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Christen und Muslime Auf Augenhöhe in Marxloh

15.04.2006 ·  In Duisburg entsteht Deutschlands größte Moschee. Die christlichen Pfarrer suchen neue Wege im demographischen Wandel. Und in kleinen Schritten nähern sich Christen und Muslime einander an. Eine Reportage von Peter Schilder.

Von Peter Schilder, Duisburg
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Marxloh im Duisburger Norden gilt als „Stadtteil mit besonderem Erneuerungsbedarf“. Um so mehr verwundern die zahlreichen Geschäfte für Hochzeitsausstattung rund um das Pollmann-Kreuz. Den Schnittpunkt von Weseler Straße und Kaiser-Wilhelm-Straße, wo einst das Kaufhaus Pollmann den Mittelpunkt von Marxloh markierte, nennt der Volksmund - egal, ob deutscher oder anderer Zunge - noch immer „den Pollmann“. Geschäftslokale, die vor einigen Monaten noch leer standen, zeigen nun festliche Kleider mit viel Tüll in leuchtenden Farben in den Auslagen.

An Wochenenden herrscht dort Hochbetrieb. Dann kommen Türken und türkischstämmige Bürger aus den Niederlanden, aus Belgien und sogar aus Frankreich und England, um sich für eine Hochzeit einzukleiden. Dann verstärkt sich rund um Pollmann der Eindruck, als läge Duisburg nicht am Rhein, sondern am Bosporus.

Schuhe, Schmuck und süße Spezialitäten

Türkische Hochzeiten versammeln oft mehrere Hundert Gäste, die allesamt fein herausgeputzt sind. Da sind gute Geschäfte zu machen. Brautleute und Gäste kommen gern nach Marxloh, denn die Auswahl ist dort groß. „Früher sind wir nach Köln gefahren, weil es nur dort diese Läden gab“, sagt eine eingebürgerte Marxloherin in akzentfreiem Deutsch. Nicht nur sie freut sich über die neue Kundschaft, sie kündigt für viele einen Wandel an. Auch Schuhe, Schmuck und süße Spezialitäten bekommen türkische Hochzeitsgäste rund um Pollmann. Und andere Migrantengruppen eröffnen Geschäfte mit Angeboten, die ebenfalls vorwiegend ihren eigenen Bedarf decken. Unverhofft lebt Marxloh wieder als Einkaufsstadt auf.

Bis in die sechziger und siebziger Jahre hinein war der Ort ein beliebtes Einkaufziel am Niederrhein. Manche Fassade in der Kaiser-Wilhelm-Straße - liebevoll mit öffentlichen Mitteln restauriert - erinnert noch daran. Der Wandel ist sogar in Zahlen ablesbar. Die Nachfrage nach Immobilien nimmt zu, und die Preise ziehen an. In der Nähe der Warbruckstraße sind etwa vierzig Reihenhäuser entstanden. Alle sind verkauft. Nebenan nämlich, dort, wo früher die Kantine der Zeche war, entsteht derzeit eine Moschee. Es soll die größte in Deutschland werden, mit einem 34 Meter hohen Minarett, allerdings ohne Muezzin. Die Pollmann Merkez Camii (Pollmann- Zentrum-Moschee) wird neben einem großen und prächtigen Gebetsraum im osmanischen Stil ein Islam-Archiv, eine Bildungsstätte und ein Begegnungszentrum mit einem für alle offenen Cafe beherbergen.

Trümmerkulisse für „Das Wunder von Bern“

Während die Bauarbeiten noch in vollem Gang sind, hat das Begegnungszentrum, das unter anderem Deutschkurse anbietet, in provisorischen Containern schon seinen Betrieb aufgenommen. Türken kommen, die sich nach dem Fortgang an ihrer Moschee erkundigen. Auch Deutsche schauen gelegentlich vorbei. Sie trauen sich noch nicht so recht. Am leichtesten fällt es ihnen, wenn zum Beispiel der katholische Pfarrer Kemper über die Bedeutung Jesu und Marias im Koran spricht. Dann ist der Pastor der Türöffner.

