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Ukraine-Krise : Der Westen liegt heute im Osten

Eine Frau verlässt ein Geschäft mit traditionell ukrainischer Kleidung und Souvenirs in Kiew. Bild: dpa

Sollten die Staaten der Europäischen Union wegschauen oder eingreifen? In der vom Krieg zerrissenen Ukraine entscheidet sich viel mehr als das Schicksal eines einzigen Landes.

          An der Strandpromenade der ukrainischen Stadt Mariupol am Asowschen Meer ist es an einem Abend im August während eines Artillerieüberfalls auf die Vororte zu einem Zwischenfall gekommen. Im „Garten“, einem der letzten Terrassenlokale, die noch bis in die Nacht öffnen, seit Krieg ist und die Urlauber nicht mehr kommen, gab Galina Odnorog, Mitglied einer Bürgerinitiative, die den Widerstand der Stadt gegen die russischen Truppen draußen vor den östlichen Vierteln organisiert, ein Interview.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent für Polen und die Ukraine.

          Es war zehn Uhr, und gerade hatte sich ein Kämpfer des ukrainischen Freiwilligenbataillons „Donbass“, das von Odnorog und ihren Freunden mit Schutzwesten, Schuhen sowie selbstgefrästen Schalldämpfern für Sturmgewehre versorgt wird, zu einem Plausch dazugesetzt. Der Seewind brachte Kühlung nach der Hitze eines ukrainischen Sommertages, und auf der Tanzfläche hatten die ersten Paare begonnen, sich zu russischen Romanzen zu wiegen.

          Der Zwischenfall ereignete sich, als von jenseits der Bucht, wo hinter den Stahlwerken das Separatistengebiet beginnt, die ersten Salven über das Wasser rollten. Sogleich klingelten an allen Tischen die Telefone. Angespannte Gesichter im Licht der Bildschirme, gedämpfte Rufe rechts und links. Dann, von allen Seiten, die gleichen Worte: „152 Millimeter“, „Haubitze“, „Uragan“ – die Kaliber und Waffentypen dieses Krieges; zuletzt dann aber nur noch dieses eine Wort: „Sartana“ – der Name eines Vororts an der „Kontaktlinie“.

          Bald wussten es alle: Wieder einmal hatten die prorussischen Kämpfer einen Vorort Mariupols angegriffen – jener Stadt, durch deren Besitz die Ukraine den strategisch unersetzlichen „Korridor“ zwischen Russland und der 2014 annektierten Halbinsel Krim kontrolliert. In Sartana hatten sie ein Wohngebiet getroffen, zwei waren tot, sechs verletzt. Einem Mädchen werde man wohl ein Bein abnehmen müssen.

          „Sie tanzen auf den Knochen der Menschen!“

          All dies wussten alle nach wenigen Minuten – und dennoch zerfiel die Abendgesellschaft sogleich in zwei Gruppen. Die einen horchten noch einmal über die Bucht, wie um sich zu vergewissern, dass tatsächlich nur auf Sartana der Tod regnete, dann kehrten sie zur Tanzfläche zurück, wo die Musik immer noch spielte. Die anderen kehrten nicht zurück.

          Die Freiwilligen vom Bataillon liefen zu ihren Autos, nachdem auch bei ihnen das Telefon geschrillt hatte. Galina  Odnorog, die als eine der Ersten verstanden hatte, was vorging, war zu diesem Zeitpunkt schon wie ein Dämon auf den Geschäftsführer zugeschossen und verlangte nun, Musik und Tanz sofort einzustellen. „Die machen einfach weiter!“, schrie sie in den schon abnehmenden Geschützdonner, als keiner reagierte. „Machen weiter und haben schon alles vergessen! Tanzen auf den Knochen der Leute!“

          Der Manager schwieg, die Paare wiegten sich. Noch einige Minuten versuchte Odnorog, ihnen immer noch schreiend zu bedeuten, dass niemand auf der ganzen Welt je zu ihnen halten werde, zu den Menschen von Mariupol, wenn sie selbst jetzt nicht zu den Menschen von Sartana hielten, ihren Mitbürgern.

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          Als niemand reagierte und der Manager murmelnd zu bedenken gab, da könne er ja gleich dichtmachen, wenn er bei jedem Schuss die Musik abstellte, stieg Galina Odnorog in ihren mit Splitterschutzwesten, Flugblättern und Rettungsdecken vollgestopften Mitsubishi und brauste zum Krankenhaus, um nach den Verletzten zu sehen.

