22.06.2008 · In der südtürkischen Stadt Tarsus haben die Feiern zum Paulus-Jahr begonnen. Die Türkei will christliche Pilgerreisen in ihrem Land erleichtern. St. Paul im Geburtsort des christlichen Apostels Paulus darf darum für ein Jahr wieder als Kirche genutzt werden.
Von Rainer Hermann, TarsusEin ökumenisches Gebet in der Kirche des Apostels Paulus leitete die Feierlichkeiten in Tarsus ein. Dann machte der deutsche Kurienkardinal Walter Kasper als erster mit einer Messe von der neuen Regelung Gebrauch. Denn das Kulturministerium in Ankara hatte bekanntgegeben, dass in Tarsus, der Geburtstadt des Paulus, die nach dem Völkerapostel benannte Kirche wieder etwas mehr Kirche sein darf und etwas weniger Museum sein muss. Für die Dauer des internationalen Paulusjahrs, also bis zum 29. Juni 2009, dürfen Pilger in der Kirche wieder ohne Einschränkungen Gottesdienste feiern.
Sakrale Gegenstände haben, zumindest für die Dauer dieses Jahres, ihren Platz in der Kirche. An der Außenwand des einfachen Kirchenbaus verkündet aber weiterhin ein Spruchband trotzig, wie wichtig Museen für die Gegenwart und Zukunft der Türkei seien, und natürlich führt das staatliche Museumsverzeichnis die Kirche weiter als Museum. Die braunen Hinweisschilder in den Straßen der Stadt, in der vor 2000 Jahren Paulus geboren wurde, künden aber von der „Kirche des St. Paulus“, und wer die Einwohner nach dem „Museum“ fragt, erntet bloß ein Achselzucken.
Eintrittsgeld zum Kirchenbesuch
Auch der Volksmund kennt die Kirche nur als das, was sie bis zur Gründung der Republik war: eine Kirche. Dann verließen die Christen die Stadt, der Staat beschlagnahmte die Kirche im Jahr 1943 und nutzte sie als Militärlager. Sie verfiel zur Ruine, bis sie vor acht Jahren als Museum wieder hergerichtet wurde. Wer sie betreten wollte, hatte Eintritt zu zahlen. Nur nach Absprache mit der Museumsleitung waren Gottesdienste möglich.
Vor einem Jahr stellte Luigi Padovese, der apostolische Vikar des Vatikans für Anatolien im nahen Iskenderun, bei der Regierung in Ankara dann den Antrag, das Paulusjahr zu nutzen, um in der Kirche Gottesdienste zu erleichtern. „Wer hierher kommt, sollte uns als Pilger besuchen und nicht als Tourist“, sagt der Vorsitzende der türkischen Bischofskonferenz. In Deutschland setzten sich Kardinal Meisner und Erzbischof Zollitsch für die Umwandlung des Museums in eine Kirche ein, auch einzelne Politiker. So weit vor wagte sich Kulturminister Günay nicht. „Nun kann aber jede Gruppe das Gebäude frei betreten und einen Gottesdienst halten“, sagt Abdulbari Yildiz, der Direktor der Museen in Tarsus. Dem Staat entgehen dadurch Eintrittsgelder. Im vergangenen Jahr hatten 50.000 Pilger Eintritt in die Kirche bezahlt und dem türkischen Staat Einnahmen von umgerechnet 50.000 Euro beschert.
Drei Nonnen sind geblieben
„Aus Ankara reiste vor einer Woche Günay selbst an, um mit den örtlichen Behörden die Verwirklichung der Regelung zu besprechen“, sagt Roberto Ferrari, ein italienischer Kapuzinermönch in der Provinzhauptstadt Mersin, eine halbe Fahrtstunde vom Geburtsort des Paulus entfernt. Von dort aus betreut er auch Tarsus, wo es seit fast einem Jahrhundert keine christliche Gemeinde mehr gibt. Drei Nonnen leben noch in der Umgebung der Kirche des Paulus. Im späten Osmanischen Reich war sie eine der fünf Kirchen der Stadt, und vor 150 Jahren hatten amerikanische Missionare ein englischsprachiges Gymnasium gegründet, das heute noch besteht.
Die dem Apostel Paulus gewidmete Kirche war mit ihrem großen Hof über Jahrhunderte das Zentrum der orthodoxen Christen der Stadt. Im Innern dient ein niedriger Gartentisch vor der Ikonostase, an der längst keine Ikonen mehr hängen, als Altar. Unter den Deckenfresken von Jesus und Johannes, Matthäus und Markus stehen für die „Museumsbesucher“, die Gottesdienst feiern wollen, grün bezogene schmiedeeiserne Stühle bereit.
„Dieses Jahr ist für uns erst der Beginn“, verspricht Burhanettin Kocamaz, der Bürgermeister von Tarsus. Wie er 1996 die Hadsch nach Mekka machte, so will er auch, dass Christen innerhalb der Türkei Pilgerfahrten unternehmen und ihre Gottesdienste ungestört feiern können. Dank Paulus, den er als seinen „Mitbürger“ anredet, sei ja auch Tarsus eine Pilgerstadt.
