11.09.2005 · Auf dem Rathausplatz in Weimar steuert Paul Kirchhof auf eine Würstchenbude zu. Der kleine Stadtrundgang ist für den „Professor aus Heidelberg“, wie ihn der Bundeskanzler spöttisch nennt, die einzige Möglichkeit einer Begegnung mit dem Volk.
Von Majid SattarNur für einen kurzen Augenblick ringt sich Paul Kirchhof zu etwas durch, das er den ganzen Tag noch nicht getan hat. Auf dem Rathausplatz in Weimar steuert seine kleine Wahlkampfgruppe schnellen Schrittes auf eine Würstchenbude zu. Es ist ein langer Tag für den Kandidaten Angela Merkels für das Finanzministerium gewesen - morgens ein Gespräch in Berlin, dann Wahlkampftermine in Halle, Jena und nun in Weimar. Mittags hat es belegte Schnittchen gegeben während eines Gesprächs an der Universität Halle. Pausen sah der Terminkalender nicht vor.
Der großgewachsene, schlanke Herr im dunklen Anzug und weißen Hemd nimmt sich eine Thüringer Wurst und beißt eher vorsichtig als beherzt in sie hinein, während er dem erwartungsvollen Blick des Verkäufers ausgesetzt ist. „Mmhh“, lobt Kirchhof kurz und leise, „und diese Würste kommen hier aus der Region?“ „Nu“, sagt der Verkäufer. Das Gespräch ist beendet.
Als ein Demonstrant erscheint...
Der kleine Stadtrundgang durch die Weimarer Fußgängerzone ist für den „Professor aus Heidelberg“, wie ihn der Bundeskanzler spöttisch nennt, die einzige Möglichkeit einer Begegnung mit dem Volk. Paul Kirchhof läuft zum Nationaltheater, von da aus zum Rathausplatz bis zu einem Luxushotel, wo er den Tag mit einer steuerpolitischen Rede vor der Mittelstandsvereinigung der Union beschließen wird. Keine einzige Hand schüttelt er auf dieser Wegstrecke, kein Gespräch mit einer älteren Dame, kein Händewinken. Selbst der Besuch eines CDU-Standes im Schatten des Denkmals Goethes und Schillers dauert nur wenige Minuten. Als ein mit Pappschildern bestückter Demonstrant erscheint, entschließt sich Kirchhof zum Weitermarsch.
Straßenwahlkampf ist nicht die Sache des 62 Jahre alten Sohnes eines Bundesrichters, der selbst Rechtsprofessor und Verfassungsrichter wurde. Doch muß er dies nun auf sich nehmen, seitdem er Mitte August von der Kanzlerkandidatin ins Wahlkampfteam berufen wurde. Seither redet die politische Klasse des Landes über nichts anderes mehr als über das „Kirchhof-Modell“ und die „flat tax“. Für zwei Wochen war er der Coup der CDU-Vorsitzenden, der ihre Versprecher, die Ostdeutschen-Schelte des CSU-Vorsitzenden und die Mehrwertsteuerdebatte vergessen machte. Nun ist er indes derjenige, an dem sich die SPD und der Kanzler erfolgreich abarbeiten.
Kirchhof hält SPD „bewußte Fehlinfiormation“ vor
„Kahlschlag-Kirchhof“ schimpfen sie ihn ob seiner angeblichen Subventionsstreichliste, und man weiß nicht, ob es Ausdruck von Großmütigkeit oder Hilflosigkeit des Schattenministers ist, wenn er der SPD „bewußte Fehlinformation“ vorhält. In der Union spricht man von „Lüge“. Kirchhof nennt das wiederum eine „robuste Sprache“, die nicht die seine sei.
Wer ist Paul Kirchhof, dieser angebliche „Quereinsteiger“ in die Politik? Wer zwölf Jahre lang in Karlsruhe ganz wesentlich an der „Gesetzesreparatur“ mitgewirkt hat, der ist kein Einsteiger, sondern einer, der die Rollen tauscht. Das kann Probleme mit sich bringen. Kirchhof scheut nicht die Öffentlichkeit, sein Begriff von Öffentlichkeit ist ein anderer. Wenn er in seinem bisherigen Leben als öffentliche Person in Erscheinung trat, dann trug er eine Robe. Und man wird ihm kein Unrecht tun, wenn man annimmt, daß er in Heidelberg, der akademischen Heimat des gebürtigen Osnabrückers, wohl zu denjenigen Ordinarien gehört, die nichts dagegen hätten, noch im Talar vor die Studentenschaft zu treten.