          Aus dem Nichts entstanden ukrainischen Freiwilligenbataillone

          Wie die Abendgäste von Mariupol, so teilt sich die ganze Ukraine in zwei Gruppen, seit Russland als Revanche für die proeuropäische Revolution am Kiewer „Majdan“ das Land mit Krieg überzieht, seit die Krim annektiert ist und im Industrierevier Donbass russische Truppen aggressive Separatistenregimes am Leben erhalten. Die einen geben sich gleichgültig, blicken zu Boden, und wenn die prowestliche Führung in Kiew Reservisten einzieht, tauchen sie ab, um nur ja nicht den Einberufungsbefehl zugestellt zu bekommen. Das sind nicht wenige. Während der letzten Welle der partiellen Mobilmachung haben die Wehrämter nur 60 Prozent des Solls erfüllen können.

          Andere dagegen haben die Gegenwehr gewählt. Als Russland im April 2014 versuchte, das „Modell Krim“ – Inszenierung eines prorussischen „Volksaufstands“ mit anschließender Annexion – auf dem Festland zu wiederholen, trafen die gesteuerten „Rebellen“ plötzlich auf Hindernisse. Zwar gelang es ihnen in den russophonen Regionalmetropolen Donezk und Luhansk, bescheidene prorussische Demonstrationen auf die Beine zu stellen; aber zugleich entstanden aus dem Nichts die ersten ukrainischen Freiwilligenbataillone als eine Art bewaffnete Bürgerinitiative – allen voran das Bataillon „Donbass“, dessen Wurzeln in den Ordnergruppen der prowestlichen Demonstrationen lagen, welche es vor der russischen Intervention auch in der Ostukraine gegeben hatte.

          Nicht alle dieser Bürgermilizen sind über alle Zweifel erhaben: Einige Bataillone galten eine Zeitlang als Privatarmeen von Oligarchen. Andere weigern sich, die Befehlsgewalt des Staates anzuerkennen. Es gab Bataillone, die aufgelöst werden mussten, weil sie eher Räuberbanden glichen als Bürgerwehren, und zumindest eine Einheit – das Bataillon „Asow“ – ist dafür berüchtigt, dass es Rechtsradikale mit Nazi-Tattoos aus aller Welt anzieht.

          Ein ukrainischer Soldat steht an einem Checkpoint nahe Mariupol Wache.
          Ein ukrainischer Soldat steht an einem Checkpoint nahe Mariupol Wache. : Bild: dpa

          Diese Phänomene sind aber Ausnahmen geblieben, Nebeneffekte einer Selbstmobilisierung.Was allerdings durchgängig gilt, ist, dass diese Freiwilligenverbände in der ersten Phase des Krieges, als die reguläre Armee kaum aus den Kasernen kam, die Hauptlast des Widerstands gegen Russland getragen und einen großen Teil des ukrainischen Blutzolls entrichtet haben. Mittlerweile sind fast alle in die Armee oder in die Nationalgarde integriert, und wer die erprobteste dieser Einheiten besucht, eben das Bataillon „Donbass“ bei Mariupol, wird nicht die geringsten Zeichen von Extremismus oder Rassismus vorfinden. Ukrainisch und Russisch wird locker durcheinandergesprochen, die Soldaten debattieren auf den Mannschaftsstuben ebenso kontrovers wie kameradschaftlich über divergierende Ansichten, und von völkischen Symbolen, Fahnen oder Tätowierungen fehlt jede Spur.

          Amerika und Europa sind nicht entschlossen genug

          Wie die Ukraine schwankt auch der Westen zwischen gegensätzlichen Impulsen. Europa und Amerika helfen und schauen zugleich weg. Einerseits haben viele, vor allem in den neuen EU-Ländern, die vor kurzem noch von der Sowjetunion besetzt waren, längst verstanden, dass Russlands Angriff auf die Ukraine ein Angriff auf ihre eigene Sicherheit ist. Polen, Estland, Lettland, Litauen fürchten, dass sie die nächsten Opfer wären, wenn Moskau ein neues Kiewer Protektorat schüfe.

