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Charlotte Knobloch: In Deutschland angekommen. Koffer in der Abstellkammer

 ·  Die beeindruckenden Erinnerungen von Charlotte Knobloch spiegeln zugleich auch die Entwicklungen und Anfechtungen des jüdischen Lebens in Deutschland nach dem Holocaust wider.

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“In Deutschland angekommen“, so lautet der programmatische Titel der Erinnerungen von Charlotte Knobloch, der langjährigen Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München. Paul Spiegel, ihr unmittelbarer Vorgänger im Vorsitz des Zentralrates der Juden in Deutschland, hatte seine Memoiren 2003 noch betitelt mit „Wieder zu Hause?“ Und Ignaz Bubis war am Ende seiner äußerst verdienstvollen Amtszeit so resigniert, dass er in Israel beerdigt werden wollte.

Charlotte Knobloch, 1932 in München geboren, wuchs in einem gutbürgerlichen, assimilierten Elternhaus auf. Den jüdisch-orthodoxen Glauben mit all seinen Gebräuchen hielt vor allem die geliebte Großmutter aufrecht, während ihr Vater Fritz Neuland, ein angesehener Rechtsanwalt, mehr den Schein wahrte und gegen den Widerstand der Eltern eine Nichtjüdin heiratete. 1937 ließ sich die (namentlich nie genannte) Mutter scheiden, weil sie den antisemitischen Anfeindungen nicht mehr standhielt, und verließ die Familie ohne ein Wort des Abschiedes. „Noch heute begreife ich das Verhalten meiner Mutter nicht.“ Nach diesem traumatischen Verrat übernahm die Großmutter die Mutterrolle und erzog ihr Enkelkind fest im jüdischen Glauben, zu dem der Vater erst später wieder zurückfinden sollte.

Sehr anschaulich erzählt Frau Knobloch die bedrückende Atmosphäre der zunehmenden Diskriminierung - „Judenkinder dürfen hier nicht spielen“ -, während ihr Vater noch an eine Zukunft glaubte und eine Auswanderung als überstürzt ablehnte. Diese Hoffnung, die so viele Juden hegten, zerbrach endgültig mit dem Novemberpogrom 1938. Da die Großmutter kein Visum für die Vereinigten Staaten bekam, blieb die kleine Familie ausgeplündert und verarmt in München. Als im Juli 1942 die Deportation drohte, brachte der Vater die Tochter bei einem ehemaligen Dienstmädchen seines Bruders in Franken unter. Als angeblicher Bankert der herzensguten Kreszentia Hummel, die alle soziale Ächtung im Dorf tapfer auf sich nahm, überlebte Charlotte den nationalsozialistischen Rassenwahn. Die beeindruckende Zivilcourage dieser einfachen Frau beruhte auf einem persönlichen Handel mit Gott: „Wenn ich dich beschütze, dann wird der Herrgott seine Hand über meine Brüder halten.“ Dass ihre Brüder den Krieg als Frontsoldaten unversehrt überstanden, war ihr Belohnung genug; weitere Ehrungen lehnte Frau Hummel ab.

Zu den wenigen Überlebenden des Holocaust zählte auch Charlottes Vater, während die Großmutter im KZ Theresienstadt umkam. Als junges Mädchen mit traumatischen Erfahrungen wollte sie sofort nach Palästina auswandern, was ihr Vater jedoch nicht erlaubte, denn ihm blieb Deutschland „unverbrüchlich seine Heimat“. Fritz Neuland engagierte sich trotz des energischen Widerstandes jüdischer Organisationen für den dauerhaften Wiederaufbau der jüdischen Gemeinde in München, deren Vorsitz er 1951 übernahm. Im selben Jahr heiratete Charlotte gegen den Widerstand ihres Vaters Samuel Knobloch, einen Überlebenden des Krakauer Gettos, und begann mit einer Lehre zur Damenschneiderin, die eine geplante Auswanderung beruflich vorbereiten sollte. Doch es sollte anders kommen.

Die Kinder wuchsen als Münchner auf, die Eltern engagierten sich zunehmend in der Gemeinde. „Stück für Stück schoben wir die sprichwörtlichen Koffer, die wir gepackt hatten, um München zu verlassen, immer weiter Richtung Abstellkammer.“ Unermüdlich arbeitete Frau Knobloch als Vorsitzende der Münchner Gemeinde an der Verwirklichung ihres Lebenstraums: dem Neubau der jüdischen Synagoge am St. Jakobs-Platz, mitten im Herzen der Stadt. Die Einweihung dieses großartigen Baues mit Museum und Gemeindezentrum erfolgte am 9. November 2006. Man kann den Stolz auf diese Leistung gut nachvollziehen. Denn zweifellos hat Charlotte Knobloch in München viel bewegt und erreicht.

Keinen Einblick gibt das Buch in die heftigen Auseinandersetzungen innerhalb der jüdischen Gemeinden, die sich aus der Integration der „Russen“ ergaben; ebenso werden die Konflikte innerhalb des Zentralrates zwischen der orthodoxen und der aufstrebenden liberalen Richtung ausgeblendet. Hier folgt die Autorin der Maxime, dass die Familie ihre Differenzen intern auszutragen habe. Zu ihrem Verzicht auf eine (an sich angestrebte) zweite Kandidatur heißt es lediglich, die politischen Konstellationen hätten sich verändert. Die gemeinsam mit Rafael Seligmann verfassten Erinnerungen sind ein beeindruckendes Zeugnis, das in einer Lebensgeschichte zugleich die Entwicklung und Anfechtungen des jüdischen Lebens nach dem Holocaust widerspiegelt.

Charlotte Knobloch (mit Rafael Seligmann): In Deutschland angekommen. Erinnerungen. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2012. 334 S., 22,90  €.

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20.01.2013, 16:00 Uhr

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