Die katholische Kirche Sankt Peter liegt nur ein paar hundert Meter von der Moschee entfernt, und noch ein Stück weiter Richtung Hamborn steht die evangelische Kreuzkirche. Zwischen Sankt Peter und der Pollmann-Moschee liegt der Elisenhof. Das ist der Innenhof einer früheren Wohnanlage, deren eine Seite so verfallen war, daß sie als Trümmerkulisse für eine Szene in dem Film „Das Wunder von Bern“ taugte. Die Ruine ist abgerissen und der Platz zur Moschee hin offen. Eine Bürgerinitiative will, daß er als Rosengarten die Gotteshäuser verbinde.

„Nicht immer nur Gäste, sondern auch Gastgeber sein“

Beide christlichen Gemeinden haben ihre Vertreter in den Moscheebeirat entsandt, der den Bau begleitet. Viele haben bisher mitgeplant und mitgedacht. Ursprünglich wollte die Moscheegemeinde der Türkisch-islamischen Union (Ditib) nur eine repräsentative Moschee in Marxloh auf dem alten Kantinengelände errichten, wo ein provisorischer Gebetsraum untergebracht war, „Es ist wichtig“, sagt Frau Kaykin, die Leiterin des Begegnungszentrums, „einen repräsentativen Raum zu haben. Wir wollen nicht immer nur Gäste, sondern auch Gastgeber sein.“

Auseinandersetzungen, wie sie vor einigen Jahren im Duisburger Stadtteil Hochfeld um den Muezzin-Ruf geführt worden waren, sollten sich nicht wiederholen. Also suchte man beizeiten das Gespräch, denn das gegenseitige Unverständnis ist keineswegs überwunden. So nahm allmählich die Idee eines Begegnungszentrums Gestalt an. Die städtische Entwicklungsgesellschaft Duisburg steuerte fachliche und finanzielle Hilfe bei.

Sankt Peter nur noch als „weitere“ Kirche geführt

Ein Drittel der 18.000 Einwohner Marxlohs sind Ausländer, siebzig Prozent davon Türken (eingebürgerte nicht mitgezählt). Die andern verteilen sich auf mehr als zwanzig Nationalitäten. Die Christen - katholische und evangelische - bilden mit jeweils knapp 4.000 Gemeindemitgliedern nach wie vor die größte Gruppe. Das gilt erst recht für ganz Duisburg, wo die Zahl der Muslime auf 60.000 geschätzt wird, die Katholiken etwa 180.000 Mitglieder zählen und die Protestanten 130.000.

Aber die Zahl der Christen ist rückläufig, sogar stärker als der Bevölkerungsrückgang im gesamten Ruhrgebiet, der seit den sechziger Jahren fast 30 Prozent ausmacht. Das katholische Bistum Essen hat seit seiner Gründung im Jahr 1958 mehr als ein Drittel seines Kirchenvolks verloren. Jetzt zieht es die organisatorische Notbremse: Aus den 259 Gemeinden des Bistums werden 42; aus den 32 Duisburger Gemeinden vier. Davon bleibt Marxloh nicht unberührt. Sankt Peter wird dann nur noch als „weitere“ Kirche geführt. Das ist keine Ehrentitel. Es bedeutet, daß diese Kirche nicht länger vom Bistum finanziert wird. Nun sucht die Gemeinde nach einem anderen Verwendungszweck, vor allem nach einem Träger, der das nötige Geld aufbringen kann. Zuallererst wird Geld gebraucht, um das einsturzgefährdete Dach zu reparieren.

„Vielleicht ist das alles auch Vorsehung“

Das katholische Leben schart sich um Sankt Peter. Die Gemeinde ist überaltert. Viele junge Leute sind weggezogen in bessere Stadtteile. Geblieben sind die Alten, die Armen und jene, die einfach Marxloh nicht verlassen wollen. Auch Pfarrer Kemper will in Marxloh bleiben. Kirchenrechtlich wird er vom Pfarrer zum Pastor zurückgestuft. Das macht ihm weniger aus als manchem Gemeindemitglied. Viele empfinden es als Verlust, wenn die Gemeinde Sankt Peter nicht mehr selbständige Pfarrei ist. Sie erleben ihre eigene Kirche auf dem Rückzug. Kemper selbst versteht sich aber nicht als einer, der am Ende das Licht ausmacht. „Eher sehe ich mich als Avantgardisten“, sagt er und erinnert an das Bild des Hirten, der neue Wege und Weiden finden muß. Das sei doch etwas. „Vielleicht ist das alles auch Vorsehung“, fügt er leise hinzu.

