26.01.2010 · „Demütige Diskretion“ empfiehlt Nicolas Sarkozy den muslimischen Gläubigen bei der Religionsausübung. Mitten in der Debatte über die nationale Identität formuliert er, was Frankreich von den muslimischen Citoyens erwartet: mehr Diskretion, weniger Provokation.
Von Michaela WiegelFrankreich setzt im Umgang mit seiner muslimischen Minderheit immer weniger auf Toleranz. Knapp sechs Jahre nach dem Verbot des islamischen Kopftuchs an den staatlichen Schulen soll der islamische Ganzkörperschleier aus dem öffentlichen Raum verbannt werden – mit einem Gesetz. Das geplante „Burka-Verbot“ drückt auch, vielleicht sogar vor allem die Hilflosigkeit der politisch Verantwortlichen aus, die Ausbreitung eines extremistischen Islam anders als mit den strengen Vorgaben des Gesetzes zu verhindern.
Vom Verbot, das gegenwärtig allenfalls zweitausend Frauen beträfe, soll eine Signalwirkung auf die anderen, auf sechs Millionen geschätzten Franzosen mit muslimischem Hintergrund ausgehen. Ihnen wird so deutlich gemacht, dass Frankreich nicht bereit ist, sich dem Druck eines militanten Islam zu beugen und die Gleichberechtigung von Mann und Frau im Namen des Islam zu relativieren.
Kopftuchverbot hat sich bewährt
Präsident Sarkozy knüpft überraschend an eine laizistische Tradition an, mit der sich die Französische Republik immer wieder ihrer selbst vergewissert hat. Das Verbot der „sichtbaren religiösen Zeichen“ in den Klassenzimmern vom März 2004, über das damals heftig gestritten worden war, hat sich im Rückblick bewährt. Auch strenggläubige Muslime haben akzeptiert, dass ihre Töchter die islamischen Kopftücher vor dem Schulgebäude ablegen müssen. Die Rektorate melden kaum noch Konfliktfälle. Sogar die fundamentalistische Organisation der islamischen Verbände, UOIF, hat ihren Frieden mit dem Kopftuchverbot geschlossen.
Sarkozys anfängliche Abneigung gegen den kämpferischen Laizismus scheint seither gezähmt. Er wollte zunächst das Gesetz von 1905 lockern, welches die strikte Trennung von Religion und Staat in Frankreich regelt. Dieses Reformvorhaben hat er fallengelassen, wohl auch aus Enttäuschung über die mangelnde Handlungsfähigkeit des von ihm ins Leben gerufenen Islamrates CFCM.
„Demütige Diskretion“ hat Nicolas Sarkozy kürzlich den muslimischen Gläubigen bei der Religionsausübung empfohlen. Damit reagierte er auf das Schweizer Minarettvotum. Mitten in der Debatte über die nationale Identität formulierte er, was Frankreich von den muslimischen Citoyens erwartet: mehr Diskretion, weniger Provokation.