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CSU-Parteitag in Nürnberg Der doppelte Stoiber

21.07.2008 ·  Beckstein und Huber gaben auf dem Nürnberger Parteitag den besten Stoiber, den die CSU je hatte. Es war ganz die gewohnte CSU, die sich dort mit so routiniertem Selbstbewusstsein präsentierte - mit einem Ego im XXL-Format.

Von Albert Schäffer
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Eine ganze Weile lang war die CSU die Lieblingspartei der Kabarettisten. Allein das Lavieren der Parteiheroen Beckstein und Huber in der Schicksalsfrage, ob in Bierzelten weiter die traditionelle Virginia geschmaucht werden darf, erwies sich als nachhaltiges Konjunkturprogramm für scharfe Zungen. Zumindest in der öffentlichen Darstellung drohte die CSU auf einen immerwährenden Nockherberg verbannt zu werden, den satirisch-politischen Zentralort der Bayern.

Weit in die Vergangenheit schienen die Zeiten versunken, in denen die größte Sorge der CSU war, ob sie am nächsten Wahltag 58,6 oder 56,8 Prozent der Stimmen erringen werde. Auch Anhänger der These, dass die Geschichte wellenförmig verlaufe, entdeckten die CSU; für sie lag es auf der Hand, dass nach fünfzig Jahren Regierungsverantwortung die Wähler eine gewisse Lust auf Abwechslung verspüren könnten - und sei es auch nur die Abwechslung, am 28. September den Biergarten dem Wahllokal vorzuziehen. Ein kleines Beispiel hatte schließlich die CSU selbst gegeben, als sie aus purem Überdruss Stoiber absetzte - den Mann, der Bayern einen Haushalt ohne Neuverschuldung beschert hat.

Routiniertes Selbstbewusstsein

Die Bayern sind allerdings widerständig, was die allzu willfährige Erfüllung von Erwartungen anbelangt. Wer sich vor dem Nürnberger Parteitag ausgemalt hatte, wie die Delegierten mit düsteren Mienen durch die Messehallen schleichen würden; wie Beckstein und Huber mit hängenden Schultern ans Rednerpult treten würden, ihr Manuskript mit dem vertraulichen Vermerk „Kein Hans-Moser-Nuscheln“ in zitternden Händen; wie CSU-Nachwuchskräfte die Dramaturgie des SPD-Parteitags studieren würden, auf dem einst ein gewisser Lafontaine einen gewissen Scharping stürzte - wer in solchen Erwartungen schwelgte, musste alle Hoffnung fahrenlassen.

Video: Trotz Pendlerpauschale feiert die CSU ihre Kanzlerin

Mit so routiniertem Selbstbewusstsein inszenierten sich die Partei und ihre Granden, als seien die Umfragen, in denen ihre absolute Mehrheit mit einem Fragezeichen versehen wird, nur launige Scherze zur Einstimmung auf die Sommerferien. Beckstein gab den besten Stoiber, den die CSU je hatte - und zählte immer neue Felder auf, in denen Bayern weit vor den anderen Bundesländern liege. Das Lob der CDU-Vorsitzenden und Bundeskanzlerin Merkel, Bayern sei da, wo der Bund hinwolle, verstärkte Beckstein zur maximalen Lautstärke, damit noch der letzte Delegierte verinnerlichte, was er nach der Rückkehr in seinem Heimatkreis zu verkünden hat. Und die Ankündigung, Bayern wolle zu den fünf innovativsten Regionen der Welt aufschließen, hätte Stoiber, der Paganini der Leistungsbilanzen, nicht schöner intonieren können.

CSU schlägt Kabarettisten mit den eigenen Waffen

Auch Huber gab den besten Stoiber, den die CSU je hatte - und reihte aneinander, wo seine Partei überall in Berlin die Zögerer und Zauderer vor sich hertreibe: bei der Pendlerpauschale, bei der Vergütung der Ärzte, bei der Erbschaftsteuer. Es war ganz die gewohnte CSU, die sich in Nürnberg präsentierte - mit einem Ego im XXL-Format. Der Spuk der vergangenen Monate, mit einem Huber, der im Kanzleramt wartende Kameras und Mikrofone verpasste, weil ihn unfreundlicherweise niemand auf sie hingewiesen hatte; mit einem Beckstein, dem wohlmeinende Parteifreunde einen modischen Upgrade beim Herrenausstatter empfahlen und der sogleich aufgeschreckt die Öffentlichkeit über so wichtige landespolitische Kennzahlen wie seine Kleidergröße und notwendige Kürzungen der Hosenlänge informierte, war verflogen.

Magermilch ist in Bayern noch nie besonders beliebt gewesen, schon gar nicht in der Politik - davon kann die ewige Hoffnung der bayerischen SPD, ihr Spitzenkandidat Maget, gleich mehrere Lieder singen. Auf ihm lastet bleischwer das Prädikat, er sei so furchtbar „nett“. Ausgesprochen nett von Maget war es jedenfalls für die CSU, eine tollkühne Variante für den Machtwechsel am 28. September in Umlauf zu bringen: die CSU durch eine Vierer-Koalition aus SPD, Grünen, Freien Wählern und FDP abzulösen dürfte für die meisten Wähler keine besonders verlockende Perspektive darstellen.

Einige von Maget Umworbene haben zwar schon dankend abgewinkt - was aber den doppelten Stoiber alias Beckstein und Huber natürlich in Nürnberg nicht davon abhielt, diese Steilvorlage lustvoll ins gegnerische Tor zu schießen. Einer Vierer-Koalition, gar mit der Linkspartei als Anhängsel - „einer solchen Truppe“ dürfe man das Land nicht anvertrauen. Dieser Muntermacher soll die Wahlmüdigkeit der Bayern vertreiben, die die CSU weit mehr fürchtet als Maget und seine widerwilligen Traumpartner. Die ewige Regierungspartei könnte dadurch weiter über die Fünfzig-Prozent-Marke katapultiert werden, als ihre ärgsten Freunde annehmen. Becksteins Feststellung, einen anständigen Bayern schüttele es schon bei dem Wort Koalition, hätte auch dem großen bayerischen Staatsdenker Gerhard Polt einfallen können. Die Kabarettisten mit den eigenen Waffen schlagen - es könnte nicht der schlechteste CSU-Einfall für den Wahlkampf sein.

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Jahrgang 1957, politischer Korrespondent in München.

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