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Veröffentlicht: 29.12.2013, 20:49 Uhr

Chaos Communication Congress Der Verstand ist ein Computerprogramm

Hacker interessieren sich für Tamagotchis so sehr wie für künstliche Gehirne. Die Frage, ob der menschliche Verstand dem digitalen überhaupt noch überlegen ist, beantworten sie auf eigentümliche Weise.

von Stefan Schulz, Hamburg
© picture-alliance / BSIP/OLIEL „Nein, sie haben keine Seele“ - der Tamagotchi

Natalie Silvanovich hat ein Hobby, und die Freude, die sie an ihm hat, teilten am Sonntagabend etwa 3000 Menschen in Hamburg für eine Stunde mit ihr. Das Publikum des großen Saals des Chaos Communication Congress ließ sich von der Softwareentwicklerin bei Blackberry erklären, was es mit den Tamagotchis heute auf sich hat. Bekannt waren sie allen, doch spielten die meisten wohl in einem Alter mit ihnen, in dem an produktive Zerstörung von Spielgeräten noch nicht zu denken war – sofern diese elektronischen Freunde aus Asien überhaupt je eine Rolle spielten. Wie viel Zeit Silvanovich mit ihnen verbrachte, wollte sie auf Nachfrage auf der Bühne nicht sagen. Sie sprach umso ausführlicher darüber, was sie mit ihnen tat.

Tamagotchis sind digitale Freunde, die früher gepflegt und gefüttert werden mussten und die heute ein Leben in vier Etappen führen. Sie sind Babys, Kinder, Teenager und Erwachsene. Im Laufe ihres Lebens heiraten sie und bekommen Kinder. Lässt sich in dieses Leben eingreifen? Silvanovich fand einen Weg: Sie zerlegte das Spielgerät, identifizierte die einzelnen Komponenten und griff in ihr Zusammenspiel ein. So errang sie zumindest die Kontrolle über das kleine Display, das allen Tamagotchis innewohnt. Mithilfe einer eigens geschaffenen Entwicklerumgebung enthüllte sie die Grundlagen des digitalen Wesens: Es versteht gar keine Sprache, sondern nur Bilder, und hinter Mimik und Gestik, die sich auf dem Bildschirm abspielt, verbergen sich die Artefakte des Weges vom Prototyp zum Massenprodukt.

Künstliche Intelligenz als Auftrag der Aufklärung

Es gibt Schnittstellen der Programmierung, wenn auch das eigentliche Programm fest in der Hardware verbaut ist. Das Gehirn des Tamagotchis lässt sich erweitern, mit Erinnerungen füllen, die es selbst gar nicht hatte. „Ich wollte mein Tamagotchi zum besten und klügsten machen“, sagte Silvanovich.

Was hier lustig klang und lustig war, fand auf dem größten europäischen Hackerkongress statt. Nur wenige Minuten hatte der Berliner Philosoph und Softwareentwickler Joscha Bach vor einem ebenso vollbesetzten Saal nicht nur über die Möglichkeiten gesprochen, künstliche Intelligenz zu schaffen, sondern geradewegs über ihre Notwendigkeit.

Die künstliche Intelligenz sei ein Auftrag der Aufklärung, sagte Bach. Wenn es möglich ist, mit Computern Computer zu emulieren, ohne dass sie mitbekämen, dass sie gar nicht sind, was sie glauben zu sein – warum sollte sich das menschliche Gehirn nicht in diese Verschaltung einbeziehen lassen? Und warum kommt es darauf an, etwas darüber zu glauben, was man ist? Schon von Gottfried Wilhelm Leibniz‘ Denken ließe sich diese Frage ableiten, sagte Bach. Leibniz sprach vor drei Jahrhunderten davon, dass der Verstand allenfalls aus Einzelteilen bestehe, die eben in einem bestimmten, sehr agilen, Verhältnis zueinander stünden. „Der Verstand ist ein Computerprogramm“, lautete Bachs Erkenntnis dieser Reduktionsidee.

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