          Es ist deshalb viel geschehen, um dieses Land zu unterstützen, das für seine westliche Wahl einen so hohen Preis an Gütern und Menschenleben zahlt. Amerika liefert Geländewagen, Feldhospitäler und Anti-Artillerie-Radars, Frankreich verzichtet darauf, Russland milliardenteure Hubschrauberträger zu verkaufen, die Bundeskanzlerin hat sich an die Spitze des stets prekären Friedensprozesses von Minsk gesetzt. Der Internationale Währungsfonds hat zusammen mit den Vereinigten Staaten und Europa ein Kreditpaket von 40 Milliarden Dollar geschnürt, und Großbritannien will in diesem Jahr 2000 ukrainische Soldaten ausbilden. Vor allem aber haben Amerika und die EU gegen Moskau ein Paket von Sanktionen verhängt, das der russischen Wirtschaft spürbare Schmerzen bereitet.

          Dennoch ist das Bild nicht einheitlich.Weder Amerika noch die Länder der EU leisten der Ukraine mit letzter Entschlossenheit militärische Hilfe. Panzerfäuste, Flugabwehrwaffen bleiben unter Verschluss, und nach Auskunft amerikanischer Diplomaten in Kiew besitzen die Anti-Artillerie-Radars, welche die Ukraine erhalten hat, nur eine  ungenaue Ortungselektronik – präzise genug, um ein ungefähres Bild von den Standorten der russischen Geschütze zu geben und dann die eigenen Soldaten in Sicherheit zu bringen, aber eben nicht hinreichend akkurat, um den Gegner punktgenau zu bekämpfen. Der russische Präsident Wladimir Putin soll nicht sagen können, russisches Blut sei durch westliche Waffen vergossen worden.

          Der Westen weiß nicht so recht, welche historische Warnung er ernster nehmen solle – die von 1914 oder die von 1938.

          Manchmal sieht es so aus, als wüsste der Westen nicht so recht, welche historische Warnung er ernster nehmen solle – die von 1914 oder die von 1938. 1914, beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges, marschierte die Welt „schlafwandelnd“ in die Katastrophe, weil ihre Führer der schwarzen Logik der Eskalation keine moderierende Vernunft entgegensetzten. 1938 wiederum, als der Westen im „Münchener Abkommen“ Hitlers erste Aggressionen duldete, um „peace for our time“ zu sichern, führte nicht kopflose Überreaktion in die Katastrophe, sondern fahrlässiges Nichtstun. Ermutigt von der Passivität der europäischen Mächte, stellte Nazi-Deutschland seine Kriegspolitik nicht etwa ein, sondern entfesselte durch den Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg.

          Seither ist das „Appeasement“ von München zum Synonym für das Lostreten einer Katastrophe durch  Zurückweichen geworden. Seit Russland durch die Invasion in der Ukraine, durch seine Bomberflüge über Ost- und Nordsee, seine ständigen Großmanöver ein neues Gesicht zeigt, schwankt der Westen zwischen den Warnungen von „1914“ und „1938“. Vor einer Katastrophe durch Feigheit warnen vor allem die Osteuropäer, welche die russische Okkupation noch in den Knochen spüren.

          Warschau steht hier in vorderster Linie. Dass ihr Land das nächste Ziel Moskauer Begehrlichkeit sein könnte, wenn die Ukraine erst einmal kassiert sein sollte, ist den Eliten an der Weichsel ebenso klar wie denen im Baltikum, und deshalb dringen sie auf Faustpfänder westlicher Bündnistreue: Amerikanische Abwehrraketen, Stützpunkte, Infrastruktur – alles muss her, was den Westen an seine östlichen Partner bindet.  Nüchtern betrachtet, so sagt der neue polnische Präsident Andrzej Duda, ist der Nato-Vertrag ein Stück Papier.

          Die reale Schutzgarantie des Bündnisses ende dort, wo dessen Stützpunkte aufhörten – an der deutsch-polnischen Grenze.Weil Polen aber nicht nur „Pufferzone“ sein wolle, werde sein Land beim Nato-Gipfel 2016 auf eine permanente Präsenz der Allianz auf seinem Territorium dringen.