Seinem evangelischen Kollegen, Pfarrer Raunig, geht es auch nicht viel anders. Zwar verläuft der Wandel in der evangelischen Kirche zur Zeit nicht so dramatisch wie im Bistum Essen, aber die Presbyterien der Gemeinden Marxloh und Obermarxloh haben sich ebenfalls entschlossen, zu fusionieren und die Kräfte zu bündeln. Die Gemeindestruktur ist ähnlich. „Allein mit der Kraft unserer Lenden werden wir es nicht schaffen, den demographischen Trend umzukehren“, sagt Pfarrer Raunig. Er ist 38 Jahre alt und hat eine Tochter.

„Wir arbeiten in beide Richtungen“

Es ist fast so, als sprächen die beiden Pfarrer mit einer Stimme, wenn ein jeder sagt, er wolle daran arbeiten, daß sich die Menschen hier wohl fühlen und weniger Angst haben. Tatsächlich gibt es Angst bei den alten Menschen. Viele ziehen sich in ihre Wohnungen zurück und verschwinden so aus dem Straßenbild, was die vermeintliche Übermacht des Fremden noch verstärkt. „Es ist gefühlte Angst“, sagt Kemper, die sich mit der Kriminalstatistik nicht begründen lasse. Er nimmt sie dennoch ernst.

In diesem Jahr wenden sich die beiden christlichen Gemeinden mit einem ökumenischen Ostergruß an alle Bürger Marxlohs und besonders an die Muslime. Sie regen darin an, in Marxloh und im Bezirk Hamborn einen „Rat der Religionen“ zu gründen, wo alles erörtert werden soll, was alle betrifft. Die Kommunalpolitiker haben ihre Unterstützung zugesagt. Es sind die beiden Pfarrer, die den Dialog vorantreiben und zum Beispiel auch dafür sorgen, daß Pfarr- und Stadtteilfeste interreligiös gestaltet werden. Bei der Moscheegemeinde, sagen sie, hätten sie damit offene Türen eingerannt. Selbst die Freikirchen seien dabei. „Wir arbeiten in beide Richtungen“, sagt Raunig. „Einmal stärken wir unsere eigenen Gemeinden, zum anderen suchen wir den Kontakt.“ Die christlichen Gemeinden hätten keinen Grund, sich zu verstecken, sagt Kemper. Sie könnten mehr zum gegenseitigen Kennenlernen beitragen und dazu, „die jeweils andere Religiosität besser zu verstehen“.

„Gott kann ganz andere Wege gehen“

Das passiert bei vielen Gelegenheiten: in Kindergärten, bei Vorleseabenden, in Frauengruppen. In den zwei katholischen und zwei evangelischen Kindergärten wird selbstverständlich gebetet. Die christlichen Kinder falten die Hände; muslimische breiten die Arme aus, wie sie es von zu Hause aus kennen. Der Elternkreis der Moscheegemeinde hat dankbar das Angebot angenommen, Vorlesestunden für türkische Kinder einzurichten. Zu den Großmüttern und Großvätern, die sich dafür zur Verfügung gestellt haben, gehört Steffi noch nicht. Sie hat gerade erst geheiratet. Und weil Steffi bei ihren kleinen Zuhörern sehr beliebt ist, kamen etwa zehn türkische Kinder mit ihren Müttern zur kirchlichen Trauung.

