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Freitag, 10. Februar 2012
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Castor-Transport nach Gorleben Widerstand im Wendland

09.11.2008 ·  Der Bahn-Transport mit den elf Castor-Behältern des Atommülls aus La Hague ist nach stundenlangen Blockaden inzwischen wieder auf dem Weg nach Gorleben. Dort im Wendland beginnt nun der eigentliche Kampf um Straße und Schiene. Tausenden Demonstranten vor dem Zwischenlager stehen bis zu 16.000 Polizisten gegenüber.

Von Peter Carstens, Gorleben
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Mittags kommen die Traktoren. Alte Magirus Deutz tuckern über die Bundestrasse 261 von Dannenberg nach Gorleben aber auch brandneue Landmaschinen amerikanischer Hersteller geschmückt mit den bunten Fahnen des Widerstandes im Wendland. Etliche Trecker fahren aufgespießte Vogelscheuchen als Kühlerfiguren.

In diesem Jahr hat die „Bäuerliche Nothilfe“ mehr als zweihundert Fahrzeuge auf die Straße gebracht. Der Castor-Transport soll hier nicht hin. So geht das schon seit bald dreißig Jahren: Tausende Demonstranten, die beinahe alljährlich hier und anderswo gegen die Atompolitik des Staates protestieren und die Bahnstrecke nach Dannenberg und dann den Weg zum atomare Zwischenlager blockieren.

Elf Container mit strahlender Fracht

Auf der anderen Seite bis zu sechzehntausend Polizisten von Bund und Ländern, die das verhindern müssen. Elf Container mit strahlender Fracht aus deutschen Kernkraftwerken sind diesmal unterwegs von der französischen Wiederaufbereitungsanlage in La Hague (Schreibweise) in ihre deutsche Notunterkunft, einen riesigen, beige angestrichenen Hallenkomplex mitten in der niedersächsischen Heidelandschaft.

Diesmal werden für den Transport keine Castor-Behälter genutzt, sondern dickere, französische Container vom Typ TN 85, denn die Ladung strahlt in diesem Jahr noch intensiver als sonst. Das schwer gesicherte Zwischenlager-Gelände bei Gorleben ist das Ziel des Transports. Hier werden die bis zu 130 Container für mindestens zwanzig Jahre aufbewahrt. So lange brauchen sie nämlich um auf eine Temperatur abzukühlen, die ein dauerhafte Lagerung in einem Salzstock ermöglichen würde.

Neuer Protest statt Resignation

Ein solches „Endlager“ gibt es allerdings in Deutschland immer noch nicht und es ist fraglich, ob sich das in absehbarer Zeit ändern wird. Gorleben ist deshalb einer der Orte, an dem Atomkraftgegner seit Jahrzehnten ihren Protest zum Ausdruck bringen. In den letzen Jahren war der Widerstand abgeflaut, Resignation hatte sich bei den Bauern und ihren großstädtischen Verbündeten breit gemacht. In diesem Jahr erlebt der Protest eine Renaissance. Mehr als doppelt so viele Demonstranten wie im vorletzten Jahr sind unterwegs ins Wendland, etwa vierzehntausend schätzt die Polizei.

Sie ziehen als karnevalesker Umzug am Zwischenlager vorbei, dessen stählerne Doppeltore seit dem frühen Morgen von zwei Hamburger Hundertschaften der Bereitschaftspolizei bewacht werden. Regenbogenfahnen, Transparent, die in einem Satz die ganze Welt der Kernkraftgegner erklären wie:„Die Erde ist eine Scheibe, Atomkraft ist sicher“, grell geschminkte Gesichter, Anti-Atomanstecker aus den frühen achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts werden am Tor vorbei getragen.

Mit dem Widerstand ergraut

Viele Demonstranten waren damals schon dabei. Sie sind mit dem Widerstand ergraut und versuchen nun mütterlichen und väterlichen Tones die jungen Polizisten zu überzeugen. Die wissen aber eh' Bescheid, weil die fachlichen Erläuterungen zu den Containern und dem Transport in ihren Einsatzunterlagen mit dem ziemlich identisch sind, was die Alten ihnen über die Risiken berichten. Außerdem sind die meisten schon deshalb skeptisch gegen diese Form der Atompolitik, weil sie den alljährlichen Aufmarsch unzähliger Hundertschaften („Bundespolizeifestspiel“) im Wendland Kräfte raubend, teuer und überflüssig finden.

