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Demographie Der Kinderwunsch nimmt weiter ab

 ·  Zwar gilt eine Familie mit zwei Kindern immer noch als Idealvorstellung, doch Studien zur Bevölkerung zeigen, daß die tatsächliche Kinderzahl stetig sinkt. Immer mehr Deutsche bleiben kinderlos.

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Freiwillige Kinderlosigkeit ist ein wachsender Bestandteil in der Lebensplanung der Deutschen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) in Wiesbaden, das sich im Auftrag des Bundesinnenministeriums mit den Ursachen und Auswirkungen der Bevölkerungsentwicklung befaßt.

Mehr als elf Prozent der befragten Frauen in Ost und West wünschen sich demnach keine Kinder, bei den Männern beträgt der Wert sogar 26 Prozent. Von den 20 bis 39 Jahre alten Kinderlosen zeigte sich mehr als ein Drittel zufrieden mit diesem Zustand: „Das Ideal der freiwilligen Kinderlosigkeit“, so resümieren die Forscher, „hat sich ausgebreitet.“

Idealvorstellung immernoch zwei Kinder

Auch die gewünschte Kinderzahl ist seit Anfang der neunziger Jahre deutlich gesunken. Das nennen die Demographen „ein unerwartetes Ergebnis“. Planten deutsche Paare 1992 im Durchschnitt noch zwei Kinder, ist dieser Wert nach der aktuellen Studie auf 1,7 gesunken - der Wunsch und die Realität von 1,4 Kindern pro Frau nähern sich damit an. In der Studie heißt es: „Die so häufig zitierte Spanne zwischen tatsächlicher Kinderzahl und dem gewünschten Nachwuchs, auf der viele familienpolitische Hoffnungen ruhen, gibt es nicht mehr.“

Die BiB-Forscher haben 4000 Personen zwischen 20 und 64 Jahren in Ost und West befragt. Als positiv werten die Wissenschaftler, daß mit 80 Prozent die überwältigende Zahl der Befragten zwischen 20 und 45 Jahren Kinder haben oder sich Kinder wünschen. Zwei Nachkömmlinge entsprächen noch immer der Wunschvorstellung der Mehrheit - mehr als fünfzig Prozent Zustimmung erhält dieser Wert bei Frauen, knapp vierzig Prozent bei den Männern.

Fehlender Partner und mangelhafte Familienpolitik

Die Studie zeigt auch die unterschiedlichen Lebensvorstellungen von Frauen und Männern. Die Männer zeigen sich weitaus zufriedener mit einem Leben ohne Nachwuchs als ihre Partnerinnen. In Ostdeutschland entscheidet sich jeder fünfte Mann gegen die Vaterrolle, in Westdeutschland sogar jeder Vierte. Deren Partnerinnen wollen dagegen nur zu etwa 16 Prozent kinderlos bleiben, in Ostdeutschland liegt die Rate sogar nur bei 5,8 Prozent.

Gründe für die freiwillige Kinderlosigkeit oder die sinkende Wunschzahl hat die Studie nicht ermittelt. Allerdings können die Demographen Ergebnisse früherer Studien bestätigen, daß ein fehlender Partner ein entscheidender Grund für das Ausbleiben von Kindern ist. Auch befürchteten viele Befragten mit der Familiengründung einen Verlust ihres hohen Lebensstandards. Doch die Studie zeigt auch, daß eine familienorientierte Politik auf den Wunsch nach Kindern ohne Einfluß bleibt. Die Befragten bezeichneten eine gezielte Familienpolitik nur als „Erleichterung“ für die Erfüllung bereits existierender Wünsche. Mehr Kinder wollten sie deshalb aber nicht bekommen.

Wert von Familie weniger selbstverständlich

Hinsichtlich der Vereinbarkeit von Familie und Beruf sprachen sich vor allem westdeutsche Frauen mehrheitlich gegen eine Vollzeiterwerbstätigkeit und für Teilzeit aus. Viel stärker als bei den ostdeutschen Geschlechtsgenossinnen ist bei ihnen offenbar noch der Wunsch verankert, ihren Nachwuchs im Kleinkindalter nicht zugunsten einer beruflichen Tätigkeit allein zu lassen.

„Familie scheint in unserer Gesellschaft so etwas wie ein abstrakter Wert geworden zu sein“, schreiben die Autoren in ihrem Fazit. So seien Partnerschaft und Familie bei den Deutschen noch immer positiv besetzte Begriffe. Doch im eigenen Verhalten folge man dieser Einstellung nicht mehr so zwangsläufig wie vor etwa zehn Jahren.

Nachkommen sehen Pflege der Alten als Aufgabe

Die Verfasser weisen darauf hin, daß ihre Studie in der ersten Hälfte des Jahres 2003 erhoben wurde, zu einem Zeitpunkt, als der demographische Wandel in der öffentlichen Wahrnehmung bereits sehr präsent war. Die Erhebung zeige, daß nicht die zunehmende Kinderlosigkeit per se den Deutschen Sorgen bereite, sondern nur deren Folgen: die Gefährdung der sozialen Sicherungssysteme, wie auch die Bewältigung der Integration von Ausländern.

Die zunehmende Präsenz älterer Mitglieder der Gesellschaft wird dennoch nicht negativ wahrgenommen. Der abnehmende Kinderwunsch stehe in deutlichem Widerspruch zu der Bedeutung, die in der Bevölkerung der Solidarität zwischen den Generationen zugemessen werde, heißt es in der Studie. 84,4 Prozent der Befragten hätten sich dafür ausgesprochen, daß die Gesellschaft durch angemessene Institutionen und Dienste für die Pflege sorgen solle. Es seien aber auch 73,5 Prozent der Auffassung gewesen, daß sich die Kinder im Falle der Pflegebedürftigkeit um die Älteren kümmern sollten. Rund zwei Drittel der Befragten würden dies sogar als Pflicht für Angehörige ansehen.

Quelle: aman. / F.A.Z., 03.05.2005, Nr. 102 / Seite 9
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