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Das TV-Duell Wo ist der Stier?

 ·  Angela Merkel hatte sich darauf vorbereitet, Peer Steinbrück den Wind aus den Segeln zu nehmen. Doch das brauchte es gar nicht. Steinbrück kam ohne Wind.

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© dpa Vergrößern

Dem Fernsehen sei Dank: Das Duell, das keines ist, war wenigstens neunzig Minuten lang ein Duell. Oder muss es heißen: Aus einem Duell, das keines ist, kann auch im Fernsehen nur die Illusion eines Duells werden?

Die Erwartungen an Peer Steinbrück waren deshalb wesentlich höher als an Angela Merkel. Würde er jetzt die Polarisierung herbeiführen können, die dringend nötig ist, damit er die unentschlossenen Wähler mobilisiert, die er braucht, um doch noch zu gewinnen? Die Erwartungen waren damit so hoch, dass man meinen konnte, von diesem Abend werde abhängen, ob er überhaupt noch eine Chance habe. Sie waren nicht zu erfüllen – nicht gegen diese Kanzlerin.

So oft er deshalb dazu ansetzte, die Konfrontation zu suchen, die er im Wahlkampf bislang so schmerzlich vermisst, so oft lief er damit auch in der direkten Gegenüberstellung ins Leere. Merkel lächelte die Argumente Steinbrücks beiseite. Nicht einmal das Betreuungsgeld konnte am Sonntagsabend die Ordnung durchbrechen, die in diesem Wahlkampf herrscht: Die SPD greift mit ihrem Kandidaten an, doch das Feuer, das durchaus dahinter steckt, lodert woanders – vielleicht an der Basis, vielleicht bei der sozialdemokratischen Wählerschaft, vielleicht in den Wohnzimmern der Nichtwähler, aber nicht im Kandidaten der Opposition.

Frau Merkel konnte jeden Angriff parieren

Deshalb konnte Frau Merkel auch bei dieser Gelegenheit mit Ruhe und Routine – „das muss ich jetzt aber nochmal ordnen“ – jeden Angriff parieren oder bei Ausflügen ihres Gegners in die Höhen von Pensionen und Renten wieder für Erdung zu sorgen. Sichtlich war sie dabei bemüht, Steinbrück den Wind aus den Segeln zu nehmen, indem sie auf seine Beteiligung an früheren Regierungen aufmerksam machte. Aber der Hinweis darauf war gar nicht nötig. Sie musste das nicht weiter ausführen. Denn Steinbrück war ohne Wind ins Studio gekommen.

Selbst im Fernsehen konnte deshalb nicht werden, was nicht ist. Nicht einmal vier Moderatoren konnten daran etwas ändern, die sich schon vor der Sendung so ins Zeug gelegt hatten, als ginge es darum, einer von ihnen wolle eines Tages noch Kanzler werden. Sie hüpften von Thema zu Thema – Europa, Leiharbeit, Altersarmut, Strompreis, NSA, Syrien – und bei allem hatte man am Ende den Eindruck: vergeblich. Angela Merkel und Peer Steinbrück sind einfach nicht dazu geschaffen, aufeinander loszugehen. Das macht sie beide sympathisch. Aber Frau Merkel hat mehr davon.

Von einem Duell, das keines ist? Aus zwei Gründen: In Bundestagswahlen geht es eigentlich nicht um die Wahl des Kanzlers, auch wenn ihnen dieser plebiszitäre Charakter immer wieder von der Parteiendemokratie im Wahlkampf zugewiesen wird. Es werden Abgeordnete gewählt, die dann im Bundestag den Bundeskanzler wählen, nachdem sich Parteien in Koalitionen zu ganz bestimmten Inhalten verpflichtet haben. Schon deshalb ist die Kondensierung der Wahl zum Zweikampf zweier Personen, zum „Duell“ eine schöne Illusion. Aber was wäre schöner fürs Fernsehen als die Illusion?

Das Duell ist eine Erfindung

Soweit die Theorie. Doch auch in der Praxis - das ist der zweite Grund - ist das Duell eine Erfindung. Der Amtsinhaber geht ihm in der Regel aus dem Weg, weil es für ihn wichtig ist, den Eindruck zu vermitteln, „über den Dingen zu stehen“. Als Amtsinhaber tut er das ja auch - schließlich ist er Kanzler aller Deutscher, nicht nur der Mitglieder einer Partei oder einer Koalition. Das gehörte auch zu den Gründen, warum früher die Parteivorsitzenden im Fernsehen auftraten, die Kanzler aber zu Beginn des Fernsehzeitalters ein „Duell“ stets ablehnten.

Für den Amtsinhaber wurde die direkte Konfrontation nur dann interessant, wenn der Herausforderer so übermächtig und die Wechselstimmung so mit Händen zu greifen war, dass er sich gezwungen sah, den Stier bei den Hörnern zu nehmen. Davon aber ist dieser Wahlkampf meilenweit entfernt.

Wo ist der Stier? Peer Steinbrück wirkte von Anfang an wie ein Herausforderer, der mit sich selbst zufrieden ist - auch seine „Klartext“-Kampagne ist als unterhaltsame Lehrstunde inszeniert, als Frage-Antwort-Spiel, aber nicht als Phalanx gegen das Kanzleramt. Die SPD sagt: Das wollen die Wähler nicht mehr. Aber der Wähler fragt sich vielleicht: Warum dann ein Duell? Das fragen sie sich auch nach diesem Fernsehabend.

Angela Merkel weicht elegant allem aus

Angela Merkel tat und tut alles, um elegant allem auszuweichen, was ein Duell zu einem Duell machen könnte und sie zwänge, die Aura der Amtsinhaberin abzulegen. Noch mehr: Ein Duell passt nicht in ihre Welt, die nicht aus Gegensätzen besteht, sondern aus Kontrolle, nicht aus Angriffslust, sondern aus Vereinnahmung, nicht aus Polarisierung, sondern aus Harmonisierung.

Die CDU nimmt damit in Kauf, dass die Wähler nicht wissen, worauf sie sich eigentlich einlassen, wenn sie „Merkel“ wählen. Das schadet ihr nicht. Denn bei dieser Wahl gilt noch mehr als bei vielen Wahlen zuvor der Eindruck: Wem können wir mehr vertrauen - Merkel oder Steinbrück? Auch wenn die Theorie dagegen sprechen mag: das ist der wahre Sinn von Wahlen  - nicht Polarisierung, nicht der Kampf um die Details programmatischer Kampfschriften. Also doch ein Duell? Eigentlich schon. Schön wär's. 

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