06.04.2008 · Seit 1999 hat der libysche „Revolutionsführer“ Muammar al Gaddafi die Rückkehr seines Landes in die internationale Staatengemeinschaft eingeleitet - trotz Terrorvergangenheit und Diktatur. Eine Chronik.
1999 Der libysche "Revolutionsführer" Muammar al Gaddafi leitet die Rückkehr seines Landes in die internationale Staatengemeinschaft ein, indem die Organisation Afrikanischer Einheit (OAU) unter seinem Vorsitz auf einem Gipfeltreffen im libyschen Sirte die Gründung der "Afrikanischen Union" (AU) beschließt. Zum ersten Mal seit 15 Jahren bekommt Gaddafi wieder Besuch aus dem Westen: Im Dezember kommt der italienische Ministerpräsident Massimo D'Alema nach Tripolis.
2000 Am Rande des EU-Afrika-Gipfels in Kairo trifft Gaddafi Bundeskanzler Schröder, außerdem abermals D'Alema und den EU-Kommissionspräsidenten Romano Prodi. Durch seine und die Vermittlerrolle seines Sohnes (durch die Zahlung von Lösegeld) im Geiseldrama auf der Philippinen-Insel Jolo erwirbt sich Gaddafi internationale Anerkennung. Acht deutsche und französische Urlauber waren in der Gewalt islamistischer Abu-Sayyaf-Rebellen.
2001 Der Lockerbie-Prozess endet am 31. Januar in Schottland mit der Verurteilung der beiden tatverdächtigen libyschen Geheimdienstangehörigen zu lebenslanger Haft. Sie sollen ein amerikanisches Passagierflugzeug 1988 über Lockerbie zum Absturz gebracht haben. Ein Berufungsprozess bestätigt das Urteil im März 2002. Libyen übernimmt ein Jahr später, im August 2003, in einem Schreiben an den UN-Sicherheitsrat die Verantwortung für den Anschlag auf das Flugzeug. Das Land erklärt sich bereit, 2,7 Milliarden Dollar zur Verfügung zu stellen, um die Angehörigen der Opfer zu entschädigen.
2003 Gaddafi erreicht mit Frankreich eine Übereinkunft zur Entschädigung der Hinterbliebenen des Attentates 1989 in Niger. Daraufhin hebt der UN-Sicherheitsrat am 12. September die Sanktionen gegen Libyen auf. Im Dezember kündigt Gaddafi an, auf Massenvernichtungswaffen und auf das libysche Atomprogramm verzichten zu wollen.
2004 Amerika lockert seine Sanktionen, nachdem Libyen mit der Vernichtung von chemiewaffenfähigen Bomben beginnt und Zentrifugenbauteile zur Anreicherung von Uran in die Vereinigten Staaten gebracht werden. Das Reiseverbot wird aufgehoben, später auch die restlichen Sanktionen. Im März trifft der britische Premierminister Blair Gaddafi in Tripolis. Sie vereinbaren eine Zusammenarbeit im Kampf gegen den Terrorismus. Im Mai werden fünf bulgarische Krankenschwestern und ein palästinensischer Arzt, die seit 1999 inhaftiert sind, zum Tod verurteilt. Ihnen wird vorgeworfen, über 400 Kinder in einer Kinderklinik mit dem HI-Virus infiziert zu haben. Die Gaddafi-Stiftung zahlt insgesamt 35 Millionen Dollar an die deutschen Opfer des "La Belle"-Anschlags, bei dem 1986 in Berlin drei Menschen getötet und über 200 Menschen verletzt worden waren. Bundeskanzler Schröder reist nach Libyen. Wenig später kommt der französische Präsident Chirac. Die EU hebt das Waffenembargo gegen Libyen auf. Gaddafi verkündet im Sommer die Einführung eines "Volkskapitalismus", der die Planwirtschaft ablösen soll.
2006 Amerika kündigt die Normalisierung der Beziehungen zu Libyen an. Das Land soll auch von der Liste der "Unterstützer des internationalen Terrorismus" gestrichen werden. Die EU und die Afrikanische Union einigen sich unter Beteiligung Libyens auf ein gemeinsames Vorgehen gegen Menschenhandel und illegale Migration.
2007 Die Todesurteile gegen fünf bulgarische Krankenschwestern und einen bulgarisch-palästinensischen Arzt werden vom Obersten Gericht in Libyen bestätigt. Wenig später stimmt Libyen unter Vermittlung des französischen Staatspräsidenten Sarkozy einer Freilassung der Gefangenen zu. Die EU kündigt eine neue Ära der Zusammenarbeit mit Libyen an. Sarkozy trifft im Juli Gaddafi in Tripolis. Frankreich baut in Libyen ein Atomkraftwerk.