19.06.2009 · Medienliebling Daniel Cohn-Bendit hat im umweltpolitisch erwachenden Frankreich seine Traumrolle gefunden. Er hat es verstanden, gegensätzliche Persönlichkeiten in seinem „Europa Ökologie“ Bündnis zusammenzuführen. Besonders junge Wähler fühlen sich angesprochen.
Von Michaela Wiegel, ParisDer Deutsche Daniel Cohn-Bendit hat im umweltpolitisch erwachenden Frankreich seine Traumrolle gefunden. Derzeit überschlagen sich die Medien, dem neuen Superstar der Öko-Ökumene zu huldigen. Die Tageszeitung "Le Parisien" widmete dem ergrauten Studentenführer gleich sieben Seiten, "die sieben Geheimnisse des DCB" inbegriffen. Der Parteiapparat der Grünen wollte ihn sofort zu einer Fortsetzung der Wahlallianz bei den Regionalwahlen im nächsten Jahr verpflichten.
Denn Cohn-Bendits "Europa Ökologie" getauftes Wahlbündnis bescherte den erfolgsentwöhnten französischen Grünen ein zweistelliges Ergebnis (16,3 Prozent). Es darf genauso viele Abgeordnete (14) ins neue Europäische Parlament entsenden wie die ermatteten Sozialisten, die noch bis vor kurzem die Linke dominierten. In vielen Großstädten etablierte sich "Europa Ökologie" als stärkste Kraft der Linken, vor der einstigen sozialistischen Regierungspartei.
Sammlungsbewegung mit Veränderungsdrang
"Dany le Vert" hat es verstanden, gegensätzliche Persönlichkeiten wie den schnurrbärtigen Bauernführer José Bové und die blonde Untersuchungsrichterin Eva Joly, Frankreichs Ikone im Kampf gegen Korruption und Vetternwirtschaft, zusammenzuführen. Besonders die jüngeren Wählerschichten in Ballungszentren fühlten sich von der Themenpalette angesprochen, die "Europa Ökologie" abdeckte. Mit Geschick hatte der Medienliebling Cohn-Bendit die Listen nach dem Prinzip "ein Kandidat (oder eine Kandidatin) - eine Botschaft" zusammenstellen lassen.
Eva Joly zum Beispiel, die vom scheuen norwegischen Au-pair-Mädchen in Paris zur geachteten und gefürchteten Untersuchungsrichterin aufgestiegen war, die hartnäckig die zwielichtigen Verstrickungen zwischen Geschäftemachern und Politik aufgedeckt hatte, verkörperte die Forderung nach mehr Transparenz und weniger Kungelei in Europa. Sie argumentierte aus eigener beruflicher Erfahrung für eine engere Justizzusammenarbeit und bessere europäische Kontrollen gegen Steuer- und Finanzkriminalität.
José Bové wiederum, der im Hauptberuf Schafe auf den Weiden des Larzac züchtet, stand für den Kampf gegen "schlechten Fraß" aus Massentierhaltungsfabriken und genmanipuliertes Saatgut aus amerikanischen Labors, für den Verbraucherschutz am Esstisch. Die 29 Jahre alte Karima Delli, die mit dem Pariser Kollektiv "Schwarzer Donnerstag" Happenings in überteuerten Pariser Mietwohnungen organisiert und sich der Wohnungsnot der Studenten und gut ausgebildeten Berufseinsteiger in den Großstädten annimmt, stellt eine neue Figur der französischen Linken dar: lebensnah und undogmatisch, auf konkrete Lösungen für die konkreten Schwierigkeiten ihrer Generation aus.
Angriffe unter der Gürtellinie
Was den Sozialisten in ihrer eigenen Partei nicht gelingt, hat Cohn-Bendit mit selbstbewussten Persönlichkeiten aus dem linken Spektrum geschafft: eine Sammlungsbewegung, die sich vom Veränderungsdrang nährt. Selbst den proeuropäischen Veteranen François Bayrou ließ "Dany le Vert" mit seinem Multi-Kulti-Bündnis wie einen Langweiler aus der Provinz aussehen, dem nichts anderes einfällt, als auf Nicolas Sarkozy einzudreschen. Cohn-Bendit hatte es hingegen bewusst vermieden, bei der gängigen Anti-Sarkozy-Hetze mitzumachen. Bayrou wusste damit nicht umzugehen.
