zu versöhnen.

Ein Vorbild - in vieler Hinsicht

Die Bürger sind mehrheitlich davon überzeugt, dass Deutschland heute in vieler Hinsicht Vorbild ist. Das gilt insbesondere für die Güte seiner Produkte, für die ökologischen Bemühungen, aber auch für das soziale Netz, die Presse- und Meinungsfreiheit und das breite Informationsangebot. Als wenig vorbildlich gelten dagegen das deutsche Bildungssystem, die Integrationskonzepte und das soziale Klima in der Gesellschaft. Während 67 Prozent die Qualität deutscher Produkte für vorbildlich halten, 62 Prozent die sozialen Sicherungssysteme und 52 Prozent die deutschen Bemühungen um den Schutz der Umwelt, stufen nur 21 Prozent das deutsche Bildungssystem als vorbildlich ein, 15 Prozent das Zusammenleben von Deutschen und Ausländern, 11 Prozent das soziale Klima, den Umgang der Menschen miteinander.

Hier setzt auch die Hauptkritik der Deutschen an sich selbst an. 70 Prozent empfinden die deutsche Gesellschaft als zu materialistisch, zwei Drittel als Ellbogengesellschaft, in der sich Egoismus und Rücksichtslosigkeit durchsetzen. Die Kehrseite der sozialisierten Solidarität, welche die Mehrheit in Gestalt des Sozialstaates als international vorbildlich lobt, ist die Unzufriedenheit über die unzureichende individuelle Solidarität.

Unbehagen weckt auch die zunehmende soziale Differenzierung. Die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung konstatiert eine wachsende Kluft zwischen wohlhabenderen und ärmeren Bevölkerungsschichten; Trendanalysen der Einkommensentwicklung belegen, dass die wirtschaftliche Leistungskraft der oberen 20 Prozent in den letzten 15 Jahren weit überdurchschnittlich zugenommen hat - eine Entwicklung, die eine natürliche Begleiterscheinung der jahrzehntelangen Friedens- und Wohlstandsperiode ist. Die oberen Sozialschichten können zunehmend auf Vermögenseinkünfte und Erbschaften bauen und koppeln sich von der Entwicklung der Erwerbseinkommen ab. Dies könnte in einem Land, in dem Gleichheitsideen oft eine große Anziehungskraft entfalten, zu gesellschaftlichen Konflikten führen.

Deutschlands beste Jahre

Soziale Gerechtigkeit hat in der politischen Agenda der deutschen Bevölkerung einen hohen Stellenwert. Interessanterweise misst sie jedoch der Chancengerechtigkeit einen deutlich höheren Stellenwert zu als dem Ziel, die sozialen Unterschiede zu begrenzen. Der Sozialstaat entschärft das Konfliktpotential der sozialen Differenzierung. Ob Deutschland dauerhaft größere soziale Unterschiede akzeptiert, hängt jedoch vor allem davon ab, ob die Durchlässigkeit der Gesellschaft gesichert ist und die unteren und mittleren Schichten die Chance sehen, durch Leistung aufzusteigen. Diese Chancen werden zurzeit nicht nur von den unteren Sozialschichten, sondern von der Mehrheit der gesamten Bevölkerung als unbefriedigend bewertet.

Auch die weitere wirtschaftliche Entwicklung wird darüber entscheiden, wie sich der soziale Friede und die Neigung zu Verteilungskämpfen entwickeln. Und hier, bei der Einschätzung ihrer Zukunftsperspektiven, ist die deutsche Gesellschaft mehr als skeptisch. Die besten Jahre Deutschlands waren aus der Sicht vieler vor allem die siebziger Jahre, teilweise die sechziger und achtziger Jahre, also die Jahrzehnte, in denen das westdeutsche Empfinden vom Wirtschaftswunder und kontinuierlich wachsenden Verteilungsspielräumen geprägt war. Die Mehrheit fürchtet, Deutschland könne seinen Zenit überschritten haben. Auf Sicht von zehn Jahren rechnen die meisten mit einem sinkenden Wohlstand, Schnitten in das soziale Netz wie in die betrieblichen Sozialleistungen, mit wachsender Arbeitslosigkeit und zunehmenden sozialen Konflikten. Die große Mehrheit der Bevölkerung weiß, dass sich andere Weltregionen weitaus dynamischer entwickeln als Europa und dass dies die Standortentscheidungen auch deutscher Unternehmen beeinflusst.

Trotzdem ist das Selbstvertrauen, diese Herausforderung zu bestehen, in den letzten Jahren gewachsen. Hatten in der Phase der Wachstumsschwäche in der ersten Hälfte dieses Jahrzehnts noch weite Teile der Bevölkerung Zweifel, ob Deutschland im härter werdenden Standortwettbewerb bestehen kann, halten heute 78 Prozent Deutschland für einen guten Standort; die Mehrheit geht auch davon aus, dass Deutschland als Wirtschaftsstandort Zukunft hat. Der Rückgang der Arbeitslosigkeit nach 2005 und der für die Bevölkerung bislang weit überwiegend glimpfliche Verlauf der Wirtschaftskrise nähren die Hoffnung, dass es gelingt, die Position des Landes noch einige Zeit zu verteidigen. Für ein Land, das fürchtet, die besten Zeiten hinter sich zu haben, wird die Verteidigung des Status quo zu einem erstrebenswerten Ziel.

Denk ich an Deutschland

Gemeinsam haben die Alfred Herrhausen Gesellschaft und die Frankfurter Allgemeine Zeitung eine neue Konferenz entwickelt, die sich mit Deutschlands Stärken, Schwächen und Problemen beschäftigt. Ziel ist es, frei von jeglichen „Denkverboten“ der Parteien, eine objektive aber leidenschaftliche Bestandsaufnahme der deutschen Politik, Wirtschaft und Kultur - aus deutscher und internationaler Sicht - zu präsentieren. Die erste Veranstaltung findet an diesem Mittwoch in Berlin statt. Weitere Informationen finden Sie unter: www.denkichandeutschland.net.

Das Sonderheft Denk ich an Deutschland liegt an diesem Dienstag der F.A.Z. bei.

Die Bilder an diesem Artikel sind einem laufenden Kunstprojekt von Robert Eysoldt mit dem Titel „Farbwerte - Schwarz Rot Gold“ entnommen. Fotografen waren er und Frank Roesner. Mehr als 60 Künstler haben sich für das Projekt mit der deutschen Fahne auseinandergesetzt. „Farbwerte“ ist auch Partner der Konferenz „Denk ich an Deutschland“. Weitere Informationen finden Sie unter Farbwerte.

Renate Köcher ist Geschäftsführerin des Instituts für Demoskopie Allensbach.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Gaucks Präsenz

Von Günther Nonnenmacher

Es ist wichtig, Israel der unverbrüchlichen Solidarität Deutschlands zu versichern, ohne die Punkte zu verschweigen, an denen die Meinungen auseinandergehen. Auch der Bundespräsident weiß das. Mehr 1 5