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Gastbeitrag von Cem Özdemir : Heiko Maas, bitte übernehmen Sie!

  • -Aktualisiert am

Bis Januar 2018 war Cem Özdemir zehn Jahre lang Vorsitzender der Grünen. Bild: dpa

Für einen wertegeleiteten Realismus europäischer Außenpolitik: Warum es gerade jetzt eine deutsche Außenpolitik mit Haltung braucht. Ein Gastbeitrag.

          Jamal Khashoggis intellektuelles Vermächtnis, eine am Freitag wohl posthum erschienene Kolumne in der Washington Post, ist ein ebenso trauriges wie kraftvolles Bekenntnis zu Freiheit und demokratischer Reform in der arabischen Welt. Khashoggi beklagt, dass autoritäre Regimes zunehmend freie Bahn hätten. Die Verletzung von Freiheits- und Menschenrechten erzeugten in der internationalen Gemeinschaft keine Gegenreaktion mehr, meint Khashoggi, nur noch pflichtgemäße Verurteilung, gefolgt von weltweiter Stille. Khashoggi selber könnte nun im eigenen Tode Opfer dieses menschenverachtenden Mechanismus werden.

          Eins ist klar: Deutschland darf nicht Mitglied des neuen Schweige-Kartells werden, darf auch nicht Krokodilstränen vergießen und dann zur Tagesordnung übergehen. Mord bleibt Mord, Folter bleibt Folter. Deutschlands treueste Verbündete sind jene, die die Werte unseres Grundgesetzes teilen; jene, die in ihren Heimatländern die Prinzipien von Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Minderheitenschutz vertreten. Deutschlands treueste Verbündete müssen in Deutschlands Außenpolitik Gewicht haben.

          Außenminister Heiko Maas hat Ende August eine „Allianz der Multilateralisten“ ausgerufen. Weil sich die Vereinigten Staaten unter Präsident Trump zunehmend aus ihrer Rolle als Schutzherr der liberalen Weltordnung zurückzögen, sollten andere – darunter Deutschland –  einspringen, um die Prinzipien der internationalen Zusammenarbeit auf der Basis der Freiheitlichkeit zu schützen. Das ist eine gute Idee. Deutschland müsste schon seit längerem mehr Verantwortung für Erhalt und Reform jener globalen Ordnung übernehmen, der unsere Republik Freiheit, Frieden und Wohlstand verdankt. Einer Ordnung, für deren Durchsetzung einzutreten uns gerade im europäischen Rahmen uns unsere Verfassung anhält.

          Nur leider hat Außenminister Maas seine eigene „Allianz der Multilateralisten“, kaum ausgerufen, schon verlassen. Als der Außenminister seine Idee Deutschlands versammelten Botschaftern im Auswärtigen Amt verkündete, saß neben ihm als Ehrengast Kanadas Außenministerin, zweifellos eine der wichtigsten Verbündeten in so einem Club der Multilateralisten. Und angesichts der Situation in den Vereinigten Staaten wichtiger denn je zuvor. Die Ministerin bat ihren deutschen Kollegen in ihrer Rede ausdrücklich um Hilfe gegen einen Erpressungsversuch Saudi-Arabiens. Denn Kanada hatte gewagt, die Verhaftung eines saudischen Demokratie-Aktivisten zu kritisieren und sah sich danach saudischen Repressalien ausgesetzt. Aber die deutsche Regierung schwieg und mit ihr der Schöpfer der „Allianz der Multilateralisten“.

          Deutschlands Politik muss sich am wertegeleiteten Realismus orientieren

          Jetzt, im Fall Khashoggi, ist es wieder auffällig still im amtlichen Berlin. Ein paar besorgte Äußerungen, sonst nichts. Dabei wäre jetzt gerade der Moment für eine Außenpolitik mit Haltung gekommen. Was jetzt gebraucht wird, ist die Solidarität der Demokratien. Sie wäre das logische Ergebnis der Selbstachtung vor den Werten unserer Verfassung. Derselbe republikanische Stolz, den wir Bundesbürger gegenüber den Feinden unserer Demokratie im Inneren aufbringen, wäre von der Bundesregierung gegenüber Despoten im Ausland zu erwarten. Und zu einer „Allianz der Multilateralisten“ gehören eben auch gemeinsame Prinzipien in der Menschenrechtspolitik. Die Autokraten müssen spüren, dass Mord und Folter, dass Repressionen gegen Andersdenkende in der demokratischen Welt nicht unbeobachtet, nicht unkommentiert und nicht folgenlos bleiben. Heiko Maas, bitte übernehmen Sie! Sprechen Sie! Und lassen Sie ihren Worten auch Taten folgen!

          Es ist ja richtig: die Demokratie befindet sich in einer Rezession. Dass weltweit der demokratische Frieden ausbricht, steht gegenwärtig nicht zu erwarten. Es wird also auch nicht helfen, mit dem erhobenen Zeigefinger um die Welt zu laufen und überall die Demokratie zu predigen. Demokratischer Missionarismus wird Gegenreaktionen hervorrufen. Umgekehrt kann die autokratische Mode unserer Tage nicht dazu führen, dass die Demokratien alles hinnehmen, was andernorts geschieht. Mord bleibt Mord und Folter bleibt Folter. Wer dabei wegschaut, verwandelt Realismus in Zynismus.

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