Keine Antwort aus Istanbul
Der Archäologe Yildiz ist für die Kirche zuständig, auch für das archäologische Museum mit den reichen römischen Funden und das Freiluftmuseum um den „Brunnen des Paulus“. Dort hatte einst das Viertel der reichen Juden gestanden, in dem Paulus aufgewachsen war. Yildiz ist auch für die Ausgrabungen am Rande der Stadt zuständig, wo seine Kollegen am „Gözlükule“ Neolithisches ans Tageslicht fördern. „Wir tragen Verantwortung für diese Geschichte, für die Völker, die hier lebten, und Respekt wollen wir für ihren Glauben zeigen“, sagt der Bürgermeister. Auch das Grab des Propheten Daniel, das die lokale Bevölkerung unter der Moschee Makam-i Scharif verehrt, schließt er ein.
Kocamaz, Mitglied in der „Partei der nationalistischen Bewegung“ (MHP), schlägt seit Jahren vor, die Verantwortung für das Gebäude, das auch er „die Kirche“ nennt, der Stadtverwaltung zu übertragen. Ohne Eintritt zu verlangen, wolle er es 24 Stunden am Tag offenhalten. Aus Ankara traf nie eine Antwort ein. Die jetzige Regelung komme seiner Intention nahe, die Kirche ohne Beschränkungen für Gottesdienste offenzuhalten.
Gemeinden im Untergrund
Vor der Idee, aus dem Kirchenmuseum auch institutionell eine Kirche zu machen, schreckt indes auch er zurück. Sein Finger zeigt auf die Missionare, die er nicht mag. „Sie kommen nicht mit guten Absichten“, sagt er. Sie ließen sich erst als Tourismusunternehmen registrieren, dann kauften sie Häuser auf und begännen, darunter als Hobbyarchäologen illegal zu graben. Sie suchten sich Schwachstellen der Gesellschaft aus, um dort zu missionieren. Missionare aus den Vereinigten Staaten und Neuseeland unterhielten heute drei Untergrundkirchen in der Stadt. Verständnislos seufzend hebt er die Hände: „In der Welt hätten wir doch Ruhe, würden die Menschen nicht die Gärten anderer betreten.“
In der jetzigen Regelung sieht Kocamaz eine Chance, die christlichen Gemeinden aus dem Untergrund zu holen. Trotzdem lehnt er eine institutionalisierte Kirche ab. „In Tarsus gibt es ja keine einheimischen Christen, und den Pilgern von auswärts kommt die neue Regelung entgegen.“ Dem stimmt der Museumsdirektor Yildiz zu. Eine einheimische Nachfrage sei nicht vorhanden, und Druck von außen könne nur falsch als Unterstützung für die Missionare ausgelegt werden.
Erleichterungen für Pilger
Für die Pilger aber verbessert sich die Lage. Die meisten von ihnen reisen aus Italien an. „Jede Woche landen allein drei Charterflüge der Tourismusorganisation Eteria der italienischen Kapuziner mit Pilgern, die in jener Region, in der das Christentum zu seiner Ausbreitung ansetzte, beten wollen, neben Tarsus vor allem in Antakya, dem historischen Antiochien und in Kappadokien“, sagt Padre Roberto. Von seinen 82 Jahren hat er 58 in der Türkei verbracht, in Samsun und in Izmir, auch in Antiochien, wo er sich vergeblich für die Umwandlung des Museums der Petrusgrotte in eine Kirche eingesetzt hatte, nun in Mersin. Dort leben noch 4500 Christen, überwiegend orthodoxen und armenischen Glaubens, auch mehrere hundert römische Katholiken.
Lina Nassif ist eine von ihnen. Einer ihrer Vorfahren war als Beamter des osmanischen Sultans aus Beirut nach Mersin gekommen. Vor einem Jahrzehnt hatte die energische Frau erreicht, dass am ersten Tag des Opferfests der Mufti der Stadt, Padre Roberto und ein orthodoxer Geistlicher gemeinsam auf dem Friedhof der Stadt aller Toten gedenken. Dieser Friedhof ist der einzige der Türkei, auf dem Muslime, Christen und Juden nebeneinander begraben sind.
Vatikan nur als Staat anerkannt
Trotz dieses Zeichens der historischen Toleranz klagt auch Padre Roberto über fehlende Freiheit. Der Sultan hatte mit einem hoheitlichen „Ferman“ die Liegenschaften der „St.-Georgs-Gemeinde“ im Zentrum von Mersin legalisiert. Die Republik Türkei erkennt diesen Rechtstitel aber nicht an. Der Staat schloss zuletzt die Schule auf dem Gelände der Gemeinde und vor neun Jahren auch das Internat für christliche Schüler aus der Region. Sie habe kein Recht auf „gesellschaftliche Tätigkeiten“, hieß es in der Begründung. Zwar hatte die Gemeinde den jüngsten Rechtsstreit um ihre Immobilien gewonnen. Der Kassationshof in Ankara hob das Urteil aber auf. Erschwert werden die Prozesse dadurch, dass die Republik Türkei den Vatikan zwar als Staat anerkennt, nicht aber als Kirche. Für Lina Nassif waren der Samstag und Sonntag trotzdem wie Feiertage, denn noch ihr Großvater hier getauft worden, in der Kirche des Paulus.
Rainer Hermann Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.
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