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Christopher Clark im Gespräch : Woher wissen Sie, was die Österreicher träumten?

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Wer zuerst schießt, verliert. Aber wer nicht schießt, verliert wahrscheinlich auch. Szene aus Quentin Tarantinos Film „Reservoir Dogs“ Bild: ddp images

Christopher Clark hat ein Buch über den Ersten Weltkrieg geschrieben. Die Leser lieben es, vor allem in Deutschland. Aber viele Historiker schimpfen. Ein Gespräch darüber, welchen Quellen man trauen kann.

          Herr Clark, kennen Sie den Film „Reservoir Dogs“ von Quentin Tarantino?

          Natürlich. Ich kenne alle Tarantino-Filme.

          Dann können Sie sich bestimmt an die Schlussszene erinnern, die Filmkritiker einen „mexican stand-off“ nennen - drei Gangster stehen sich gegenüber, jeder bedroht den anderen mit einer Pistole und weiß: Schieße ich, bin ich tot, schieße ich nicht, vermutlich auch. Ist das ein treffendes Bild für die Lage in Europa Ende Juli 1914?

          Wenn wir als Betrachter dieser Szene erst in dem Moment dazustoßen, in dem alle Gangster schon den Finger am Abzug haben, werden wir dazu neigen, denjenigen für schuldig zu halten, der unter diesem enormen psychologischen Druck zuerst schießt. Aber für das Verständnis, wie es zu dieser Lage kam, ist das nicht entscheidend. Deshalb führe ich in meinem Buch diese vielen Exkurse zur Vorgeschichte des Krieges an. Die Schlussszene vom August 1914, als das Schießen begann, hatte eine ungeheuer komplexe Vorgeschichte, und auf dieses Bild kam es mir an.

          Christopher Clark
          Christopher Clark : Bild: dpa

          Ihr Buch „Die Schlafwandler“ beginnt mit einer Szene, die aus einem Tarantino-Film stammen könnte: Sie schildern in allen Details die bestialische Ermordung des serbischen Königs Alexander Obrenović und seiner Frau Draga im Juni 1903 in ihrem Palast in Belgrad, erwähnen später auch den Offizier, der Dragas abgeschnittene Brüste als getrocknetes Stück Fleisch in einem Koffer bei sich trug. Mehr „Pulp Fiction“ geht nicht. Hat das eine Rolle gespielt bei der Entscheidung, das Buch ausgerechnet 1903 in Belgrad beginnen zu lassen?

          Zu behaupten, dass sei mir nie in den Sinn gekommen, wäre unredlich. Natürlich will ich die Leser fesseln. Aber es gab auch eine inhaltliche Überlegung. Ich fragte mich, wie ich einen Faden durch die Quellen ziehen kann, und landete bei den Berichten, die britische Diplomaten nach dem Belgrader Königsmord nach London sandten. Es gibt in London riesige Bände mit Diplomatenberichten unter dem Titel „Die Auslöschung der Obrenović“. Diese Dokumente enthalten auch einen Bericht des traumatisierten italienischen Frisörs von König Alexander, der die Leichen für die Beerdigung vorbereitet hatte. Er beschreibt die vielen Stichwunden, die zerstückelte Leiche der Königin. Diese Berichte hatten eine solche Schockwirkung in London, dass man sofort die diplomatischen Beziehungen beendete, nur ein Charge d’Affairs blieb in Belgrad zurück. Die Königsmörder waren ein wichtiger Machtfaktor in Belgrad, und sie setzten eine neue Außenpolitik durch. Es kam zu einer Abwendung Serbiens von Österreich-Ungarn und zu einer deutlichen Annäherung an Russland. Serbien war eben nicht nur ein umhergestoßenes Objekt der Großmächte. In Belgrad wurde eigenständige Politik gemacht, die ihre Wirkung hatte. Der Königsmord von 1903 und seine Folgen illustrieren das - zugegeben auf sehr drastische Weise.

          Der britische Geschäftsträger in Belgrad könnte aber auch ein literarisch begabter Flunkerer gewesen sein. Wie entscheiden Sie, ob Sie einer Quelle trauen?

          Ein Beispiel: In manchen diplomatischen Berichten aus Belgrad steht, dass die verstümmelten Leichen des Königspaars bei Regen in den Hof des Palastes geworfen wurden, und als die Körper da so liegen in Blut und Schleim im Blumenbeet, erscheint gerade der russische Gesandte, der alles beobachtet hat. Aber das berichten die Diplomaten nur vom Hörensagen. Politisch enthält diese Darstellung starken Sprengstoff, da man ein Mitwissen der Russen am Königsmord in die Szene hineinlesen könnte. Es war ja bekannt, dass die Russen König Alexander nicht mochten. Dass sie in den Mord verstrickt waren, glaube ich aber nicht, und die Quellen dazu sind nicht stichhaltig. Also habe ich darauf verzichtet, sie zu zitieren.

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