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          Die gegenläufige Warnung, die vor dem kopflosen Schlittern in einen neuen Eskalationszyklus mit dem Risiko eines nuklearen Infernos, wird dagegen vor allem im „alten Westen“ formuliert. Das „European Leadership Network“ zum Beispiel, eine Gruppe prominenter Sicherheitspolitiker mit Sitz in London, hat im August beschrieben, wie aus der Aufeinanderfolge von russischer „Zündelei“, unangekündigten Großmanövern und provozierenden Luftraumverletzungen sowie der jeweiligen Reaktion des Westens – Abfangjäger, Manöver, Truppendislozierungen – ein „Aktions-Reaktions-Zyklus“ entstehen kann, der in ein geradezu klassisches „Sicherheitsdilemma“ hineinführe: Während die eine Seite ihre Maßnahmen als Verteidigung begreife, verstehe die andere sie als Aggression.

          Mittlerweile habe es 66 militärische Beinahe-Zwischenfälle zwischen Russland, der Nato und ihren Partnern gegeben. Die Situation habe „das Potential für gefährliche Fehlkalkulationen oder einen Zwischenfall, der ... eine direkte militärische Konfrontation nach sich ziehen könnte.“

          Viele Nato-Staaten, unter anderem Deutschland und Amerika, widersetzen sich deshalb den Wünschen ihrer osteuropäischen Partner nach neuen Stützpunkten. Zur Begründung wird dabei auf die Nato-Russland-Grundakte von 1997 verwiesen, welche das Versprechen der Nato enthält, im „vorhersehbaren Sicherheitsumfeld“ auf die „zusätzliche“ Stationierung „substantieller Kampftruppen“ zu verzichten.

          Autoritäre Herrschaft, begrenzte Eroberungen, ein Kultus des männlichen Oberkörpers – ist Putin ein neuer Mussolini?

          Ist solche Zurückhaltung vernünftige Kompromissbereitschaft oder haltloses Appeasement? Die Antwort hängt stets davon ab, wie das Gegenüber – diesmal Russland und Präsident Putin – einzuschätzen ist. Wenn der Partner bereit ist, Kompromisse zu honorieren, weil es ihm tatsächlich nur um begrenzte und berechtigte Interessen geht (hier etwa die Rechte Russisch sprechender Bürger der Ukraine), kann Nachgeben Klugheit sein. Wenn die Gegenseite aber jedes Einlenken nur dazu nutzt, danach noch viel weiter reichende Forderungen zu stellen, dann ist Zurückhaltung ein Brandbeschleuniger.

          Überspitzt gesagt: Wenn Putin, so wie es die litauische Präsidentin Dalia Grybauskaite formuliert hat, ein Wiedergänger Stalins oder gar Hitlers sein sollte, dann würde er jede Zurückhaltung des Westens bei der Bewaffnung der Ukraine oder bei der Stationierung von Nato-Truppen in Ostmitteleuropa nur dazu nutzen, noch tiefer in das Vakuum hineinzustoßen, das der Westen nicht ausfüllt.

          In der überfallenen Ukraine ist der Hitler-Vergleich eine Selbstverständlichkeit. „Putler“-Graffiti (Putin mit Schnauzbart und Seitenscheitel) prangen an jedem Gartenzaun. Diese Analogie ist allerdings (noch) nicht berechtigt. Es gibt keinen russischen Holocaust, und die Donbass-Intervention ist kein dritter Weltkrieg. Möglicherweise liegt deshalb eher der polnische Publizist Adam Michnik richtig, der Putin mit Benito Mussolini verglichen hat – autoritäre Herrschaft, begrenzte Eroberungskriege und nicht zuletzt ein überhöhter Kultus des männlichen Oberkörpers verbinden die beiden.

          Für die Frage, ob Zurückhaltung kluge Kompromissbereitschaft wäre oder fahrlässiges Appeasement, ist das allerdings schon genug. Mit seinen militärischen Abenteuern hat Putin bewiesen, dass internationale Abmachungen, etwa das „Budapester Memorandum“, in dem Russland, Amerika und Großbritannien 1994 die Unverletzlichkeit der Ukraine garantiert haben, für ihn nur deshalb von Wert sind, weil er durch ihre Verletzung friedliche Nachbarn überrumpeln kann.

          Mit dieser aggressiven Unberechenbarkeit setzt Putin nicht nur die Ukraine unter Druck, sondern auch die östlichen Mitglieder der Nato. Seine Kampfflugzeuge verletzen den Luftraum Finnlands und Estlands, Großmanöver im Grenzgebiet zum Baltikum werden gegen alle Abmachungen ohne Ankündigung gehalten, um (nach Einschätzung des ELN) „Szenarien der militärischen Erpressung gegen bestimmte Mitglieder oder Partner der Nato“ vorzuführen.