Er ist ein Mann alter Schule - stets freundlich, stets verbindlich und stets diszipliniert. In Halle läßt er sich nach einem Vortrag im Biozentrum den naturwissenschaftlichen Campus zeigen. Bei 30 Grad in der Sonne erträgt er mit geradezu preußischer Tapferkeit bei der ausgiebigen Tour die Enge in einem VW-Bus älteren Baujahrs ohne Klimaanlage, hört den Ausführungen seines Professorkollegen Wolfgang Lukas, des Geschäftsführers des Biozentrums, aufmerksam zu, der von den Aufbaujahren nach dem Abzug der sowjetischen Armee und der Umwandlung der Kaserne in einen Forschungsstandort berichtet. Kirchhof zieht immer wieder Vergleiche zu den Verhältnissen am Neckar. „Ihr großer Vorteil ist der enorme Platz, sie können wachsen“, sagt er.
Ein Bewunderer von Konrad Lorenz
Bei dem folgenden Gespräch mit Mitarbeitern des Biozentrums und Christoph Bergner, dem früheren Ministerpräsidenten Sachsen-Anhalts, wird deutlich, daß dieser Wahlkampf ohne Volk einen anderen Zweck durchaus erfüllt. Bergner, der heute im Bundestag sitzt, und Kirchhof stellen in dem Gespräch fest, daß beide Konrad Lorenz bewunderten. Der eine - Bergner - erzählt, daß er seine spätere Frau bei einem Vortrag des Verhaltensforschers kennengelernt habe, und der andere berichtet, daß er diesen mit seiner Frau einmal im Urlaub in Österreich besucht habe. Über das Gespräch lernen sich Bergner und Kirchhof kennen.
Überhaupt trifft Kirchhof bei seinen Aufenthalten lokale und überregionale Parteigrößen, die ihm bislang fremd waren. Auch in der Union will man wissen, wer dieser Mann ist, den die Parteivorsitzende da aus dem Hut gezaubert hat und der sagt, erst dann in die CDU eintreten zu wollen, wenn sein Steuermodell im Gesetzblatt stehe. So distanziert sich der Politiker Kirchhof gibt, so leidenschaftlich redet er als Steuerfachmann. Zu einem Unternehmergespräch in Jena haben sich etwa zwanzig Selbständige versammelt, Junge wie Alte, Männer wie Frauen. Kirchhof redet zum zweiten Mal an diesem Tag und zum x-tenmal in dieser Woche über Steuer- und Haushaltspolitik.
Ganz und gar nicht professoral
Und doch fehlt seiner Sprache jeder leiernde Tonfall, seine Worte sind klar und einfach, ganz und gar nicht professoral. Allenfalls betont er in pädagogischer Absicht. Seine Augen funkeln, wenn er sagt, das Land brauche nicht 36 verschiedene Steuerarten: „Ich komme mit vieren aus.“ Er kokettiert mit seiner Eitelkeit, wenn er auf seine Publikationen verweist und überrascht die von der schablonenhaften Politikersprache Ermüdeten mit Worten wie: „Kinder meinen es gut mit dem Staat, sie sind zwanzig Jahre lang Konsumenten, erst dann wollen sie einen Arbeitsplatz.“ Sätze wie dieser, der im übrigen seine beiden politischen Topoi, Finanz- und Familienpolitik, vereint, haben schon Anfang Mai die Delegierten des FDP-Parteitages in Köln euphorisiert.
Noch etwas ist anders an ihm. Er berichtet freimütiger als seine Mitarbeiter, daß er am Morgen noch einmal Angela Merkel in Berlin getroffen habe, daß besprochen worden sei, wie auf die jüngste Kampagne der SPD gegen ihn zu reagieren sei. Wenn er dann in der Runde in Jena eingesteht, es sei ein Fehler gewesen, immer über sein Steuermodell zu reden, von dem er jetzt distanzierend als einem „wissenschaftlichen Modell“ spricht, und daß er fortan nur noch über das Wahlprogramm der Union sprechen wolle, daß er künftig auch keine Bücher mehr in die Fernsehkameras halten werde, dann ahnt man, um was es in dem Gespräch mit der Parteivorsitzenden ansonsten noch ging.
„Mein Platz ist in einer schwarz-gelben Regierung“
Ganz nebenbei sagt Kirchhof in dem Unternehmergespräch in Jena noch, er stehe einer großen Koalition nicht zur Verfügung. „Mein Platz ist in einer schwarz-gelben Regierung.“ Nur da könne er seine Vorstellungen von Steuergerechtigkeit verwirklichen. So könnte es auch sein, daß er sich vom 19. September an wieder auf seine Vorlesungen in Heidelberg vorbereiten muß. Auf dem alten VW-Bus in Halle steht in großen Lettern das Motto des Biozentrums: „Mit Partnern erreichen Sie Ihre Ziele.“