23.02.2005 · Gleich zweimal konnte Mainz Dank des Besuches von George Bush aufatmen: Am Morgen blieb der Stadt der übliche Stau erspart. Geradezu gespenstische Ruhe paarte sich in der Innenstadt mit unverpesteter Winterluft.
Von Eckhart Kauntz, MainzGleich zweimal konnte Mainz am Mittwoch aufatmen. Am Morgen blieb der Stadt am Rhein der übliche Stau des Verkehrs erspart. Geradezu gespenstische Ruhe paarte sich in der Innenstadt mit unverpesteter Winterluft.
Der Auspuffdreck sammelte sich statt dessen über den verstopften Autobahnen weit ab der Stadt am Rheinknie. Am Abend kehrte Mainz nach der Abreise des amerikanischen Präsidenten George W. Bush und nach dem Abzug seiner Entourage dann wieder zur Normalität zurück.
1.300 Gullydeckel werden wieder geöffnet
An diesem Donnerstag werden die Mainzer sich noch ihrer nicht ganz freiwillig übernommenen Rolle als Gastgeber rühmen können, verlorene Arbeitsstunden nachholen und im Nachhall der vielfach als lästig empfundenen Sicherheitsmaßnahmen erfahren, was man sich eigentlich hätte ersparen können. So etwa das Zuschweißen der 1.300 Gully-Deckel zwischen Schloß und Dom sowie entlang der Streckenführung in Richtung Flughafen. „Ein Schlag mit dem Vorschlaghammer, und der Deckel ist wieder frei.“ So jedenfalls hieß der Befund eines fleißigen Klempners, der mit seinem Trupp tagelang entlang der Entsorgungsstränge gearbeitet hatte, um möglichen Bombenlegern den Zugang zur Mainzer Unterwelt zuverlässig zu versperren.
Damit entsprach er der vielfach als übersteigert empfundenen Furcht der Amerikaner. Auch noch nicht am Ende dürfte die Diskussion darüber sein, wer für die Kosten aufkommen muß. Die Stadt jedenfalls hofft auf das Land, das wiederum wird versuchen, sich am Bund schadlos zu halten.
Wer trägt die Kosten?
Auch dem rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck (SPD) wird nicht nur der Händedruck mit dem von seiner Limousine aus durch einen aus Amerika herbeigeschafften, undurchsichtigen und mutmaßlich auch kugelsicheren Tunnel ins Kurfürstliche Schloß gelangten Gast in Erinnerung bleiben. Seine elfjährige Ministerpräsidentschaft hat den Pfälzer zum bekanntesten Mainzer gemacht. Gleichwohl bekam er bei seiner morgendlichen Anfahrt zu der mitten in der Sicherheitszone gelegenen Staatskanzlei am Deutschhausplatz völlig neue Einblicke in deutsche Gründlichkeit. Die vom Bundeskriminalamt erstellte Liste mit den durchzuwinkenden Persönlichkeiten hatte wohl der Amtsschimmel gefressen. Sie lag am Kontrollpunkt nicht vor, und deshalb bedurfte es zusätzlicher Überzeugungsarbeit, bis Beck dahinein gelangen konnte, wohin ihn die Rheinland-Pfälzer gewählt haben.
Ebenso wie ihre hier fünfzehn Jahre zuvor weilende Schwiegermutter Barbara Bush hat die Präsidentengattin Laura in Mainz bei denen, die mit ihr Kontakt aufnehmen konnten, einen guten Eindruck hinterlassen. Sie hat auch von der Stadt einen nachhaltigeren Eindruck gewinnen können als ihr Gemahl. Vor dem gemeinsamen Mittagessen mit weit mehr als hundert Gästen vom Entertainer Thomas Gottschalk über die CDU-Vorsitzende Angela Merkel, Kardinal Karl Lehmann bis zu Alt-Bundespräsident Walter Scheel stand ein Gang durch das Römisch-Germanische Zentralmuseum auf der Liste des Damenprogramms mit der Kanzlergattin Doris. Bei der für seine Kompetenz bei der Restaurierung archäologischer Artefakte Weltruhm genießenden Institution zeigte sich Frau Bush besonders angetan von der Darstellung eines byzantinischen Soldatenmärtyrers.
Besuch des Gutenberg-Museums
Nach einer Visite im tausendjährigen Dom, begleitet von Bachs Toccata und Fuge in d-Moll, und nach einem gemeinsamen Besuch des der Geschichte des Druckwesens gewidmeten Gutenberg-Museums durch das Präsidentenpaar, fuhr die Bibliothekarin und Lehrerin dann am Nachmittag mit ihrem Ehemann über den Rhein zu dem amerikanischen Luftstützpunkt im Wiesbadener Stadtteil Erbenheim. Der Museumsbesuch war privater geblieben als von den Mitarbeitern des Südwestrundfunks geplant. Der Secret Service der mächtigsten Macht der Welt hatte ihre Kamera im Museum vorübergehend beschlagnahmt.
Durch unzählige, sich aber zumeist im Hintergrund haltende Hundertschaften der Polizei und des Bundesgrenzschutzes von Schloß und Dom getrennt, zeigte eine bunte Mischung von Bush-Gegnern vor dem Stadthaus auf der breiten Kaiserstraße Unwillen. Während der Gast aus Washington mit amerikanischen und deutschen „young leaders“ über das Öl und den Frieden sprach, heizte hier eine lateinamerikanische Band mit dem Lied vom „Matador“ die kämpferische Stimmung einer nach Tausenden zählenden bunten Menge von Unzufriedenen an.
Die Mainzer mucken doch auf
„Kontaktbeamte“ suchten dabei dämpfend auf die meist jungen Leute einzuwirken, die sich unter dem Slogan „Notwelcome Mr. Bush“ eingefunden und das Vorurteil widerlegt hatten, wonach Mainz deshalb zum Treffpunkt ausgewählt worden sei, weil die Mainzer „nie aufmucken“.
Bange Minuten hatten die Passanten vor dem Hauptbahnhof durchzustehen. Dort kämpften gegen halb zwölf Uhr auf dem bei null Grad Celsius rutschigen Sims des Daches schwindelfreie Mitglieder eines polizeilichen Kommandos mit einem Greenpeace-Anhänger, der über dem Bahnhofsgebäude gemeinsam mit einem Gesinnungsfreund ein gelbes, der amerikanischen Nuklearrüstung gewidmetes Transparent angebracht hatte. Es dauerte einige Minuten, bis der Störenfried sistiert und das Banner entfernt werden konnte.