Allein im so genannten „Erkundungsbergwerk“ (man testet die Lagerfähigkeit des Bodens darunter) gegenüber dem Zwischenlager sind an die tausenden Beamte aus Hamburg, Sachsen-Anhalt, Bayern und Berlin in Baucontainern untergebracht, andere in alten Kasernen in der weiteren Umgebung. Man schläft drei, vier Stunden pro Nacht, geduscht wird ausnahmsweise, je länger der Einsatz dauert, desto gereizter wird die Stimmung unter den übermüdeten Polizisten. Am Ende steckten tausende Polizisten auf dem Heimweg in einem großen Polizeiautostau. Aber so weit ist es noch lange nicht.

Am Samstagnachmittag wird bekannt, dass der Transport kurz hinter der deutsch-französischen Grenze feststeckt. Atomkraftgegner haben sich dort derart an die Gleise gekettet und betoniert, dass es Stunden dauern wird, ehe der Zug weiterrollen kann. Das sorgt für einen Motivationsschub bei den Demonstranten vor dem Zwischenlager. Aus mitgebrachten Lautsprechern dröhnen Apo-Hits der siebziger Jahre, Trommler sorgen für Stimmung, indem sie auf leeren, gelb angemalten Ölfässern knüppeln. Ein Traktor wurde als Geisterschiff verkleidet, mit Totenköpfen, weißem Gazé-Stoff behängt, in den Wanten hängen leidende Gespenster, junge Frauen im normalen Leben. Ein grau-weiß geschminkter Kapitän sitzt melancholisch an der Pinne.

Ströbele - ein Geisterschiff des linken Widerstandes

Sein Fahrrad schiebend kommt auch der Bundestagsabgeordnete Ströbele vorbei. Er ist, auf seine Art, auch ein Geisterschiff des linken Widerstandes. Glanzvoller Höhepunkt dieses Nachmittags ist allerdings die Ankunft der Grünen-Vorsitzenden Petra Roth vor dem Tor des Zwischenlagers, die einer Entourage von Bundestagsabgeordneten und Mitarbeitern um sich schart und nun in der untergehenden Sonne Fernsehinterviews gibt.

Da hat sich die Demonstration schon beinahe aufgelöst. Zur Überraschung der Einsatzleitung der Polizei und vielleicht auch Frau Roths setzten sich aber plötzlich ein paar Hundert Kernkraftgegner vor dem Eingangstor des Zwischenlagers einfach hin. Trecker blockieren die Strecke. Frau Roth könnte jetzt noch schnell weg gehen, aber dann ist es zu spät, sie muss sich auch auf den feuchtkalten Asphalt hocken. „Wir sind gekommen um zu bleiben“ ruft der Aktionsvorsitzende in sein Megaphon. Und dann verspricht er allen, die sich an der friedlichen Sitzblockade beteiligen wollen eine Decke und bald eine garantiert veganische Mahlzeit. Da setzen sich noch ein paar dazu.

Die Polizei bleibt tatenlos, denn der Transport verharrt schließlich noch mindestens zwanzig Stunden entfernt. Sollen Frau Roth und ihre fünfhundert Freunde doch ein paar Stunden frieren. Dieses friedfertige Polizeikalkül geht auch auf. Als um drei Uhr Nachts die Hamburger Bereitschaftspolizisten nach kurzer Ruhepause wieder zum Frühdienst aus ihrer Container-Siedlung ausrücken, sind vierhundertdreißig Atomkraftgegner doch lieber in die eigenen Betten abgewandert. Um vier Uhr in der Früh meldet der Rundfunk, dass der Transport wieder rollt, am späten Nachmittag soll er in Lüneburg eintreffen. Dann beginnt im Wendland der eigentlich Kampf um Straße und Schiene.

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