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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

CDU-Parteitag Action und Abbitte

 ·  Grußworte und Gefolgschaftsversprechen sorgen für einen ungebrochenen Begeisterungswillen der CDU-Politiker in der Dortmunder Westfalenhalle. Das Kalkül der Wahlkampfstrategen scheint voll aufgegangen zu sein.

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Angela Merkel hat jetzt keine Ruhe zum Genuß. Die ganze Westfalenhalle tobt ihr rhythmisch zu, die orangenen Din-A-eins-Plakate werden ihr wie eine Wand entgegengehalten, eben ist sie kurz mit dem Vorsitzenden der kleineren Schwesterpartei Stoiber auf der Bühne gewesen, aber nun soll es endlich losgehen.

Sie schreitet schnell an ihren Platz hinunter, setzt sich zwischen Stoiber und Helmut Kohl und zieht das Haltegummi von dem blauen Pappordner mit ihren Unterlagen. Erst als ihr Generalsekretär Kauder vom Rande her winkt und seine nach oben gekehrte Handfläche hebt, merkt die Kanzlerkandidatin, daß sie erst noch einmal aufstehen muß, sich umwenden und dem Jubel entgegenwinken.

Signalorange bestimmt die Szene

Dann steht Kauder, der Herr dieser Parteitags-Inszenierung, oben am Mikrofon und eröffnet die Veranstaltung, oder eigentlich nur die zweite Hälfte. Die ersten eineinhalb Stunden hatten die 1000 Delegierten und die 8000 nach Dortmund gereisten Parteifans schon eine Bühnenshow, einen Ausschnitt aus dem Musical Queen, ein Laser-Spektakel erlebt, hatten La-Ola-Wellen geprobt, bei „we will rock you“ mitgeklatscht, bei „we are the champions“ mitgesungen.

Das Signalorange, das seit zwei Jahren die Parteifarbe der CDU ist, bestimmte die Szene. Orange alle Schilder und Hinweise, Orange die Kostüme und Blazer vieler weiblicher Delegierter (auch die Jacke der Kandidatin), sowie Schlipse und T-Shirts der zweitausend „Unterstützer“ genannter Aktivisten, die offenkundig teilweise aus den Reihen der jungen Union rekrutiert waren, die aber auch in den letzten Wochen der CDU zuströmten, um jene Party mitzufeiern, deren Höhepunkt für den 18. September erstrebt wird.

Gefühlsschmelz eines Popkonzerts

Volker Kauder lächelt seine Kandidatin, die vor der Bühne in der ersten Reihe sitzt, mit einem stolzen Strahlen an - es spiegelt schon die Freude über die gelungene Parteitagsshow, die doch gerade erst begonnen hat. Kauder sagt seiner Chefin, sie solle gewiß sein, „die CDU ist eine motivierte, kampfesbereite und starke Truppe“. Die Stimmung setzt sich aus dem Gefühlsschmelz eines Popkonzerts, aus der Aufregung einer Profiboxnacht, aus dem Demonstrationswillen eines amerikanischen Nominierungskonvents zusammen, und es staunt das siebzigjährige Ortsvereinsmitglied aus dem Westerwald darüber so sehr wie der Wirtschaftsstudent aus Hamburg.

In der Wandelhalle vor dem Saal ist derweil eine Reporterin des unkrainischen Programms der Deutschen Welle unterwegs, fragt alle zufällig vorbeikommenden CDU-Politikern: Was bringen Sie hier, bei diesem orangenen Fest, in Verbindung mit der Ukraine? Die Farbe sei anderen Ursprungs, sagt ihr der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Pofalla, aber sie stehe doch, wie in der Ukraine, jedenfalls für „Bewegung“.

Donnernde Resonanz auf den Rängen

Alle Mutmaßungen über Meinungsverschiedenheiten zwischen der Kandidatin und dem finanzpolitischen Star ihres Kompetenzteams, Kirchhof; alle Indizienbeweise eines mangelnden Rückhaltes der Kandidatin bei den Ministerpräsidenten - sie sollen vom Eindruck dieses Partei-“Events“ gelöscht werden. Schon die erste Ausrufung des Namens von „Pauul Kiirchhoffff“ im Saal - es war noch während des Vorprogramms - erzeugt donnernde Resonanz auf den Rängen.

Und später, als alle zehn Ministerpräsidenten, welche die CDU gegenwärtig in den Bundesländern stellt, nacheinander zum Grußwort aufgerufen werden, folgt wie zu erwarten, Gefolgschaftsversprechen auf Gefolgschaftsversprechen. Daraus wird sogar ein Wettbewerb. Sowohl ein Wettbewerb der Bundesländer - wo Niedersachsen Erfolge bei der Arbeitslosenzahl hochhält, ist Sachsen stolz auf seinen Rang in der Pisa-Studie - als auch ein Wettbewerb der CDU-Ministerpräsidenten.

