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Wutbürger : Die Koalition der Angst

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An denen zeigt sich, wie sich unmerklich, aber unaufhörlich ein Spalt zwischen einem oberen und einem unteren Teil der sozialen Mitte in Deutschland auftut. Das passiert innerhalb des Blocks, der als Ganzes in Deutschland trotz notorisch berichteter Befunde über das Abschmelzen der gesellschaftlichen Mitte ziemlich stabil ist.

Der Industriemeister, der mit einem mittleren Schulabschluss bei Audi Karriere gemacht hat, gehört zu den Etablierten, die Solounternehmerin aus dem Coachinggewerbe zu den Prekären. Man muss auf der Hut sein, weil auf den sukzessiven Statuserwerb im Lebenslauf in der Regel kein Verlass mehr ist. Durch unvorhersehbare Lebensereignisse wie eine Trennung oder eine Überschuldung ist man mit einem Mal von der oberen in die untere Mitte abgerutscht.

Die, die sich „nicht den Mund verbieten lassen“

In diesem Gefühl, sich auf einem glitschigen Boden zu bewegen, können sich ganz schnell Koalitionen der Angst bilden, die quer durch die Gesellschaft laufen. Man attackiert zuerst Politiker, von denen angenommen wird, dass sie sich den Staat als Beute genommen und nichts anderes im Sinn haben, als wiedergewählt zu werden; dann spießt man Journalisten auf, denen unterstellt wird, dass sie heimlich auf der Gehaltsrolle von Lobbyisten und Werbern stehen; und schließlich läuft man rot an, wenn Repräsentanten von Verbänden auf dem Bildschirm erscheinen, die immer nur die erwartbaren Erklärungen abgeben. Dieses ganze Personal der Öffentlichkeitserzeugung kann zu einem System der Wirklichkeitsverweigerung zusammengefasst werden, in dem niemand mehr den Mut aufbringt, die Dinge beim Namen zu nennen.

So wird diffuses Systemvertrauen, das besagt, dass bei aller Kritik im Einzelnen im Grunde alles in Ordnung ist, durch ein ebenso diffuses Systemmisstrauen ersetzt, das trotz positiver Nachrichten über die Rückkehr des sozialen Wohnungsbaus oder den Aufbau einer europäischen Bankenaufsicht immer nur die Bestätigung für den Eindruck sucht, dass nichts in Ordnung ist. Kommuniziertes Misstrauen kann dann zu einer Ressource von spontanen Vergemeinschaftungen werden, bei denen man öffentlich seiner Gereiztheit, seiner Verdrießlichkeit und seiner Enttäuschtheit Ausdruck verschafft.

Brenzlig kann die Situation dann werden, wenn es zu einem Kurzschluss zwischen den beiden Brennpunkten des sozialen Bruchs kommt: wenn die Ignorierten aus dem Dienstleistungsproletariat sich mit den Verbitterten aus der gesellschaftlichen Mitte im Blick auf einen Sündenbock verbünden, den man dafür verantwortlich machen kann, dass alles so schief läuft.

Das bereitet die Bühne für den Auftritt des autoritären Rebellen, der seinem Publikum vermittelt, dass niemand sonst es versteht. Themen, für die Appellwörter wie „Wirtschaftsflüchtling“, „Wohnungseinbrüche“ und „Sozialbetrüger“ stehen, bilden das Register des europäischen Rechtspopulismus.Wenn dann eine Figur kommt, die sagt, ich lasse mich nicht belügen, ich lasse mir den Mund nicht verbieten, und ich weiß, was ich weiß, dann ist eine Politik gefordert, die keine Angst vor den Ängsten der Leute hat.

Konferenz „Denk ich an Deutschland“

Ein paar Stichworte genügen: Krim, Ukraine, Griechenland, Lampedusa. Dass die Zeit aus den Fugen sei, fand schon Hamlet, aber der Dänenprinz hatte ja auch gerade einen Geist gesehen. Die Rückkehr alter Geister, die wir erledigt glaubten, das Ende von Gewissheiten, auf die wir uns nach Jahrzehnten der Stabilität vielleicht zu naiv verließen – sie sind Anlass für die siebte „Denk ich an Deutschland“-Konferenz in Berlin am 18. September 2015.

Mit dabei sind unter anderen Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, der Präsident des Europäischen Parlaments Martin Schulz, der Historiker Heinrich August Winkler, der Europaabgeordnete Elmar Brok, der Ökonom Henrik Enderlein, der Vorsitzende der Münchner Sicherheitskonferenz Wolfgang Ischinger, der russische Politologe Sergej Karaganow, der ehemalige italienische Ministerpräsident Enrico Letta sowie die Abgeordneten des Deutschen Bundestags Dietmar Bartsch, Jens Spahn und Peer Steinbrück.
Informationen zur Veranstaltung finden sie hier.

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