Obwohl die beiden Männer sich aus gemeinsamer Zeit im Europäischen Parlament gut kennen, griff der Zentrist den Grünen in einer Live-Sendung im französischen Fernsehen unter der Gürtellinie an. Er hielt ihm kaum verklausuliert vor, Kinderschänderei verharmlost zu haben. "Jetzt ist er ausgerastet", kommentierte Cohn-Bendit, nie um eine Antwort verlegen.
Der Versuch, Cohn-Bendit mit Schriften ("Le grand bazar") aus den wilden Siebzigern mundtot zu machen, scheiterte. Seine Vergangenheit auf den Barrikaden der Studentenrevolte hatte Cohn-Bendit mit dem vor einem Jahr erschienenen Buch "Forget 1968" ("Vergiss 1968) selbst bewältigt. Deshalb mochte nur der Nationalkonservative Philippe de Villiers ("Libertas") in die Kameras näseln, wie bestürzt er sei, dass Frankreich sich ausgerechnet einen "Pflastersteinwerfer" zum europäischen Vorbild gewählt habe.
Cohn-Bendits Erfolg gründet nicht zuletzt auf dem gestiegenen Interesse der Franzosen an Umweltthemen. Schon im Präsidentschaftswahlkampf vor zwei Jahren hatte der Einfluss des Öko-Fernsehstars Nicolas Hulot vom erwachten ökologischen Bewusstsein gezeugt. Während die Franzosen mit der Weltuntergangsstimmung des Saure-Regen-Jahrzehnts in Deutschland nichts anzufangen wussten, haben sie die ästhetischen, kunstvollen Kamerabilder von der Zerstörung der Erde des Pariser Fotografen Yann Arthus-Bertrand zutiefst bewegt. Arthus-Bertrands Film "Home" schauten sich mehr als acht Millionen Franzosen am Bildschirm an, Schulklassen pilgerten mit ihren Lehrern in die Kinos, Zigtausende sahen ihn im Internet. Arthus-Bertrands Bilder aus der Vogelperspektive waren mit einer eindeutigen Botschaft untermalt: "Für Pessimismus ist es zu spät, wir müssen handeln." Der Film wurde zwei Tage vor der Europawahl ausgestrahlt.
Unklarheit bei der Frage der Nuklearenergie
Cohn-Bendits große Herausforderung aber wird es in den nächsten Monaten sein, seine Abgeordneten zusammenzuhalten. Zwar ist es ihm gelungen, Gegensätze in der Wahlkampagne zu umschiffen, aber er hat dafür den Preis der Unklarheit gezahlt. José Bové etwa hat seine Ablehnung des europäischen Verfassungsvertrages nicht widerrufen. Wie er zum Lissabon-Vertrag steht, ist nicht bekannt. Cohn-Bendit sieht in ihm lieber einen "echten Föderalisten", der nicht wollte, dass mit dem europäischen Verfassungsvertrag die liberale Wirtschaftsordnung zementiert wird.
Unbequem ist auch die Frage nach der Rolle der Nuklearenergie. Cohn-Bendit spricht sich für ein nuklearfreies Europa aus, ganz nach dem Vorbild Deutschlands, während die französischen Grünen in dieser Frage wesentlich zwiespältiger sind, haben sie doch in ihrer Regierungszeit (1997 bis 2002) die Nuklearstrategie Frankreichs mitgetragen. Aber "Dany le Vert" hat schon ein Thema ausgemacht, das seine Sammlungsbewegung weiter einen wird: der Kampf gegen eine zweite Amtszeit des EU-Kommissionspräsidenten Barroso.
Ein Ministeramt in Frankreich, wie es Präsident Sarkozy vor der am Monatsende anstehenden Regierungsumbildung anbieten könnte, lehnt Cohn-Bendit ab. "Wenn man sich meinen Freund Bernard Kouchner ansieht, bekommt man dazu keine Lust. Er ist doch nur noch die Stimme seines Herrn", sagte Cohn-Bendit, der in Frankfurt wohnen bleibt. Deshalb wird jetzt in Paris schon darüber spekuliert, dass Yann Arthus-Bertrand neuer Umweltminister werden könnte.
Cohn Bandit ist ein Wirrkopf und Selbstdarsteller
Karl Wilhelm (Wilhelmson)
- 19.06.2009, 13:26 Uhr
@wilhemson
Ivo Gömöry (heymanheyman)
- 20.06.2009, 12:06 Uhr