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Steuerprozess : Der Bürger Hoeneß

Adrenalinstoß Meisterfeier: Hoeneß 2013 im Autokorso vom Stadion zum Marienplatz Bild: picture alliance / dpa

In München ist kein Sonderrecht gesprochen worden. Dennoch bleibt ein schaler Nachgeschmack: Das Urteil gegen den Fußballmanager lässt zu viele Fragen offen. Ein Kommentar.

          Viel ist vor dem Prozess gegen Uli Hoeneß von einem „Prominenten-Malus“ oder einem „Prominenten-Bonus“ die Rede gewesen. Davon bleibt nach dem Urteil gegen den langjährigen Präsidenten des FC Bayern nicht mehr viel übrig. Das Münchner Gericht hat über den Bürger Hoeneß Recht gesprochen. Eine Freiheitsstrafe ist eine einschneidende Sanktion gegen einen Angeklagten, der nicht vorbestraft ist und sich in einem Alter befindet, in dem die Endlichkeit des Lebens spürbar wird. Jeder Tag, in dem er in seiner Freiheit beschnitten wird, trifft einen solchen Angeklagten ins Mark; das berücksichtigen die Gerichte auch in Verfahren, an denen die Öffentlichkeit keinen Anteil nimmt. Der Staat ist kein Rächer, auch nicht der Steuerstaat.

          Der Steuerstaat gewährt Reumütigen, die beizeiten auf die Seite des Rechts wechseln, sogar Straffreiheit. Hoeneß hat mit seiner verunglückten Selbstanzeige diesen Weg nur halbherzig beschritten; die Folgen muss er, sollte das Urteil in der Revision Bestand haben, tragen. Vergeblich war sein verzweifelter Versuch nicht, den Steuerfahndern einen Schritt voraus zu sein: Die Münchner Strafkammer ist ihm im Strafmaß weit entgegengekommen. Die Botschaft an andere Steuersäumige ist eindeutig; jede Art von Umkehr wird honoriert. Für Hoeneß kam bei der Höhe der hinterzogenen Steuer eine Bewährungsstrafe nicht mehr in Betracht.

          In München ist kein Sonderrecht gesprochen worden. Dennoch bleibt ein schaler Nachgeschmack: Zu viele Fragen sind nach dem Urteil noch offen. Warum war der vermögende Fußballmanager und Wurstfabrikant auf fremdes Startkapital für seine Schweizer Spekulationsgeschäfte angewiesen? Warum stammte dieses Geld von dem damaligen Adidas-Chef, mit dessen Unternehmen der FC Bayern eng verbunden war? Warum kam Adidas bei der Verlängerung eines Ausrüstervertrags zum Zuge, obwohl ein Konkurrent ein höheres Gebot abgegeben haben soll? Strafrechtliche Vorwürfe, die sich mit solchen Fragen stellen, sind verjährt – aber um sich ein Bild von dem Angeklagten zu machen, hätte das Gericht einen Blick darauf werfen müssen.

          Bewegte er sich wirklich in zwei Welten?

          Strafprozesse sind aus gutem Grund drauf beschränkt, ein Tatgeschehen aufzuklären. Sie sind kein soziologisches Oberseminar: Im Münchner Gerichtssaal konnte keine Geschichte der Gier in der Zeit des Finanzkapitalismus geschrieben werden. Aber die Frage, wie es sich mit der behaupteten Trennung zwischen Hoeneß dem ehrbaren Kaufmann, der die Geschäfte des FC Bayern und seiner Wurstfabrik führte, und Hoeneß dem Spekulanten verhielt, hätte zu prozessualen Wahrheitssuche gehört. Bewegte er sich wirklich in zwei Welten – führte er an der Säbener Straße, dem Sitz des FC Bayern, penibel Buch und scherte sich bei seinen Schweizer Spekulationen nicht um Nachweise?

          Eine zügige Verhandlung ist ein hohes Gut im Strafprozess. Aber die Wahrheitsfindung darf ihm nicht geopfert werden. In einem Zivilverfahren können sich die Beteiligten auf einen Sachverhalt einigen. In einem Strafprozess sind einer solchen Ökonomie der Wahrheit Grenzen gesetzt. Die Bereitwilligkeit, mit der die Verteidiger von Hoeneß sich darauf eingelassen haben, die hinterzogene Steuer mit 28,5 Millionen Euro zu beziffern, wirft Fragen auf, denen das Gericht hätte nachgehen müssen. Ein Strafprozess sollte es nicht bei einer im schlechtesten Wortsinne summarischen Wahrheit belassen.

          Es wäre auch im Interesse des Angeklagten gewesen, der Wahrheit auf den Grund zu gehen. Welche Rolle spielten die Berater der Schweizer Bank, mit denen Hoeneß zu jeder Tages- und Nachtzeit telefonierte? Gehorchte er nur seinen eigenen Trieben, als er ein immer größeres Spekulationsrad immer schneller drehte? Oder wurden ihm exorbitante Gewinnmöglichkeiten ausgemalt und schwindelnden machende Risiken verschwiegen? Waren es Geschäfte, die er nicht mehr überblicken konnte? Die Gerichte legen selbst Spielbanken Pflichten auf, Spielsüchtige vor dem Ruin zu bewahren. Für Banken, die immer noch behaupten, ein anderes Geschäftsmodell als Roulett und Baccara zu verfolgen, können keine abweichenden Regeln gelten.

          Dem FC Bayern geschadet

          Auch wenn es Hoeneß nicht gerne gehört hätte – zur Wahrheitsfindung hätte es gehört, nachzuforschen, ob nicht die Suche nach immer neuen Adrenalinstöße, die er für sich reklamiert, die Grenze zur Sucht überschritten hatte. Nicht um den Angeklagten vor Strafe zu verschonen – aber um seiner Person und dem Umfeld, in dem er sich bewegte, gerecht zu werden. Wo waren eigentlich die „Buddies“, die sich auf der Ehrentribüne tummelten, wenn er auf seinen Börsenpager stierte?

          Die hochmögenden Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik und Medien, die Hoeneß in den Gremien des FC Bayern um sich sammelte, hätten spätestens handeln müssen, als die gefährlichen Neigungen von Hoeneß mit seiner Festnahme offenbar wurden. Stattdessen warteten sie bis zum bitteren Ende und weckten bei Hoeneß die Illusion, er könne seine Dominanz in der Fußballwelt in den Gerichtssaal verlängern. Dem FC Bayern haben sie damit geschadet, dem Bürger Hoeneß nicht genutzt.

          Albert Schäffer

          Politischer Korrespondent in München.

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          Quelle: F.A.Z.

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