24.01.2010 · Früher war das Musikhören, wie das Telefonieren, ein Ereignis, das den Alltag unterbrach und dem Aufmerksamkeit gewidmet wurde. Inzwischen werden wir dauerbeschallt. Musik ist gewöhnlich geworden. Sie wird es überleben - doch um welchen Preis?
Von Edo ReentsTraurig, aber wahr: „Der Konsument will Musik kaufen und hören, wo immer er ist.“ Ein Vodafone-Manager wie Guy Laurence muss es wissen; denn es waren Telefonanbieter, die dieser Entwicklung vorgearbeitet haben. Inzwischen kann man fast nirgends mehr anrufen, sich in keinen Zug setzen, ohne dass man in Warteschleifen oder übers Handy beschallt wird.
Wo immer er ist. Sollte es nicht besser umgekehrt heißen: Der Musikfreund kauft und hört Musik, wo er immer ist, nämlich im Fachgeschäft oder zu Hause? Früher war das Musikhören, wie das Telefonieren, ein Ereignis, das den Alltag unterbrach und dem Aufmerksamkeit gewidmet wurde, weil man nicht alles zur selben Zeit machen konnte. Wenn das Telefon klingelte, stellte man die Musik leiser oder am besten ganz ab.
Man muss nicht feierlich werden
Die feste Instanz, an die Musik gebunden war, gibt es nicht mehr. Musik hat nur noch einen einzigen Ort: unser Ohr. Man entkommt ihr nicht mehr, weil wir unsere Ohren überall haben. Dabei hat nicht das einst so verteufelte Downloaden, das als Äquivalent und Fortentwicklung klassischer Tonträger anfangs auch noch ortsgebunden war, für die Allgegenwart von Musik gesorgt, sondern vor allem eine Erfindung wie das iPhone.
Hatte schon der Handyklingelton, den die Leute offenbar für einen Ausweis ihrer Identität halten, Musik zur Nebensache degradiert, so leistet die Tatsache, dass das iPhone heute schon fast mehr zum Abspielen von Musik benutzt wird als zum Telefonieren, deren weiterer Entwertung ungebremst Vorschub. Es ist beliebig, was aus dem Gerät herauskommt - Gesprächsfetzen, Bach oder Robbie Williams. Mobil und flexibel, wie wir sind, lassen wir alles mit der Zerstreutheit, mit der wir unseren Alltag auch sonst bewältigen, über uns ergehen und wundern uns über Momente, in denen noch Stille herrscht.
Musik ist gewöhnlich geworden. Sie wird es überleben - doch um welchen Preis?
Die Grenzen der Verfügbarkeit, die es im Tonträgerzeitalter gab, sicherten der Musik das, was man eine Aura nennt. Ihre Allgegenwart bringt die Kulturleistung, als die das konzentrierte Hören gelten darf, zum Verschwinden. Welchen Stellenwert soll ein Hörerlebnis noch haben, wenn es sich jederzeit einstellen kann und Vorfreude, Sammlung und vielleicht auch eine gewisse Andacht überflüssig sind? Man muss nicht feierlich werden; Pop- und vor allem Rockmusik haben seit je auch anheizerische, aggressionsabbauende Funktion. Aber selbst das Bedürfnis, mit Takt und Rhythmus „mitzugehen“, um auf diese Weise ein anderes, erträgliches Lebensgefühl zu entwickeln, ist an den passenden Zeitpunkt und die geeignete Stimmung gebunden.
Überversorgt und orientierungslos
Natürlich, beim Bügeln oder Handwerken lief auch das Radio, und Fahrstuhlmusik gab es ebenfalls. Aber was wir uns inzwischen zumuten, hat eine andere Tragweite. Die Übersättigung mit Musik verursacht irgendwann, wenn die Nerven überreizt sind, Abstumpfung, Geringschätzung oder Widerwillen, gar Ekel. Am Ende bleibt nur ein Gefühl der Leere - Reaktionen, die ursprünglich der Popmusik von denen entgegengebracht wurden, die sie nicht mochten und lieber Klassik, Jazz oder Volksmusik hörten.
Alles zu jeder Zeit: Es ist bezeichnend, dass es vor allem Fernsprechanbieter sind, die diese Maxime verbreiten und damit auch das Musikverhalten verändern. Den Leuten wird weisgemacht, dass das ununterbrochene Telefonieren und Musikhören erstrebenswert ist. Damit ist eine jahrhundertelange Entwicklung vollendet: Die beim Hören klassischer, religiös geprägter Musik einst ins Jenseits verlegten Glücksvorstellungen, die mit der säkularisierten klassischen und vollends mit der Unterhaltungsmusik ins Diesseits hineingeholt wurden, sollen sich nun andauernd, in jedem Augenblick einstellen.
Es ist ja, wie alles in der Warenwirtschaft, nur ein Angebot; aber es zeitigt seine Wirkung. Die Auflösung der Infrastrukturen des Musikerlebnisses hat, so gesehen, zu dessen Entmetaphysierung geführt; profan gesprochen: Das Besondere, Einmalige, das schon die Tonkonserve des zwanzigsten Jahrhunderts zum Verschwinden brachte, ist zur Dauerberieselung verkommen.
Einst wandte man sich der Musik, dem Werk zu und fragte nicht schon, was man denn als Nächstes kaufen und hören könnte, wie es uns Internetanbieter wie Amazon oder Apple Genius heute nahelegen. Die Plattenfirmen standen dabei auch für ein ästhetisches Profil. Jetzt, wo ihre Macht schwindet, sind wir stärkeren Kaufanreizen ausgesetzt denn je. Das Abschmelzen einer Musikindustrie, die noch Distanz und Distinktion, also Privatheit ermöglichte, kann nicht als Befreiung empfunden werden; es führt eher zur Gängelung, weil jeder Knopfdruck am Computer oder iPhone Empfehlungen nach sich zieht, die an die Stelle der Musikkritik und des Gesprächs im Plattenladen treten.
Solcherart überversorgt und orientierungslos, taucht der zum besinnungslosen Konsumenten herabgewürdigte Musikhörer ein ins grenzenlose Reich der Klänge.