01.04.2005 · Als der Papst entschied, das römische Großklinikum „Gemelli“ zu verlassen und sein Geschick nicht der Intensivmedizin zu überantworten, war das bereits der Entschluß, sein Sterben in Gottes Hand zu legen.
Von Heinz-Joachim Fischer, RomDen Entschluß zum Sterben hat Papst Johannes Paul II. selbst gefaßt.
Vor knapp drei Wochen. Als er entschied, das römische Großklinikum „Gemelli“ zu verlassen und sein Geschick nicht mehr einer hochintensiven Spezialmedizin zu überantworten. „Zuhause“, im Vatikan, wollte er sein, ohne hochgerüstete technische Apparaturen, nur unterstützt von schmerzlindernden Medikamenten, gleichsam einer häuslichen Allgemeinmedizin anvertraut. Er wollte als gläubiger Christ sein Leben damit dem Willen eines Höheren, seines Herrn, wie er mehrfach sagte, überlassen.
Kein Leben - kein Sterben - ohne den persönlichen Sekretär
So stark war der päpstliche Wille, daß sein persönlicher Sekretär, der polnische Erzbischof Stanislaw Dziwisz, nichts anderes konnte, als die Ärzte des „Gemelli“- Krankenhauses von ihrer Verantwortung zu entbinden. Stanislaw Dziwisz war seit der Zeit als Sekretär des Erzbischofs von Krakau, vor bald vier Jahrzehnten, dem 19 Jahre älteren Karol Wojtyla wie ein treuer Sohn geworden. Unentbehrlich. Seit Jahren schon konnte Johannes Paul II. sein Amt nicht ohne den ihm ganz ergebenen, andere Ambitionen völlig zurückstellenden polnischen Priester und Bischof führen. Und auch nicht sein persönliches Leben und - Sterben.
Mit seinem Entschluß hielt sich Johannes Paul II. an jene Worte, die er vor genau drei Jahren, Ende März 2002, in einer vielbeachteten Rede vor Medizinern und Gesundheitsfachleuten aus aller Welt über das Sterben gehalten hatte. Bei aller grundsätzlichen Ablehnung von Euthanasie und aktiver Sterbehilfe beurteilte das Oberhaupt der katholischen Kirche „eine Intensivmedizin um jeden Preis bis zum Letzten“ ablehnend.
Papst selbst lehnte Intensivmedizin um jeden Preis ab
Wörtlich hatte Johannes Paul II. damals erklärt: „Die Komplexität des Menschen fordert bei der Verabreichung der notwendigen Heilmethoden, daß man nicht nur seinen Körper berücksichtigt, sondern auch seinen Geist. Es wäre anmaßend, allein auf die Technik zu setzen. Und in dieser Sicht würde sich eine Intensivmedizin um jeden Preis bis zum Letzten schließlich nicht nur als unnütz erweisen. Sie würde auch nicht völlig den Kranken respektieren, der nun an sein Ende gelangt ist. Der Begriff der Gesundheit, dem christlichen Gedanken wichtig, steht im Widerspruch zu einer Philosophie, die sie auf ein psychisch-physisches Gleichgewicht reduziert. Diese Sicht verdunkelt die geistliche Dimension der Person.“
Jetzt wollte er diese Worte beglaubigen, indem er als religiöser Mensch sich zum Sterben bereit erklärte. Denn man brauchte keine großen prophetischen Gaben, um seit Anfang Februar zu ahnen, daß es „diesmal“ anders war. Gewiß, seit dem Attentat vom 13. Mai 1981, hatte dieser Papst auch eine umfangreiche eigene Krankengeschichte geschrieben. Seit Mitte der neunziger Jahre beschäftigte er die Welt auch mit seinem persönlichen Gesundheitszustand, den sichtbaren, nicht versteckten Gebrechen.
Ein eisiger Luftzug im römischen Winter
Noch sind die Bilder in Erinnerung, wie er am 30. Januar am Fenster seines Arbeitszimmers mit Kindern und Tauben scherzte. Vielleicht war es dabei
dieser eisige Luftzug im römischen Winter, der ihm eine Virusinfektion
bescherte. So gefährlich wurde diese Entzündung der Atemwege und des
Kehlkopfes, daß er zwei Tage später, am Dienstagabend (1. Februar), Hals über
Kopf in die „Gemelli“-Klinik eingeliefert werden mußte.
Dann gab man sich Illusionen hin. Oder wollte die päpstliche Umgebung ihm Mut
machen? Fast im Triumphzug fuhr Johannes Paul II. am Donnerstag, dem
10. Februar, mit dem Papstmobil wieder in den Vatikan zurück. Wer genau hinsah,
wußte jedoch, daß zum Jubel kein Anlaß bestand. Zwei Wochen später mußte er in
das Krankenhaus zurückkehren. Die Infektion war nicht gewichen. Atemwege und
Kehlkopf brachten den Papst fast zum Ersticken. Ein Luftröhrenschnitt mußte
vorgenommen, eine Kanüle in den Hals eingesetzt werden.
