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Veröffentlicht: 26.02.2017, 13:48 Uhr

Debatte über F.A.S.-Kommentar Martens hat recht

Der F.A.S.-Kommentar „Für immer Türke“ von Michael Martens hat einen wunden Punkt getroffen: Es geht um die Bedeutung der Herkunft in einem Land, das jedem die gleichen Rechte und Freiheiten einräumt. Ein Gastbeitrag.

von Cigdem Toprak
© Reuters Demonstration in Berlin für die Freilassung des deutschen Journalisten Deniz Yücel aus türkischer Haft

Der Kommentar „Für immer Türke“ in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung hat einen wunden Punkt getroffen. Er hat ein Thema berührt, das in den Redaktionsräumen führender Medien und in unserer Gesellschaft vor sich hin schlummerte: Es geht um die Bedeutung der Herkunft in einem Land, in dem das Grundgesetz jedem Menschen unabhängig von seiner Herkunft die gleichen Rechte und Freiheiten einräumt. Und damit die gleichen Chancen. Die Realität jenseits politischer Floskeln sieht aber anders aus. Auch bei Journalisten.

Wenn der Autor Michael Martens darauf aufmerksam macht, dass deutsche Redaktionen türkischstämmige Journalisten oft auf ihre Herkunft reduzieren und sie damit vereinnahmen für Themen zur Türkei oder der Migration, sie vielleicht sogar auf diese Themen beschränken - so wie Erdogan die Deutschtürken für seinen Wahlkampf vereinnahmt -, dann ist das eine berechtigte Kritik. Berechtigt ist außerdem die Beobachtung, dass auch Journalisten mit türkischem Hintergrund Dynamik und Entwicklungen der politischen und gesellschaftlichen Ereignisse missverstehen können - trotz ihrer Sprachkenntnisse. Eine Kritik, die eine aufrichtige und faire Debatte verdient.

„Unangenehme Nebenwirkung“

Doch die Reaktionen von Journalisten und Chefredakteuren führender Medien lauteten: „infam“, „paternalistisch“, „unsinnig“, „daneben, „irritierend“, „traurig“, „ganz unten“. Lässt sich da etwa eine Empörung heraushören, die man den Bürgern auf den Straßen sonst gerne übelnimmt? Und wie kommt es, dass man sofort in eine Abwehrhaltung kommt, obwohl viele Medienmacher mit türkischem Hintergrund sich genau darüber beklagen - dass man zu oft „Türkenthemen“ bedient, sich aber auch zu anderem berufen fühlt und eben nicht den „Quotentürken“ spielen möchte?

45005490 © Picture-Alliance Vergrößern Cigdem Toprak schreibt unter anderem für die „Welt“, die „Neue Zürcher Zeitung“ und „Emma“.

Meine erste Reaktion auf Martens’ Kommentar war zunächst ebenfalls Irritation. Ich habe mich gefragt, wieso man sich hier nicht mit Deniz Yücel solidarisiert. Hätte ich nach meinem ersten Gefühl getwittert, ohne darüber nachzudenken, wären auch die Worte „enttäuscht“ oder „irritiert“ gefallen.

Ich habe aber kurz innegehalten und musste zugeben, dass Martens recht hat und sich sehr wohl mit Yücel solidarisiert. Er stellt sich nicht hinter die Yücel in der Türkei gemachten Vorwürfe, nimmt den Fall aber zum Anlass, über etwas zu schreiben, was in den Köpfen der Menschen schwebt. Ich habe mich an den Artikel von der türkisch-deutschen Journalistin und Autorin Cigdem Akyol erinnert, die sich bereits 2010 darüber beklagte, dass sie sehr wohl einen einfacheren Zugang zu Themen wie Islam und Migration hat, sich aber an einer „unangenehmen Nebenwirkung“ stößt: „Kompetenzen, die ich mir hart erarbeiten musste, werden gerne mal übersehen. Ich habe Völkerrecht studiert, nicht Einwandererdasein.“

Doch während persönliche Texte über die Türkei bei vielen Redaktionen sehr willkommen sind, sieht es bei Analysen und philosophischen Essays anders aus. Und wenn wir schon darüber sprechen, dass man Kollegen auf ihre Identität reduziert - wie hätte man reagiert, wenn dieser Kommentar nicht von einem „biodeutschen“ Korrespondenten eines „konservativen“ Blattes stammen würde? Etikettieren wir hier nicht auch? Reduzieren wir nicht auch?

Paternalistisch ist diese Kritik nicht

Dass dieser Kommentar im Zusammenhang mit der Verhaftung unseres Kollegen und Türkei-Korrespondenten der „Welt“, Deniz Yücel, veröffentlicht wurde, empfinde auch ich nicht als taktvoll. Und so wie ich Yücel in einem längeren Gespräch kurz nach den Protesten im Gezi-Park in Istanbul kennenlernen durfte, bezweifle ich, dass ihm die Rolle des „Türkei-Erklärers“ aufgedrückt wurde. Dafür interessiert er sich zu leidenschaftlich für die Türkei. Paternalistisch ist aber Martens’ Kritik nicht, wie Özlem Topcu von der „Zeit“ in ihrem Essay behauptet. Dafür ist der Kommentar zu ehrlich.

Topcu beschreibt die Entwicklungen in der Medienlandschaft, wie sie vielfältiger wurde und wie sich die Bedeutung ihrer Herkunft in ihrem Beruf von einem Nachteil zu einem positiven Charakteristikum wandelte: „Die Kanakenbiografie, die einst ein Makel war, wurde zum Merkmal.“

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Da wären wir also doch wieder bei der Frage, welche Bedeutung Herkunft spielt. Sicher, meine Herkunft eröffnet mir Welten und Perspektiven - wie ich aber mit Beobachtungen, Kenntnissen und Wissen umgehe, das drückt sich in Kompetenzen wie der Fähigkeit zu analytischem Denken und Schreiben aus. Die Herkunft spielt immer eine Rolle, aber wer ich bin und was ich kann, spielt die Hauptrolle; meine ethnische, kulturelle oder religiöse Identität eine Nebenrolle. Ich profiliere mich nicht über mein Türkischsein, weder in meinem Alltag noch als Politikwissenschaftlerin oder Journalistin.

Diese Debatte zeigt aber vor allem, dass wir noch etwas haben, was in der Türkei fundamental fehlt: eine freie Presse und eine lebendige Streitkultur. Weil es die in der Türkei nicht gibt, kann Deniz Yücel nun nicht am Schreibtisch sitzen oder auf den Straßen unterwegs sein, um über das zu berichten, was ihn brennend interessiert. Stattdessen ist er hinter Gittern. Deshalb und erst recht: #freedeniz.

© dpa, reuters Autokorso für inhaftierten Journalisten Yücel

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Quelle: wahlrecht.de
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