Die meisten waren zum ersten Mal in einer Kirche und fanden es „aufregend“. Im christlich-islamischen Frauengesprächskreis macht sich die Frauenbeauftragte der Moschee, Gönül Dogruyol, damit bekannt, daß ihr Name „die reine Seele“ und „der wahre Weg“ bedeutet. Wo hätte man das sonst erfahren? Tastend und in kleinen Schritten bewegen sich die Konfessionen, die sich lange scharf voneinander abgegrenzt haben, aufeinander zu. „Ich glaube, daß diese kleinen Schritte Wirkung haben“, bekräftigt Kemper, bevor das einer geringschätzen könnte. „Friede kann nur sein, wo Menschen zu ihrem Gott beten.“ Der evangelische Kollege sagt: „Gott kann ganz andere Wege gehen.“

Nur einen Berührungspunkt - „der Aldi“

Kemper und Raunig sind wie die Vertreter der Moscheegemeinde überzeugt, daß die Religionsgemeinschaften eine wesentliche Rolle bei der Integration spielen werden. Das Zentrum für Türkeistudien in Essen hat soeben in einer Untersuchung nachgewiesen, daß in den vergangenen drei Jahren die Religiosität bei den Muslimen erheblich an Bedeutung gewonnen habe. Wenn daraus kein Gegeneinander werden soll, werden Christen und Muslime einander mit mehr Respekt begegnen müssen. „Begegnung bedeutet immer auch Reflexion“, sagt Hermann-Josef Grünhage, der Islam-Beauftragte der katholischen Kirche in Duisburg. Grünhage hilft mit, solche Gelegenheiten zu schaffen.

Die Kirchenleute wissen aber auch, daß sie und die Moscheegemeinde nur den kleineren Teil der Einwohner erreichen. Marxloh gilt als sozialer Brennpunkt. Die immer noch günstigen Mietpreise haben Menschen angezogen, die sich nicht gerade leichttun mit Begegnung, Kommunikation und Austausch. Das gilt für die deutsche wie für die türkische Seite. So existieren viele Parallelgesellschaften in Marxloh, die nur einen Berührungspunkt haben - „den Aldi“.

„Auch Integration braucht Vorbilder“

Eine dieser Welten ist am Kiosk an der Weseler Straße zu besichtigen. Dort steht eine Gruppe von Leuten, denen sich das Auf und Ab ihres Lebens ins Gesicht eingegraben hat. Sie setzen ihre Rente oder die Sozialhilfe in Bier und Schnaps um. Das ist kein schöner Anblick. Auf der anderen Straßenseite geht eine Gruppe von Frauen mit Kopftüchern und in langen Mänteln vorbei. „Wohin sollen sich die integrieren, die das sehen und auch von der Sozialhilfe leben?“ fragt Zülfiye Kaykin, die Leiterin der Begegnungsstätte. Es komme doch auch darauf an, wer wem begegne. „Auch Integration braucht Vorbilder.“

Untersuchungen zeigen, daß die Bereitschaft zur Integration mit dem Bildungsstand und der sozialen und gesellschaftlichen Stellung zusammenhängt. In Randgruppen, die sich am ehesten von Einwanderern bedroht fühlten, sei sie naturgemäß am geringsten entwickelt. Voraussetzung sei auf beiden Seiten ein ausgeprägtes Selbstbewußtsein. Wohl auch deshalb wirken die Menschen, die in der Moschee aktiv sind, weniger fremd als viele auf den umliegenden Straßen.

„Das Wunder von Marxloh“ als CD

Über das Moscheeprojekt informiert eine CD mit dem Titel „Das Wunder von Marxloh“. Das geht auf den früheren Bauminister Vesper (Grüne) zurück, der bei der Grundsteinlegung vor einem Jahr in Politikermanier das „Wunder von Bern“ als Vorlage genommen und den Ball auf die andere Straßenseite gespielt hat. Da hat er den Mund wohl etwas voll genommen. Aber ein wenig verwundert darüber, wie das in Marxloh läuft, sind alle Beteiligten. Sie sind auch ein bißchen stolz darauf und empfehlen die gleiche Offenheit auch anderen Gemeinden und Städten. Es klingt wie Ermutigung und Trost zugleich, wenn gesagt wird: „Wir sind in Marxloh, nur etwas früher dran mit den Veränderungen, die die demographische Entwicklung bringt.“.

Quelle: F.A.Z., 15.04.2006, Nr. 89 / Seite 3
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Jahrgang 1950, politischer Korrespondent in Sachsen.

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