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Camps der G-8-Gegner „Gegen Krieg, aber nicht für jeden Frieden“

05.06.2007 ·  Es herrscht Hippieatmosphäre in den Protestler-Camps um Heiligendamm. Doch seit den Krawallen von Rostock ist die Stimmung auch angespannt. Gewalt sei nicht gewollt, doch dass es wieder Randale geben wird, halten viele für sicher. Der Schuldige ist schon ausgemacht: Die Polizei.

Von Philip Eppelsheim, Bad Doberan
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Ein Pappschild weist den Weg über einem holperigen Pfad. Zwei Kilometer über Sand und Geröll, vorbei an Polizeiwagen. Auf einem Hang mit Blick auf die Ostsee am Rand des kleinen Örtchens Wichmannsdorf haben G-8-Gegner ihre Zelte aufgeschlagen. Ab und an kommt einer der Anwohner vorbei, neugierig, was im Lager geschehen mag. Polizisten beobachten die Szenerie durch ihre Ferngläser. 500 Demonstranten haben nach Angaben der Camping AG Wendland/Altmark auf den Wiesen ihr Lager aufgeschlagen, bereiten sich seit Tagen auf den an diesem Mittwoch beginnenden Gipfel vor, trainieren Sitzblockaden, üben, wie sie sich im Ernstfall zu verhalten haben.

Die Organisatoren des Camps sind erfahrene Castor-Gegner aus dem Wendland. Mit ihren Bauwagen aus den siebziger Jahren sind sie am vergangenen Dienstag angereist, haben Notstromaggregate angeworfen, einen Castor-erprobten Wasserwagen und einen Lautsprecherwagen aufgestellt. Es ist ein Protestidyll. Die Wendländer haben Erfahrung mit Demonstrationen, sind auf alles vorbereitet. Ihr Ziel: Der Zaun. Das Symbol des Protests.

Die Gewalt wird kommen

Mit Kundgebungen in einigen Kilometern Entfernung wollen sie sich nicht zufrieden geben. Die G-8-Regierungschefs sollen sie bemerken. Koste es, was es wolle. Zumindest zivilen Ungehorsam. Doch auch mit mehr wird gerechnet. Die Gewalt wird kommen, sind sich viele sicher. Und versuchen, sie zu rechtfertigen.

Camps der G-8-Gegner: „Gegen Krieg, aber nicht für jeden Frieden“

Im Lager mit kleinem Zirkuszelt und Piratenflaggen herrscht Hippieatmosphäre. Beinahe klischeehaftes Flower-Power-Feeling, G-8 statt Vietnam, Klein-Woodstock in Mecklenburg-Vorpommern. Die Protestler spielen Gitarre, reparieren Fahrräder, sitzen am Lagerfeuer, trinken das ein oder andere Bier. Im Zentrum des Camps die Feldküche, die „Volxküche“ im Protestlermund genannt. Am Eingang haben sie, die bunten Clowns von der „Rebel Clown Army“ und die anderen von Antifa, Attac und Co., Transparente aufgehängt. „Gegen Krieg, aber nicht für jeden Frieden“ steht auf einem, „Bildet Widerstand“ auf einem anderen.

„Der Schwarze Block ist eine Legende“

Was das bedeuten könnte, haben die Ausschreitungen am vergangenen Samstag in Rostock gezeigt. Keine lustigen Clowns mehr, die mit Improvisationstheater protestieren. Keine Musik, keine Hippieatmosphäre. Stattdessen Reizgas und Pflastersteine. Rund tausend Verletzte. Straßenschlachten, wie es sie in diesem Ausmaß in den vergangenen Jahren in Deutschland nicht gegeben hat. Vom schwarzen Block wird gesprochen, von gewaltbereiten Autonomen. 6000 sollen es in Deutschland sein.

Auch im Camp Wichmannsdorf ist die Farbe schwarz zwischen bunten Clowns, Punks und älteren Castor-Gegnern in Flieshemd keine Seltenheit. „Schwarz ist Mode“, sagen die Protestler. Nicht jeder, der schwarze Kleidung trage, sei auch gewaltbereit. Und auch vom schwarzen Block will man hier nichts wissen. Das sei eine Legende, heißt es. Es gebe keine feste gewaltbereite Gruppe. Keinen Block, der es auf Gewalt anlege. Wer waren dann die Randalierer in Rostock?

Neunter Mai mobilisierte Protestler

Rodriguez ist von St. Pauli nach Wichmannsdorf gekommen. Nach den Razzien am neunten Mai hatte er beschlossen, sich an den Protesten zu beteiligen. Für viele sei dies der letzte Anstoß gewesen, sagt er. Schwarzer Kapuzenpullover, eine Sonnebrille, die kaum etwas vom Gesicht preisgibt. Auf Demonstrationen vermummt er sich, um sich „gegen die Schikanen der Polizei“ zu schützen. Eigentlich heißt Rodriguez nicht Rodriguez. Das ist nur sein „Nickname“. Hier will kaum einer seinen Namen preisgeben. Der einzelne verschwindet in der Masse der Protestler, in dieser unhomogenen Gruppe aus unterschiedlichsten Organisationen, aus der friedlich demonstrierenden Mehrheit und der gewaltbereiten Minderheit.