Er wollte Ostern im Vatikan feiern
Und Johannes Paul II. kämpfte. Nicht um sein Leben. Sondern, wie es aus seiner Umgebung fromm, doch glaubwürdig hieß, entsprechend dem Lukas-Evangelium - 22. Kapitel, 15. Vers - über Jesus von Nazareth: „Mich hat sehnlich verlangt, dieses
Passamahl mit euch zu essen, bevor ich leide.“
Johannes Paul II. wollte als Oberhaupt seiner katholischen Milliarden-Gemeinschaft Ostern mit den Gläubigen feiern, so wie er es in seinem Pontifikat seit Oktober 1978 schon 26 Mal getan hatte. Verläßlich. Jahr für Jahr. Gar nicht anders vorstellbar. Nicht für ihn, nicht für einen großen Teil der Menschheit. Deshalb wollte er in seinen Amts- und Glaubens-Sitz, in den Vatikan, zurückkehren, wohlwissend, daß er dort nicht
High-Tech-Medizin finden würde.
Ein Mann der Schmerzen
Es reichte nur zu einer ungelenken Segensbewegung am Ostersonntag . Die Worte
kamen lediglich wie ein verzweifeltes Stöhnen aus seinem Mund. Am Ostermontag
warteten die Gläubigen vergebens auf dem Petersplatz. Aber am Mittwoch - erst
zwei,drei Tage ist es her - wollte Johannes Paul II. die Pilger und Besucher,
die aus aller Welt wieder zu Zehntausenden zu ihm gekommen waren, nicht
enttäuschen. Ein Mann der Schmerzen. Nichts anderes mehr konnte der Papst den
Menschen mitteilen.
Dafür sprach das vatikanische Presseamt. Es war ein Meisterstück des
verklausulierten Eingeständnisses, wie schlecht es dem Papst ging, mit Worten,
die ein Unbefangener als Hinweis auf Stabiliserung, wenn nicht gar Besserung
verstehen konnte. „Der Heilige Vater“, so hieß es dort noch am Mittwoch, „setzt
seine langsame und voranschreitende Genesung fort. Der Papst verbringt viele
Stunden des Tages im Sessel, zelebriert die Heilige Messe in seiner
Privatkapelle, und ist im Arbeitskontakt mit seinen Mitarbeitern.
Der Leibarzt ist immer zugegen
Dabei verfolgt er direkt die Tätigkeit des Heiligen Stuhls und das Leben der
Kirche. Um die Kalorienzufuhr zu verbessern und ein nachhaltiges Erstarken der
Kräfte zu begünstigen, wurde mit der künstlichen Ernährung durch das Setzen
einer Magensonde durch die Nase begonnen. Die öffentlichen Audienzen werden
noch suspendiert. Die medizinische Hilfestellung wird vom Personal der
Gesundheits- und Hygiene-Direktion der Vatikanstadt garantiert, unter Leitung
von Dr. Renato Buzzonetti, dem Leibarzt des Heiligen Vaters.“
Einen Tag später, am Donnerstag, zeigte sich, wie es gemeint war. Karol Wojtyla
erlitt einen Herz-Kreislauf-Kollaps; eine Entzündung der Harnwege kam hinzu. Da
überließ der Papst sein Heil nicht mehr den Ärzten und Medikamenten, sondern
vertraute sich, wie jeder andere Gläubige auch, der jahrtausendealten Hilfe
seiner Kirche an. Nicht mehr medizinische Bulletins standen im Vordergrund,
sondern das Religiöse des Christentums.
Der Papst bat um die Krankensalbung
Johannes Paul II. bat um das „Sakrament zum Tode hin“. Karol Wojtyla selbst war - als „Auxiliar-Bischof“ im polnischen Erzbistum Krakau - unter jenen Bischöfen des Zweiten Vatikanischen Konzils, die am 4. Dezember 1963 auch den Paragraphen 73 der „Konstitution über die Heilige Liturgie“ billigten, in dem es heißt: „Die 'Letzte Ölung', die auch - und zwar besser - 'Krankensalbung' genannt werden kann, ist nicht nur das Sakrament derer, die sich in äußerster Lebensgefahr befinden. Daher ist der rechte Augenblick für ihren Empfang sicher schon gegeben, wenn der Gläubige beginnt, wegen Krankheit oder Altersschwäche in Lebensgefahr zu geraten.“
Schon nach dem Attentat vom 13. Mai 1981 hatte Johannes Paul II. in höchster
Lebensgefahr die Krankensalbung im Angesicht des Todes erhalten. Dieses
Sakrament besteht nach den Regeln der Kirche, so der „Katechismus“, darin, daß
„die Priester den Kranken schweigend die Hände auflegen und im Glauben der
Kirche für den Kranken beten.
„Hinübergang in das ewige Leben“
Anschließend nehmen sie mit Öl die Salbung vor, der Stirn und der Hände des Kranken. Diese Salbung wird durch das liturgische Gebet begleitet, das um die besondere Gnade dieses Sakraments für den Kranken bittet. Diese besteht in Trost, Friede und Mut und in der Vorbereitung auf den Hinübergang in das ewige Leben.“