08.06.2008 · Selbst wenn eine gescheiterte Präsidentschaftskandidatin nichts Besonderes ist: Hillary Clinton wird eine Außergewöhnliche bleiben. Vielleicht tritt sie in vier oder acht Jahren noch einmal an.
Von Bertram EisenhauerMuss man eigentlich Mitleid haben mit Hillary Clinton? Oder ist sie einfach eine kalte Machtpolitikerin, die die Hoffnungen ihrer Anhänger ausbeutet? Vielleicht ist es eine der schwersten Bürden der gerade gescheiterten Präsidentschaftskandidatin, dass man in ihrem Fall um solche Fragen nicht herumkommt. Sie ist die Art von Politikerin, für die man keine lauwarmen Gefühle haben kann. Man muss für sich klären: Mag ich die?
Hier das Plädoyer für die Anteilnahme: Vor einem Jahr schien Hillarys Nominierung als Kandidatin eine ausgemachte Sache. Sie hatte den kräftigsten Markennamen, den man sich denken kann, das Establishment ihrer Partei stand hinter ihr, sie hatte Geld und hohe Umfragewerte. Als möglicherweise erste Frau im Oval Office hatte sie eine bezwingende Geschichte zu erzählen.
Der Traum zum Greifen nah
Und dann kam Barack Obama. Sie hatte so hart gearbeitet – und nun flogen dem Neuling, dem Geschmeidigen, die Herzen zu. Hillary kämpfte, zeigte nach frühen Vorwahlniederlagen ein starkes Finish, aber Obama lag diesen einen Atemzug vor ihr. Der Traum zum Greifen nahe, und dann rutscht er einem aus der Hand, wie in Zeitlupe: Das muss weh tun.
Die Gegenrede freilich ist auch leicht zu führen. Nicht nur weil Hillary im Wahlkampf schwere strategische Fehler unterliefen; in einer Wahlsaison, da es das Volk nach Veränderung dürstet, bot sie sich als der Inbegriff der Erfahrung an. Außerdem zeigte sie, die sicher eine ordentliche Präsidentin wäre, vor allem in der Niederlage jene wenig schmeichelhaften Züge, deretwegen nicht nur Männer sie mit großer Skepsis betrachten. Mit ihrem Hinweis, sie sei die stärkere Kandidatin, weil die „hart arbeitenden, weißen Amerikaner“ hinter ihr stünden, tänzelte sie am Rand des Rassenressentiments entlang.
Dass Politiker Argumente nur benutzen, um ihren Machtwillen zu umkleiden, daran hat man sich gewöhnt. Hillary aber bot offensichtlich dubiose Rechnungen auf: Entscheidend seien ja nicht die Delegierten, sondern die Zahl der Wählerstimmen, und da liege sie vorn. Da klang sie wie der Verlierer, der mitten im Spiel die Regeln ändern möchte. Es enthüllte sich eine Frau, die überzeugt war, dass der Sieg ihr zusteht – egal was die Wähler entscheiden. Vom „gestörten Narzissmus der Clintons“ sprach der „New Yorker“-Autor Jeffrey Toobin.
Höhepunkt der Schamlosigkeit
Höhepunkt der Schamlosigkeit war der Abend der letzten Vorwahlen am vergangenen Dienstag. Da war nicht mehr zu bestreiten, dass Obama die Stimmen für die Nominierung zusammen hatte – als erster Schwarzer überhaupt. Hillary Clinton aber sprach weiter davon, sie hätte gegen John McCain die besseren Chancen, und ihre 18 Millionen Wähler verdienten es, „respektiert“ zu werden.
In einem historischen Moment fiel ihr nichts Besseres ein, als dem siegreichen Rivalen die Aufmerksamkeit zu stehlen. Das hatte keine Klasse, und es unterminierte den Kandidaten ihrer Partei. Vier Tage später holte sie das Unausweichliche nach.
Und nun? Hillary Clintons politische Zukunft ist erst mal ungewiss. Obama wird sie kaum zu seiner Vizepräsidentschaftskandidatin machen: Dem gemeinsamen „ticket“ brächte sie etwa die Unterstützung vieler Frauen und Arbeiter, aber auch die Hypothek ihrer polarisierenden Persönlichkeit; zudem sähe es so aus, als gäbe Obama dem Druck einer Kampagne nach, und das muss er vermeiden.
Zweite Chance in acht Jahren?
Würde er gewählt, hätte seine Regierung mit einer Vizepräsidentin Clinton eine ungesunde Unwucht. Will Hillary selbst die Nummer 2 im Weißen Haus werden? Das war sie schon mal, mit Bill; um aufzurücken, hat sie sehr gestrampelt.
Doch selbst wenn ein gescheiterter Präsidentschaftskandidat im Senat, wo sie New York vertritt, nichts Besonderes ist: Hillary Clinton wird eine Außergewöhnliche bleiben. Vielleicht tritt sie in vier oder acht Jahren noch mal an. Richard Nixon erlebte, nach einer Niederlage gegen den Obama-haften John F. Kennedy 1960, 1968 ein Comeback.
Freilich: Acht Jahre sind eine Ewigkeit. Womöglich sind dann noch andere Frauen soweit, sich ums Weiße Haus zu bewerben. Hillary, die bewiesen hat, dass eine Frau das mit Aussicht auf Erfolg kann, wird das nur leider keine Genugtuung sein. Konkurrent ist Konkurrent, und sei es eine Schwester.bpe.
Bertram Eisenhauer Verantwortlich für das Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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