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Demoskopie Das Ende von Humboldts Universität

15.11.2006 ·  Die Deutschen haben zwar viel Respekt, aber wenig Verständnis für die Wissenschaft. Das zeigen die Ergebnisse einer Umfrage des Allensbacher Instituts für Demoskopie für die F.A.Z.

Von Professor Dr. Elisabeth Noelle und Dr. Thomas Petersen
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Kaum eine Institution hat so sehr zum Ansehen Deutschlands, zu seinem wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und technologischen Erfolg beigetragen wie die 1810 gegründete, von Wilhelm von Humboldt entworfene Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin. Ihre Grundidee, Lehre und Forschung, vor allem Grundlagenforschung, miteinander zu verbinden, wurde auf der ganzen Welt, nicht zuletzt in den Vereinigten Staaten nachgeahmt. 29 Nobelpreisträger gingen aus der heute nach ihrem Gründer benannten Hochschule hervor, unter ihnen Theodor Mommsen, Robert Koch, Albert Einstein, Otto Hahn und Max Planck. Auf Wissenschaftler wie sie und ihre Erkenntnisse gründet sich bis heute das Ansehen der deutschen Forschung in aller Welt.

Seit vielen Jahren werden in der Wissenschaft Zweifel geäußert, ob es angesichts der politischen Vorgaben noch möglich ist, dieser Wissenschaftstradition gerecht zu werden und damit auch an deren Erfolge anzuknüpfen. So beklagte die F.A.Z. kürzlich die „naive Vorstellung von Politikern und Wissenschaftsfunktionären“ von einer „unmittelbar volkswirtschaftlich erwiesenen Nützlichkeit“ von Wissenschaft und Universitäten. Wer sich diesem Diktat beuge, zitierte sie den Münchner Anglisten Christoph Bode, spiele lediglich das Spiel derer, die nicht verstanden hätten, was Universität sei. Doch nicht nur in der Politik stößt das Konzept einer der Grundlagenforschung verpflichteten Universität auf Verständnisschwierigkeiten, sondern auch die Bevölkerung kann damit wenig anfangen. Dies zeigen die Ergebnisse der jüngsten Repräsentativumfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach für die F.A.Z.

Zwei Drittel stolz auf deutsche Wissenschaft

Generell betrachten die Deutschen die Wissenschaft mit großer Sympathie. Dies wird etwa an den Antworten auf eine Frage deutlich, bei der gebeten wurde anzugeben, worauf man als Deutscher stolz sein könne. Fast zwei Drittel, 63 Prozent meinten, man könne stolz auf die deutsche Wissenschaft und Forschung sein. Damit gelangte dieser Punkt unter 27 Möglichkeiten, die zur Auswahl standen, an die neunte Stelle, nur knapp hinter Angaben wie „Die schönen Landschaften“ (70 Prozent) oder „Daß Deutschland heute eine international anerkannte Demokratie ist“ (65 Prozent). Lediglich der Wiederaufbau nach dem Krieg, Dichter und Denker sowie klassische Komponisten wurden deutlich häufiger als Quelle des Stolzes bezeichnet als die deutsche Wissenschaft. Die deutsche Einheit (61 Prozent), Produkte „Made in Germany“ (59 Prozent) und deutsche Autos (52 Prozent) wurden dagegen seltener genannt.

Dementsprechend bringt die Bevölkerung Wissenschaftlern ein größeres Vertrauen entgegen als vielen anderen Berufsgruppen. Auf die Frage, bei welchen Personengruppen man darauf vertrauen könne, daß sie die Wahrheit sagen, antworten 51 Prozent, man könne Ärzten vertrauen, 48 Prozent sagen das gleiche von Geistlichen und 47 Prozent von Richtern. Wissenschaftler und Professoren liegen mit 22 beziehungsweise 17 Prozent weit hinter den besonders angesehenen Berufen, doch es wird ihnen damit weit mehr Vertrauen entgegengebracht als etwa Unternehmern und Politikern, deren Ruf in den letzten Jahrzehnten stark abgenommen hat. Vorurteile, Wissenschaftler machten sich „ein bequemes Leben“, verdienten viel Geld, täten aber wenig, werden von der Bevölkerung fast einhellig zurückgewiesen.