          Die fehlende Entschlossenheit des Westens ist ein Versäumnis

          Am drastischsten konnte Russlands Wille zur eskalierenden Vertragsverletzung zuletzt am Umgang mit den Beobachtertrupps der OSZE in der Ostukraine abgelesen werden: In den letzten Wochen haben sich die Übergriffe prorussischer Kämpfer gehäuft. Es gab Anschläge und Todesdrohungen, die Mission spricht von einer „galoppierenden“ Verschlechterung ihrer Sicherheit. In der Ukraine hat man die Konsequenz längst gezogen. Trotz aller Probleme bei der Mobilmachung sind viele bereit, zu kämpfen.

          Als die F.A.Z. im August das Bataillon „Donbass“ besuchte, war der stellvertretende Kommandeur, ein Kiewer Geschäftsmann mit dem Kampfnamen „Sedoj“ (der Graue), gerade im Begriff, zwei Mariupoler Jungs von 17 und 18 Jahren, die sich freiwillig gemeldet hatten, zu registrieren – dem jüngeren sagte er zugleich, dass er zwar in die Ausbildung dürfe, aber noch nicht hinaus an die Feldposten. Zwei seiner Sanitäterinnen, so erzählte „Sedoj“, hätten gerade ebenfalls verlangt, zur kämpfenden Truppe versetzt zu werden – im Lazarett hätten sie so viel von den „Folgen“ des Krieges gesehen, dass sich jetzt „den Ursachen“ stellen wollten.

          Der Westen aber wankt, als nähmen die dröhnenden Warnungen vor „1914“ und „1938“ ihm die Besinnung. Einerseits unterstützt er die Ukraine. Sanktionen gegen Russland sind in Kraft, es gibt Geld und Material, Russland ist aus der G8 ausgeschlossen worden. Weit auffälliger aber sind die Versäumnisse. Angela Merkel und Barack Obama haben schon 2014 so eilig und so klar versichert, dass es auf Russlands Aggression keine militärische Antwort geben werde, dass Moskau das nur als Ermutigung verstehen konnte.

          Folgerichtig hat die bislang wichtigste russische Militäroperation, die Schlacht von Ilowajsk im August 2014, nur Stunden nach einem Besuch Merkels in Kiew begonnen, auf dem sie ein weiteres Mal ihr Mantra wiederholt hatte, es gebe „keine militärische Lösung“.

          Wenn die Ukraine weiter zerfällt, drohen neue Flüchtlingsströme

          Auch die Finanzhilfe für die Ukraine ist vergleichsweise gering. Allein die jüngste Kredittranche für Griechenland ist doppelt so hoch wie das gesamte vom IWF, von Amerika und Europa versprochene Hilfspaket für die Ukraine. Gleichzeitig ist Europa durch seine Gas- und Ölimporte aus Russland de facto der Hauptfinancier der russischen Eroberungspolitik. Die Folgerung ist klar: Der Westen wiederholt heute nicht die Fehler von 1914, sondern die von 1938. Die Kosten werden enorm sein.

          Weil die Unverletzlichkeit der Ukraine nach ihrem Verzicht auf ihre von der Sowjetunion geerbten Atomwaffen im „Budapester Memorandum“ auch von Amerika garantiert worden ist, beschädigt die Vormacht des Westens durch ihre halbherzige Reaktion auf den russischen Überfall ihre Glaubwürdigkeit als Bündnispartner. Zugleich ergeht das Signal, dass es unvernünftig ist, in einer Welt ohne verlässliche Bündnisse auf Kernwaffen zu verzichten. Hätte die Ukraine seinerzeit ihr Arsenal behalten, hätte Russland sie jetzt kaum so sorglos überfallen.

          Falls Russland sein Ziel erreicht, die Ukraine zu destabilisieren, können neue Flüchtlingsströme die Folge sein. Heute schon spielt sich hier eines der größten Flüchtlingsdramen Europas ab. 1,4 Millionen Binnenflüchtlinge hat das Land derzeit zu verkraften. Wenn die Ukraine scheitert, werden sie die Grenzen der EU bedrängen. Zur heutigen Mittelmeertragödie könnte dann die Katastrophe des Ostens kommen. Zudem ist ungewiss, ob sich Moskau nach einem Sieg über die Ukraine nicht gleich neue Opfer suchen würde. Die Wiederherstellung der Hegemonie im alten „Kleinrussland“ würde imperiale Tendenzen stärken. In Moskau ist nicht vergessen, dass manche Nato-Staaten (Estland, Lettland, Litauen, Polen) in ihrer Geschichte schon generationenlang Provinzen des Zarenreiches waren.

