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: Deckname "Tourist"

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Es war ein historischer Moment. Am Vormittag des 27. Juli 1983 stieg Franz Josef Strauß lächelnd und winkend ins Cockpit einer Piper "Cheyenne". Auf der Landebahn des kleinen Erfurter Flughafens standen Sigrid und Alexander Schalck-Golodkowski in der Sommerhitze und winkten zurück.

          Es war ein historischer Moment. Am Vormittag des 27. Juli 1983 stieg Franz Josef Strauß lächelnd und winkend ins Cockpit einer Piper "Cheyenne". Auf der Landebahn des kleinen Erfurter Flughafens standen Sigrid und Alexander Schalck-Golodkowski in der Sommerhitze und winkten zurück. Dann hob die Piper ab. Strauß flog mit einer Sondergenehmigung der DDR direkt über die innerdeutsche Grenze nach Bayern. Der stramme Kämpfer gegen den Kommunismus kehrte zurück aus dem Osten, mit dem Segen des Staats- und Parteichefs Erich Honecker.

          Vor kurzem hatte der bayerische Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende der DDR noch Mord vorgeworfen. Ein Transitreisender aus der Bundesrepublik war während der Grenzkontrolle tot zusammengebrochen. Dann hatte Strauß mit Freunden aus der bayerischen Wirtschaft einen Milliardenkredit für Ost-Berlin eingefädelt. Die DDR brauchte dringend Devisen, das System stand vor dem Ruin. Gegenleistungen wurden nicht publik - ein glänzendes Geschäft für Honecker. Der Erzfeind war nun ein willkommener Gast.

          Drei Tage zuvor, am Sonntag, dem 24. Juli 1983, hatte ein silbergrauer Mercedes-Kombi 300 TD die deutsch-polnische Grenze bei Stettin passiert. Am Steuer des neuen Familienautos saß Max Strauß, neben ihm sein Vater, dahinter die Mutter. Die Familie war auf Urlaubsreise. Eine Woche hatte sie sich in der Sowjetunion und in Polen aufgehalten. Nun lockten Museen und Kunstschätze der DDR. Der Staatssekretär im Ministerium für Außenhandel und Chef-Devisenbeschaffer Schalck-Golodkowski und seine Frau erwarteten die hohen Gäste und überreichten eine offizielle Einladung Honeckers. Nach einem gemeinsamen Frühstück am Grenzübergang stieg Strauß in den Volvo Schalck-Golodkowskis. Die beiden Männer kannten sich inzwischen gut. Max folgte ihnen im Mercedes, auf der Rückbank plauderten die beiden Ehefrauen. Fahrziel war das Jagdschloss Hubertusstock am Werbellinsee.

          Seit Tagen hatten westdeutsche Zeitungen über die DDR-Reise des bayerischen Ministerpräsidenten spekuliert: Trifft er mit Funktionären zusammen? Wird ihn gar Honecker empfangen? Am Freitag meldete die Deutsche Presse-Agentur, dass sich westdeutsche Journalisten am Sonntagvormittag telefonisch beim DDR-Außenministerium melden sollten. Mehr als zwei Dutzend Berichterstatter fanden sich daraufhin an dem genannten Treffpunkt in Ost-Berlin ein. Aber nur wenige durften in den vorfahrenden Bus einsteigen: Fernsehteams von ARD und ZDF, ein Agenturjournalist und ein Reporter der "Bild"-Zeitung. Die in der DDR ständig akkreditierten Korrespondenten hatten das Nachsehen. Die Journalisten habe Honecker ausgewählt, behauptete Strauß später. Nur Reporter aus dem "näheren Umfeld" des Bayern sollten offenbar über das Treffen am Werbellinsee berichten. Helmut Lölhöffel, der Korrespondent der "Süddeutschen Zeitung", zögerte nicht lange. Mit der S-Bahn und einem Fahrrad der DDR-Marke "Diamant" gelangte auch er nach Hubertusstock.

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