Erwartungen richten sich an Naturwissenschaftler

Es hat den Anschein, als habe die Bevölkerung verstanden, daß die Zukunft Deutschlands wesentlich von der Entwicklung von Bildung und Wissenschaft abhängt. Auf die Frage „Von wem gehen heute die wichtigsten Impulse für die Gestaltung unserer Zukunft aus?“ nennen 43 Prozent der Befragten die Universitäten. Im einzelnen denken 49 Prozent an die Naturwissenschaftler, knapp dahinter folgen mit 48 Prozent Ingenieure und Techniker. Sozialwissenschaftler werden von 30 Prozent genannt, Philosophen von 15 Prozent. Bemerkenswert ist dabei, daß sich die Erwartungen zunehmend auf die Naturwissenschaftler und Ingenieure richten. Noch im Jahr 2002 sagte jeweils „nur“ rund ein Drittel der Bevölkerung, daß sie von diesen gesellschaftlichen Gruppen wichtige Anstöße erwarteten.

Während die Erwartungen an die Wissenschaften, vor allem an die Naturwissenschaften, deutlich zugenommen haben, hat sich an dem geringen Verständnis für den Charakter und die Bedürfnisse der Wissenschaft in den letzten Jahren wenig verändert. Ähnlich wie schon in den neunziger Jahren stimmen 49 Prozent der Deutschen der Aussage zu, die wichtigste Aufgabe eines Wissenschaftlers sei es, Forschungsergebnisse zu liefern, die nützlich für die Menschheit sind, Wissenschaftler müßten ihre Forschungsthemen danach auswählen, wo Erkenntnisse am dringendsten gebraucht würden. Daß Forscher sich ihre Ziele selbst setzen müßten, um auf Neuland vorzudringen, ohne vorher zu wissen, ob die Ergebnisse ihrer Forschungen nützlich sein werden, meint nur rund ein Drittel der Befragten.

Deutliche Mehrheit für Forschungsverbote

Folgerichtig kann auch nur eine Minderheit der Befragten mit dem Begriff „Grundlagenforschung“ etwas anfangen. 59 Prozent sagen, sie hätten schon einmal von Grundlagenforschung gehört, aber nur sieben Prozent sind in der Lage, den Begriff im weitesten Sinne richtig zu erklären, weitere 15 Prozent machen immerhin zwar vage, aber nicht falsche Angaben. Selbst unter den Befragten mit Hochschulabschluß sind diejenigen, die den Begriff Grundlagenforschung richtig erklären können, mit 23 Prozent deutlich in der Minderheit. In einem gesellschaftlichen Klima, in dem Forschung in erster Linie anhand ihres unmittelbaren gesellschaftlichen Nutzens beurteilt wird, ist es auch nicht überraschend, daß eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung sich für Forschungsverbote ausspricht.

Die Frage „Viele Menschen machen sich ja Sorgen, daß Forschung auch gefährliche Ergebnisse haben kann. Sind Sie dafür oder dagegen, daß bestimmte Forschungen verboten werden?“ beantworteten im November 2006 61 Prozent mit „Ich bin dafür“. Vor vier Jahren hatten sich sogar noch 73 Prozent der Deutschen für Forschungsverbote ausgesprochen, doch auch heute widerspricht nur rund ein Fünftel der Bevölkerung ausdrücklich der Forderung nach Forschungsverboten. Fragt man genauer nach, auf welchen Gebieten die Forschung verboten werden solle, dann steht die Forderung nach dem Verbot der Forschung an embryonalen Stammzellen erst an zweiter Stelle. Ihr schließen sich 31 Prozent der Bevölkerung an.

