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Demographie : Erst fehlen die Kinder, dann die Eltern

Verwaister Spielplatz in Ueckermünde Bild: REUTERS

Vom langsamen Tod Ostdeutschlands, sprechen Wissenschaftler. Die gutausgebildeten jungen Leute - unter ihnen vor allem Frauen - gehen aus den neuen Bundesländern weg in den Westen. Spätestens 2015 droht ein „zweiter Wendeschock“.

          Die Abwanderung aus den neuen Bundesländern in den Westen ist nach wie vor hoch. In absoluten Zahlen ist Sachsen der Spitzenreiter. Der Freistaat hat im vergangenen Jahr 22.500 Einwohner verloren. Seit 1990 sind es insgesamt schon knapp 640.000 - bei einer Gesamtbevölkerung von etwa 4,3 Millionen. Auf die Bevölkerungszahl bezogen, verlieren Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern jedoch deutlich mehr Einwohner.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Vergleicht man Weg- und Zuzüge in Sachsen-Anhalt, so verlor das Bundesland im vergangenen Jahr 12.600 Einwohner bei knapp 2,5 Millionen Einwohnern insgesamt. In Mecklenburg-Vorpommern waren es etwas mehr als 7000 Einwohner bei einer Gesamtzahl von 1,7 Millionen.

          Nur Brandenburg hat Zugewinn

          Auch Thüringen verliert Jahr für Jahr Einwohner, im vergangenen Jahr knapp 12.000. Nur Brandenburg hat einen winzigen Zugewinn: 808 Einwohner im vergangenen Jahr - bei insgesamt 2,5 Millionen Bürgern. Das hat mit dem Berliner Umland zu tun, dem sogenannten Speckgürtel, wo noch immer viele neue Wohnviertel entstehen und vor allem Berliner hinziehen.

          1990 hatte allein Sachsen mehr als 130.000 Einwohner verloren. Und um die Jahrtausendwende gab es in allen neuen Bundesländern abermals eine große Abwanderungswelle. Seitdem sind die Zahlen in den einzelnen Jahren mal höher, mal niedriger. Thüringen verlor im vergangenen Jahr sogar noch mehr Einwohner als im Krisenjahr 2000.

          Kindermangel verstärkt Abwanderung

          Eigentlich sollte Abwanderung kein großes Problem sein. Mecklenburg und Vorpommern hatten vor dem Kriegsende und dem dann einsetzenden Flüchtlingsstrom zusammen 1,5 Millionen Einwohner. Heute sind es noch immer deutlich mehr. Die künstlichen Industriezentren aus der DDR-Zeit sind verschwunden. Daher kann man sogar sagen: Die Einwohnerzahl hat sich normalisiert, auch wenn es dramatisch klingt, daß schon mehr als 1,5 Millionen Menschen seit 1990 den Osten verlassen haben.

          Die Abwanderung im Osten wird durch zwei Umstände verstärkt: den Kindermangel und die sogenannte selektive Abwanderung. In Sachsen wurden im vergangenen Jahr fast 18.000 Kinder weniger geboren als noch 1990. In den Kindergärten und Grundschulen sind die Folgen längst zu merken. Demnächst werden der Lehrstellenmarkt und die Universitäten davon erfaßt. Die Diskussionen über Bildungs- und Betreuungsstandards, aber auch der Streit über Regional- und Gemeinschaftsschulen haben in allen neuen Ländern zwar immer noch einen ideologischen Unterton, sie sind jedoch in erster Linie eine Reaktion auf die demographische Entwicklung. Eine Gemeinschaftsschule ist schon aus dem Grund leichter zu erhalten, weil dort mehr Schüler zusammenkommen.

          2015 „zweiter Wendeschock“

          Im Jahre 2015 werde es einen „zweiten Wendeschock“ geben, sagt das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. Denn dann fehlen nicht mehr nur die Kinder, sondern auch die Eltern. Die selektive Abwanderung, von der die Bevölkerungswissenschaftler sprechen, ist das eigentliche Problem Ostdeutschlands. Gemeint ist damit: Die gutausgebildeten jungen Leute gehen weg - und unter ihnen vor allem die jungen Frauen. 60 Prozent derer, die Mecklenburg-Vorpommern verlassen, haben einen Hochschulabschluß. Nur 12 bis 14 Prozent der aus dem Osten Abgewanderten waren arbeitslos. So fehlen den neuen Ländern nicht nur die gutausgebildeten Arbeitskräfte, sondern eben auch die Frauen.

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