„Gemeinsam werden wir es schaffen, gemeinsam“

Der hessische Ministerpräsident Koch hält die kämpferischste Rede, der saarländische Ministerpräsident Müller die lustigste, der sachsen-anhaltinische Ministerpräsident Böhmer die väterlichste, der niedersächsische Ministerpräsident Wulff die freundlichste. So nähren sie, je länger die Grußwortserie läuft, den Eindruck, sie seien alle bloß Teile eines Ganzen, repräsentierten nur einzelne Eigenschaften der CDU und ihrer Spitzenkandidatin.

Und auch der Wertungsbeifall von den Rängen ist meßbar verschieden. Müller erreicht den Spitzenpegel mit einem Witz, in dem die Stichworte Saarland, Lafontaine und Honecker auftauchen. Wulff hat den größten Auftrittssapplaus, der gastgebende Ministerpräsident Rüttgers den offenkundigsten Appell: „Gemeinsam werden wir es schaffen, gemeinsam“. Peter Harry Carstensen hat die beste Schlußwendung mit der Bemerkung „Liebe Angela Merkel, wir stehen wie ein Mann hinter Dir. Und wenn ich das sage, dann hat das Gewicht“.

Stoibers verklausuliertes Abbitte-Signal

Die mutwillige Harmonie im Saal hüllt anschließend auch Edmund Stoiber noch ein, der ja nicht als Ministerpräsident, sondern als Schwesternparteivorsitzender auf der Bühne erscheint. Und Stoiber beginnt seinerseits mit einem verklausulierten Abbitte-Signal für seine Entgleisungen gegenüber den neuen Ländern. Er erzählt von der Hilfe, die bayerischen Flutopfern jetzt aus der Oderregion und dem Elbtal zuteil geworden sei, aus jenen ostdeutschen Regionen, die in früheren Jahren Schauplatz von großen Überschwemmungen waren, und er dankt artig dafür.

Dann erst dreht er seinen Wahlkampfrhetorikmotor auf, erinnert an die von rot-grün erwogene Abschaffung des 3. Oktober und an grüne Forderungen, islamische Feiertage in Deutschland zu begehen, und bringt es auf die Formel, „den Tag der Deutschen Einheit abschaffen, aber Mohammeds Geburtstag feiern, das ist deutsche Selbstverleugnung“. Stoiber hält den Attackierton, an dem sich Merkel hinterher erst gar nicht versucht.

Merkels banale Ausdruckshilfen

Sie wiederholt statt dessen den Versuch, den sie täglich auf Markt- und Stadtplätzen unternimmt: Überzeugung herstellen, und daraus Gefolgschaft ableiten. Sie hält den Versammelten nochmals alle die Zahlen vor, die von den CDU-Anhängern schon auswendig heruntergebetet werden können: 1000 Arbeitsplätze verschwinden am Tag, die Verschuldung steigt, das Wachstum bleibt aus. Sie spricht ihre Lieblingssätze wie jenen, sie wolle daß Politik die Bürger endlich wieder ernstnehmen solle. Aber die Gewöhnung der Zuhörer an die Merkel-Worte wird von ihrem Begeisterungswillen gegenüber der Kandidatin Merkel ohne weiteres übertroffen.

Dabei wiederholt sie auch noch einmal alle Beteuerungsformeln, die schon von ihr ausprobiert und angewandt worden waren. „Wir wollen es grundlegend anders machen, damit es grundlegend besser wird“ - das war als Antwort auf die SPD-Kampagne entwickelt worden, die einst Schröder an die Macht half. Auch die „zweiten Gründerjahre“ kommen vor, eine Formel, die schon einige Zeit lang im Sprachgebrauch der CDU-Vorsitzenden an den Elan der Nachkriegszeit und Erhards Wirtschaftswunder erinnern soll. „Wir brauchen einen neuen Anfang, wir brauchen eine Politik aus einem Guß“, das war der jüngste Anspruch, den die Oppositionsvorsitzende Merkel formuliert hatte. Jetzt, wo „wir in die Schlußkurve einbiegen“, greift sie auch zu allen banalen Ausdruckshilfen: „Es kommt auf jede Stimme an“.

Kalkül erfüllte sich vollkommen

Die Westfalenhalle war von Kauder und seiner Wahlkampfregie als Symbol und als Kontrast für den Präsentationsparteitag der Kanzlerkandidatin ausgesucht worden. Das Symbol zielte auf die bisherige Heimat der Sozialdemokratie, der Kontrast auf den Gegensatz zwischen der sachlichen Erklärungsweise der Hauptperson und der begeisterungsfördernden Architektur des Hallenovals. Das Kalkül der Wahlkampfstrategen erfüllte sich vollkommen.

Das ahnte der Generalsekretär schon, bevor der Parteitag überhaupt begonnen hatte, bevor noch die Ministerpräsidenten, Stoiber und schließlich die Kandidatin auf der leeren Bühne aufgetreten waren, zwischen dem Bild der Reichstagskuppel rechts und dem Parteisignet links neben sich. Kauder hatte als erster dort gesprochen. Auch ihm schienen die vom Beifall der Versammlung erzwungenen Pausen zu lang, und er tröstete, eilig im Programm fortfahren wollend, „liebe Freunde, es wird noch genug Gelegenheit zum Jubel geben“.

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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent in Berlin.

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