Reizwort „Tierversuche“

Noch davor, von 36 Prozent genannt, steht die Forderung nach dem Verbot von Tierversuchen zur Erprobung neuer Medikamente. Man erkennt, wie die Reaktionen auf bestimmte Schlagwörter die Antworten der Befragten beeinflussen. Schon das Stichwort „Tierversuche“ löst heftigere Reaktionen aus als die Frage nach dem schweren Gewissenskonflikt, der mit der Gewinnung von Stammzellen verbunden ist.

Die öffentliche Diskussion über die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Universitäten ist von der Bevölkerung durchaus wahrgenommen worden. Auf die Frage: „Sind unsere Universitäten im Vergleich mit denen in anderen Ländern Europas besser oder sind sie in etwa gleich oder sind sie schlechter als in anderen europäischen Ländern?“ antwortet eine Mehrheit von 52 Prozent, die deutschen Universitäten seien gleich gut wie die in anderen europäischen Ländern, nur 10 Prozent halten sie für besser und immerhin 16 Prozent für schlechter. Noch spürbar kritischer fallen die Urteile derjenigen aus, die sich ihre Meinung aus eigener Anschauung gebildet haben: Fast jeder vierte Befragte mit Hochschulabschluß meint, die deutschen Universitäten seien schlechter als die anderer europäischer Länder, nur jeder zehnte hält sie für besser.

Gleichheitsdenken vor Elitegedanken

Doch daraus die Schlußfolgerung zu ziehen, daß konsequent Spitzenleistungen in der Forschung zu fördern seien, liegt der Bevölkerung fern. Mehr als zwei Drittel, 68 Prozent, haben schon von der Exzellenz-Initiative der Bundesregierung gehört. Die Entscheidung, drei Universitäten in Karlsruhe und München als Eliteuniversitäten besonders zu fördern, wird von der Mehrheit abgelehnt. Lediglich 38 Prozent stimmen der Meinung zu, daß diese Universitäten die zusätzliche Förderung verdient haben, wenn sie von unabhängigen Gutachtern als die besten identifiziert worden sind, obwohl sie alle in Süddeutschland liegen. Eine relative Mehrheit von 49 Prozent meint dagegen, es hätten auch Universitäten in Nord- und Ostdeutschland zu Eliteuniversitäten erklärt werden müssen. Nur in Bayern und Baden-Württemberg ist dies eine Minderheitenmeinung.

Daß es sich dabei nicht allein um Proporzdenken, sondern um ein Mißverständnis des Grundgedankens der Förderung von Spitzenforschung handelt, zeigen die Ergebnisse der Frage „Finden Sie es richtig, daß man jetzt besonders gute Universitäten stark fördern will, oder hätte man mit dem Geld lieber schwächere Universitäten unterstützen sollen, damit sie das Niveau der besseren erreichen?“ Nur ein Drittel der Befragten meinte, es sei richtig, Spitzenuniversitäten zu fördern, deutlich mehr, 42 Prozent, sagten dagegen, man hätte das Geld besser schwachen Universitäten geben sollen.

Angesichts dieses Ergebnisses kann man sich durchaus die Frage stellen, ob die Bevölkerung es billigen wird, daß die Wissenschaftler die Impulse für die Zukunft setzen, die die Menschen von ihnen erwarten, ob es gelingen kann, Humboldts Universität zu retten, die nicht allein der Ausbildung marktfähiger Absolventen diente, sondern in der Wissenschaftler und Studenten gemeinsam an der Spitze der Forschung stehen sollten. Der bisher letzte Nobelpreisträger der Berliner Humboldt-Universität war der Mediziner Werner Forßmann. Ihm wurde der Preis 1956 verliehen.

Quelle: F.A.Z., 15.11.2006, Nr. 266 / Seite 5
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