Der 35 Jahre alte Rodriguez passt in das Bild vom schwarz gekleideten autonomen Kapuzenmann. Auch in Rostock war er. Doch Steine geworfen habe er nicht, sagt er. Noch nicht. Denn, dass er es in den nächsten Tagen tun wird, kann er nicht ausschließen. Die Ausschreitungen in Rostock seien auf „Polizeischikane“ zurückzuführen, meint Rodriguez. „Als letztes Mittel ist Gewalt legitim.“ Außerdem habe er „Hooligans und Proleten gesehen“, die nichts mit den G-8-Protesten zu tun gehabt hätten. Krawalltouristen. Dann spricht er von einem Rachefeldzug der Polizei seit Samstag, davon, dass es noch „knallen“ werde in den nächsten Tagen in Heiligendamm. Dass Rostock eventuell nur das Vorspiel gewesen sei.

„Die Polizei ist schuld“

„Gewalt erzeugt Gegengewalt“ ist wohl einer der meistgebrauchten Sätze dieser Tage in den Lagern. Ein anderer: „Die Polizei ist schuld.“ Von Eskalations-Strategie und bewusster Provokation reden die G-8-Gegner. So sagt es auch einer der Organisatoren des Camp Wichmannsdorf. Die Ausschreitungen hätten niemanden überrascht, seien im Grunde genommen vorhersehbar gewesen. Doch alle organisiert und geplant? Das nicht! „Hätte sich die Polizei zurückgehalten, dann wäre das Ganze nach einer halben Stunde vorbei gewesen. Dann wären es nicht 1000 Verletzte gewesen, sondern nur drei brennende Autos.“

So ist der Hauptschuldige schnell gefunden. Vielleicht seien 300 Gewaltbereite unter den Demonstranten gewesen, gibt er dann noch zu. Doch die gebe es auch bei jedem Fußballspiel. Das müsse man einfach im richtigen Verhältnis sehen. „Von einem schwarzen Block und organisierter Gewalt kann keine Rede sein.“ Ob es Gewaltbereite im Lager gibt, dazu will der Organisator und Castor-Veteran sich nicht äußern. Sollte man in den nächsten Tagen bemerken, dass sich Leute aus dem Camp an Ausschreitungen beteiligen, so werde man mit ihnen diskutieren, sagt er. Mehr nicht. „Es gibt einfach einen Punkt, da hat man die Schnauze voll. Wenn deine Freunde zusammengeschlagen werden, dann wehrst du dich irgendwann.“

„Sie betreten besetztes Gebiet“

„Achtung, Sie verlassen die BRD und betreten besetztes Gebiet“ steht an der Einfahrt zum fünf Kilometer entfernten Camp in Reddelich. Eine Zeltstadt mit 5000 Einwohnern, Bierpilz und Grillbude ist hier entstanden, in Barrios - Stadtteile - aufgeteilt. Hier die Zapatisten, da die autonomen Christen und dort die Atomgegner. Aus Holzstämmen haben sie Wegsperren gezimmert, am Infopoint dudelt Reggaemusik, auch hier Camping-Atmosphäre. Pfadfinder in alt und mit Bierkästen. Dabei fordern die Infozettel auf: „Demonstriert ohne Alkohol!“ Ein Mann von der selbsternannten „Carlos Camper Pressegruppe“ offenbart: „Wir haben keine Meinung zur Gewalt.“ So viel dazu.

Viele schwarz Gekleidete wie in Wichmannsdorf. Aggressive Stimmung? Nicht bei allen, nicht einmal bei der Mehrheit, aber doch bei Einigen. „Die Stimmung ist seit Rostock angespannter“, sagt Bernhard Stoevesand, ein 36 Jahre alter Physiker vom G-8-Bündnis Bremen. Man habe viel diskutiert, wie so etwas passieren konnte, sagt er - um dann die im Camp verbreitete Version zu bemühen: Die Polizei habe Wehrlose geschlagen und die Gewalt heraufbeschworen. Die Gewaltbereiten in den eigenen Reihen? Das sei etwas ganz anderes. Die könnten doch gar nichts ausrichten. Eine vorbeilaufende Frau fügt hinzu: „Gewalt ist ein taktisches Mittel für jemanden, der die Welt verändern will.“ Die Welt verändern, das wollen die G-8-Gegner. Und manche wollen auch die Gewalt.

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Jahrgang 1981, Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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