30.11.2009 · In München hat am Montag der wahrscheinlich letzte große NS-Kriegsverbrecherprozess begonnen. Der mutmaßliche frühere KZ-Wächter John Demjanjuk muss sich wegen Beihilfe zum Mord an fast 30.000 Juden verantworten.
Mit einem Befangenheitsantrag gegen Richter und Staatsanwaltschaft hat am Montag in München der Prozess gegen den mutmaßlichen früheren KZ-Wachmann John Demjanjuk begonnen. Sein Verteidiger, Ulrich Busch, kritisierte vor dem Landgericht, dass Befehlshaber im Vernichtungslager Sobibor freigesprochen worden seien, mit Demjanjuk nun aber ein Befehlsempfänger vor Gericht stehe, der unter Todesdrohungen zu seiner Arbeit gepresst worden sei. Dies sei Willkür, sagte Busch.
Der 89 Jahre alte Angeklagte wurde im Rollstuhl und mit einer blauen Decke zugedeckt in den Gerichtssaal gebracht. Er trug eine blaue Schirmmütze und ließ das Blitzlichtgewitter der Fotografen mit geschlossenen Augen über sich ergehen. Ärzte und Psychiater halten ihn zwar für verhandlungsfähig, allerdings nur drei Stunden täglich. Wegen des großen Andrangs und der scharfen Sicherheitsvorkehrungen begann der Prozess mit einstündiger Verspätung. Bereits Stunden vor Prozessbeginn hatten sich lange Schlangen vor dem Landgericht gebildet.
Demjanjuk muss sich wegen Beihilfe zum Mord an 27.900 jüdischen Männern, Frauen und Kindern vor dem Landgericht München verantworten. Die Anklage wirft ihm vor, 1943 als bewaffneter Aufseher im Vernichtungslager Sobibor die Opfer aus den Zügen in die Gaskammern getrieben zu haben. Er bestreitet das. Für Empörung unter den anwesenden KZ-Überlebenden und Angehörigen sorgte die Aussage des Verteidigers Busch, Demjanjuk stehe „auf gleicher Stufe“ wie die KZ-Überlebenden, da auch er auf deutschen Befehl in Sobibor habe arbeiten müssen.
Den bisher größten Sobibor-Prozess hatte es Mitte der 1960er Jahre gegeben. (Siehe auch: Demjanjuk verhandlungsfähig: Späte Aburteilung eines „Hilfswilligen“?)
Keiner der noch lebenden Zeugen kann sich konkret an Handlungen Demjanjuks bei der Ermordung von Juden erinnern. Doch die Anklage folgert, dass in Sobibor stets das gesamte Personal an der Vernichtung beteiligt war, wenn die Gefangenentransporte eintrafen. In dem Vernichtungslager waren bis zu 150 sowjetische Kriegsgefangene und 30 SS-Angehörige waren im Einsatz. Demjanjuk war 1942 als Sowjetsoldat in deutsche Gefangenschaft geraten und entschied sich laut Ankläger zur Kooperation mit den Nazis. Im SS-Ausbildungslager Trawniki soll er zum Wachmann geschult und unter anderem in Sobibor eingesetzt worden sein.
Proteste gegen die Bedingungen der Berichterstattung
In den 1950er Jahren wanderte Demjanjuk nach Cleveland im amerikanischen Bundesstaat Ohio aus. Erst als sich die Vorwürfe gegen ihn verdichteten, entzogen ihm die Behörden die amerikanische Staatsbürgerschaft. Nach langem juristischen Tauziehen wurde Demjanjuk im Mai dieses Jahres nach Deutschland abgeschoben. Seitdem sitzt er in München-Stadelheim in Untersuchungshaft.
Zu Beginn des Münchner Prozesses protestierten Journalisten aus aller Welt gegen die Bedingungen der Berichterstattung. Im Gericht gibt es lediglich 68 Plätze für Medienvertreter, mehr als 200 haben sich jedoch akkreditiert. Landgerichtspräsident Christian Schmidt-Sommerfeld betonte, für das Verfahren werde ohnehin der größte Schwurgerichtssaal genutzt. „Mit Blick auf die Menschenwürde des Angeklagten sowie die Unschuldsvermutung „ist es unzulässig, strafgerichtliche Hauptverhandlungen in möglicherweise größeren Sälen anderer Gebäude (zum Beispiel Stadthallen) abzuhalten“, hieß es in einer Pressemitteilung.