15.06.2010 · Eine Studie in Greifswald belegt: Mehr Kinder in gut verdienenden Familien / Von Frank Pergande
GREIFSWALD, im Juni
Das noch von der großen Koalition 2007 eingeführte Elterngeld bewährt sich offenbar. In gut verdienenden Familien kommen seither mehr Kinder zur Welt. Gut ausgebildete Frauen entscheiden sich wieder häufiger für ein Kind - und zwar vor allem dann, wenn sie schon ein Kind oder mehrere Kinder haben. Das zeigt eine Studie der Greifswalder Universität, die mit "Survey of Neonates in Pomerania" überschrieben ist und SNiP abgekürzt wird. Noch unter Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) wurde zwar vor einiger Zeit überprüft, welche Wirkung das Elterngeld - im Durchschnitt derzeit monatlich 699 Euro - eigentlich zeigt. Die Ergebnisse schienen aber Zweifel am Sinn des Elterngeldes zu schüren: Es wurden in Deutschland nicht mehr Kinder geboren als früher.
Die Ministerin betonte deshalb, dass wenigstens auf die Väter das Elterngeld gewirkt habe. Mehr als ein Viertel der Väter nutzte die Möglichkeit, mindestens zwei Monate lang zu Hause zu bleiben, im Osten mehr als im Westen. Allerdings hatte die Studie für das Bundesministerium einen großen Nachteil: Bundesweit wird der soziale Hintergrund der Mütter, ihr Einkommen und ihre Bildung nicht erfasst, sondern eben nur die Zahl der Kinder. Der eigentliche Grund für das Elterngeld war aber genau der: Wer gut verdient und gut gebildet ist, sollte die Möglichkeit erhalten, deutliche Einkommensverluste auszugleichen, wenn die Mutter nach der Geburt eines Kindes erst einmal zu Hause bleibt.
Das funktioniere tatsächlich, meint nun Professor Wolfgang Hoffmann, der Direktor des Instituts für Community Medicine in Greifswald. Die Studie zeige, dass man in der Familienpolitik bei den verschiedenen sozialen Schichten eben auch differenziert vorgehen müsse. Zwar ist bei dem Kriterium Vollbeschäftigung ein Unterschied kaum zu erkennen: Zwei Jahre vor Einführung des Elterngeldes waren 42 Prozent der Mütter berufstätig, zwei Jahre danach 43 Prozent. Sichtbar werden die Unterschiede aber bei Müttern, die ein zweites oder drittes Kind bekamen.
"Der Anreiz, ein zweites oder drittes Kind zu bekommen, ist durch das Elterngeld offenbar höher geworden", folgert Hoffmann aus der Statistik. Vor dem Elterngeld bekamen 9,7 Prozent der Mütter mit einem Familieneinkommen von 3000 und mehr Euro ein Geschwisterkind. Zwei Jahre nach Einführung waren es aber mit 14,4 Prozent deutlich mehr. 30 Prozent der Frauen, die ein zweites Kind vor dem Elterngeld bekamen, hatten eine Schulbildung über mehr als zehn Jahre. Nach dem Elterngeld waren es 35 Prozent. Bei Müttern mit dem ersten Kind waren es vor dem Elterngeld 33 Prozent, nach Einführung 37 Prozent mit mehr als zehn Schuljahren. Hoffmann: "Insgesamt haben wir in allen Kriterien für eine berufstätige, gut bezahlte und gut ausgebildete Mutter etwa eine Steigerung um fünf Prozentpunkte." Allerdings müsse dabei immer bedacht werden, dass es sich auch um einen kurzfristigen Effekt unmittelbar nach Einführung des Elterngeldes handeln könne.
Die Zahl der Kinder bei Müttern mit weniger Einkommen und weniger Bildung hat sich allerdings kaum verändert. Eine Wirkung des Elterngeldes sei hier überhaupt nicht ablesbar, sagen die Greifswalder Wissenschaftler. Was auf den ersten Blick unlogisch erscheint, hat aber wohl damit zu tun, dass insgesamt mehr Kinder auf die Welt kamen. Bei SNiP wurden seit 2003 alle Mütter und ihre Neugeborenen im Gebiet Greifswald, Anklam und Wolgast erfasst. 4982 Kinder wurden in der Zeit geboren, 3505 Mütter willigten ein, dass die Wissenschaftler sich ausführlich mit ihren Daten beschäftigen konnten. Das bedeutete: Einsicht in den Mutterpass und in die Krankenakte sowie ein Gespräch von etwa fünfzehn Minuten unter anderem über die sozialen Verhältnisse der Frau und ihres Kindes.
Die Mehrzahl der Mütter erklärte außerdem ihre Bereitschaft, auch künftig von den Wissenschaftlern befragt zu werden. Bei den SNiP-Untersuchungen geht es um viele Aspekte, welche die Gesundheit von Mutter und Kind berühren. Übergewicht oder Mangel an Mobilität der Kinder sind ein großes Thema. Etwa zwanzig Prozent der Kinder, das hat die Studie schon gezeigt, leben in prekären Verhältnissen, in, wie die Wissenschaftler sagen, "interventionsbedürftigen Verhältnissen", wo also dringend Hilfe nötig scheint. Jetzt kommen die ersten von der Studie erfassten Kinder in die Schule. Deshalb wollen sich die Greifswalder Wissenschaftler zusammen mit den Kinderärzten an den entsprechenden Voruntersuchungen beteiligen, um so weiteres Datenmaterial zu sammeln. Könnte SNiP über viele Jahre geführt werden, wären auch die Ergebnisse aussagekräftiger.
Die Zukunft der Studie ist derzeit allerdings ungewiss. Von 2002 bis 2007 wurde sie durch das Bundesministerium für Forschung und Technologie als eine Förderung für die neuen Bundesländer finanziell unterstützt. Seit 2007 wurde das Personal der Studie aus verschiedenen Finanzierungsmodellen bezahlt. Jetzt fehlt es aber an einer dauerhaften Finanzierung. "Die in den vergangenen Jahren gewonnenen Daten und Biomaterialien sind ein Schatz sowohl bei der Erforschung von Erkrankungen im Neugeborenenalter als auch bei der Bewertung der Lebensverhältnisse unserer kleinen Patienten und ihrer Familien", heißt es in der Bilanz von SNiP.
In der Politik wurden die Greifswalder Ergebnisse mit Interesse aufgenommen. Familienministerin Kristina Schröder (CDU) kann sich bestätigt fühlen. Sie hat jüngst klargestellt, dass es zwar keine Ausweitung des Elterngeldes, wie ursprünglich von ihr beabsichtigt, geben kann, aber auch keine Einschränkung der bisherigen Leistungen. Die Sozialministerin von Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig, die als stellvertretende SPD-Bundesvorsitzende Hoffmann gebeten hatte, im familienpolitischen Beirat im Willy-Brandt-Haus zu berichten, nutzte die Studie für einen Angriff auf die schwarz-gelbe Bundesregierung: "Familien brauchen Unterstützung und dürfen nicht zu Sparschweinen der Nation gemacht werden." Auf die eigentliche Aussage der Studie - die Wirkung des Elterngeldes auf die Geburtenfreudigkeit der besser verdienenden und ausgebildeten Mütter - ging sie freilich gar nicht erst ein.