          Eine Frau durchsucht ihr zerstörtes Zuhause im von prorussichen Separatisten kontrolliertem Gebiet bei Donezk.
          Eine Frau durchsucht ihr zerstörtes Zuhause im von prorussichen Separatisten kontrolliertem Gebiet bei Donezk. : Bild: dpa

          Was tun? – Zuallererst sollte der Westen aufhören, sich von russischen Schnulzen einlullen zu lassen, während jenseits der Bucht die Haubitzen donnern. Galina Odnorog, die in Mariupol dazwischenfuhr, hat recht: Wer hier weiter in der Nachtluft tanzt, tanzt buchstäblich „auf den Knochen der Menschen“. Spätestens seit den neuesten Übergriffen prorussischer Kämpfer auf die OSZE ist klar, dass Russland nie beabsichtigt hat, Abmachungen zu honorieren – die von Minsk ebenso wenig wie die von Genf oder anderswo.

          Putin muss klar gemacht werden, dass seine Aggressionen einen Preis haben

          Deshalb muss mehr getan werden, um die Ukraine zu schützen. Das Land büßt heute für nichts anderes als dafür, dass es sich in der Majdan-Revolution von 2014 für Europa entschieden hat anstatt für Putins Machtvertikale. Seine Freiwilligen im Kriegsgebiet bringen für westliche Werte heute größere Opfer als sonst jemand auf dem europäischen Kontinent. Deshalb ist es unabweislich, der Ukraine weit mehr zu helfen als bisher – auch aus nüchterner Interessenabwägung.

          Das Erste muss dabei ökonomische Hilfe sein. Erst in zweiter Linie kommt es darauf an, auch Waffen zu liefern. Panzerfäuste und Flugabwehrraketen sind wichtig, aber die Wirtschaft ist wichtiger. Wer Geld hat, kann sich das Nötige kaufen.

          Außerdem muss Putin klargemacht werden, dass der Preis seiner Aggression deutlich steigen könnte. Der Westen sollte ihn nicht durch ein neues „München“ in Versuchung bringen. Russland muss wissen, dass es ganz nahe an der roten Linie steht. Es ist zwar nicht ausgeschlossen, dass die neuesten Versuche, den Waffenstillstand von Minsk zu retten, wider Erwarten erfolgreich sind. Bis Anfang September zum Beispiel hat er überraschend über längere Zeit gehalten.

          Wenn die Abmachung aber durch russische Sabotage scheitert, ohne dass jemand reagiert, steht Merkel als Mitautorin vor den Ruinen ihrer Glaubwürdigkeit. Der Westen liegt heute im Osten. Hier sind seine Werte bedroht, hier muss er verteidigt werden. Das kostet viel. Es wird aber noch mehr kosten, nur weiter zu russischen Romanzen zu tanzen, wenn die Salven übers Wasser wehen.

          Konferenz „Denk ich an Deutschland“

          Ein paar Stichworte genügen: Krim, Ukraine, Griechenland, Lampedusa. Dass die Zeit aus den Fugen sei, fand schon Hamlet, aber der Dänenprinz hatte ja auch gerade einen Geist gesehen. Die Rückkehr alter Geister, die wir erledigt glaubten, das Ende von Gewissheiten, auf die wir uns nach Jahrzehnten der Stabilität vielleicht zu naiv verließen – sie sind Anlass für die siebte „Denk ich an Deutschland“-Konferenz in Berlin am 18. September 2015.

          Mit dabei sind unter anderen Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, der Präsident des Europäischen Parlaments Martin Schulz, der Historiker Heinrich August Winkler, der Europaabgeordnete Elmar Brok, der Ökonom Henrik Enderlein, der Vorsitzende der Münchner Sicherheitskonferenz Wolfgang Ischinger, der russische Politologe Sergej Karaganow, der ehemalige italienische Ministerpräsident Enrico Letta sowie die Abgeordneten des Deutschen Bundestags Dietmar Bartsch, Jens Spahn und Peer Steinbrück.
          Beiträge aus der Veranstaltung finden sie hier.

          Quelle: F.A.Z.

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