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Veröffentlicht: 05.01.2011, 18:20 Uhr

Das „Seveso-Gift“ Ein alter, giftiger Bekannter

Wieder einmal diskutiert Deutschland über Dioxin. Die Verbraucher sind verunsichert, die Landwirtschaft noch mehr. Dass schon Berichte über minimale Verunreinigungen zu maximalem Aufruhr führen, liegt auch an einem Unglück in Norditalien vor mehr als dreißig Jahren.

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© dpa Spezialisten beseitigen 1976 giftige Chemikalien aus dem Chemiewerk ICMESA in Seveso

Ans Telefon geht derzeit auf Bauernhöfen in Niedersachsen niemand gern. Selbst diejenigen Landwirte nicht, deren Höfe zu den etwa tausend gehören, die wegen des Verdachts der Dioxinverseuchung vorläufig gesperrt wurden. Etwas bleibe immer hängen, sagen Bauern. Sie erhalten „pausenlos“ Anrufe von Endverbrauchern – diese seien verunsichert, weshalb auch der Umsatz sinke. Niedersächsische Bauern sind Leid gewohnt: Vor zwei sowie vor vier Jahren war es die Vogelgrippe, vor drei Jahren ein Gammelfleischskandal, der sie heimsuchte.

Friedrich Schmidt Folgen:

Die Interessenvertretungen der Landwirte, etwa das „Landvolk Niedersachsen“, der Landesbauernverband in Hannover, kennen bisher weder eine Liste der betroffenen Betriebe noch das wirkliche Ausmaß. Auch die wirtschaftlichen Folgen sind noch ungewiss. Ein Hähnchenmäster mit 40.000 Tieren kann schon nach wenigen Tagen mehr als 100.000 Euro Verlust erleiden. Doch der Ansehensverlust wiegt womöglich noch schwerer. Bisher sind nur Biobauern, die noch striktere Kontrollen haben und nur pflanzliche Fette verarbeiten, davon weitgehend verschont.

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Eier und Fleisch dürfen Höfe, bei denen der Verdacht besteht, dass sie mit Dioxin verseuchtes Futtermittel erworben hatten, nicht verlassen, bis belegt ist, dass die Produkte unbedenklich sind. Offiziell dauert die Sperre „nur“ eine Woche, bis Tests der Eier, Puten, Hähnchen abgeschlossen sind. In der Praxis aber kann das länger dauern und damit die Existenz von Höfen untergraben. Das Niedersächsische Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (Laves) etwa erhielt am 27. Dezember 34 Proben aus Legehennenbetrieben.

Infografik / Karte / Der Weg des Dioxins (Aktualisierte Version der dpa) © dpa Vergrößern

Bis Mittwoch, also zehn Tage später, waren davon nur 18 untersucht – und von diesen lag nur eine über dem Dioxin-Grenzwert. Eine Einzelbetrachtung sei notwendig, sagt das Landwirtschaftsministerium in Hannover. Es gibt nur wenige Labore, die die komplizierten Dioxin-Prüfungen durchführen können; wenn ein Test uneindeutig ist, kann ein zweiter erforderlich werden. Für Eierproben setzt das Labor drei bis fünf Tage an, bei der derzeitigen Überlastung wird es länger dauern. Viele Landwirte, die Proben noch über Weihnachten einsandten, warten auf den Befund. Die Bauern seien die Leidtragenden, sagt die Sprecherin des „Landvolks“, Gabriele von der Brelie – sie könnten nur warten, zumal das Fehlverhalten nicht bei ihnen liegt, sie aber nun den Schaden tragen müssen, zumindest so lange, bis die Ursachenkette aufgeklärt ist.

Die Wut wächst unter Bauern

Und so wächst die Wut unter den Legehennenfarmern, den Schweine- und den Putenzüchtern. Unter den bisher vier Bundesländern mit Dioxinverdachtsfällen ist Niedersachsen als das neben Bayern weitaus größte Agrarland Deutschlands am stärksten betroffen. Dort gibt es 50.000 landwirtschaftliche Betriebe von Kleinbauern und Mittelständlern bis hin zu großen Geflügelproduzenten. Diese – wie Wiesenhof im Kreis Vechta und Rothkötter im Emsland – sagen, sie hätten „mit Sicherheit“ nicht Tierfutter von der verdächtigten Firma in Uetersen bezogen. Vor allem Lieferanten aus den Niederlanden und Polen, die bereits jetzt zwei Fünftel aller konventionell produzierten Eier in Deutschland liefern, dürften von der Liefersperre profitieren.

Immer wieder gab es in Europa in den vergangenen Jahren Fälle von Verseuchung von Lebensmitteln mit Dioxinen. Zuletzt sperrte im Mai 2010 das Landesamt für Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen wegen Dioxin-Verdachts knapp ein Dutzend Bio-Geflügelhöfe vorübergehend. Grund für die Futterverschmutzung war dioxinbelasteter Mais aus der Ukraine. Im März 2008 ließ das italienische Gesundheitsministerium die Produktion in mehr als achtzig Molkereien vorübergehend stoppen, weil in den Produkten von 25 Mozzarella-Herstellern leicht erhöhte Dioxin-Werte gemessen wurden – nur zwei Fälle von vielen.

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