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Bundeswehrkonferenz : Identität und Unbehagen

Ursula von der Leyen in Begleitung vom Generalinspekteur und dem Kommandeur der Führungsakademie Bild: dpa

In der deutschen Truppe ist die Pflege der Erinnerungskultur ein heikles Thema. Auf einer Reihe von Konferenzen überlegt die Bundeswehr nun, auf welche Tradition sie sich stützen will – und sucht auch im Ausland Rat.

          Eigentlich hatte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen dem langen Atem der Geschichte ein rasches Pusten hinzufügen wollen: Die Überarbeitung des Traditionserlasses der Bundeswehr war gedacht als eine der Aktionen, mit denen nach den rechtsextremistischen Vorfällen in der Truppe und nach einer folgenden Vertrauenskrise zügiges Handeln demonstriert werden sollte. Bis zum Herbst, hieß es im Mai, werde an neuen Richtlinien für die Traditionspflege gearbeitet. Inzwischen hat sich erwiesen, dass diese Unternehmung selbst einen langen Atem braucht. Diese Woche eröffnete von der Leyen eine erste von vier Konferenzen, die sich als „Workshops“ den Fragen widmen, auf welche Tradition die deutsche Armee sich eigentlich stützen kann und wie dies geschehen soll. Und die Ministerin stellte fest: „Das Thema verträgt keine Eile“, es gebe hier „keine schnellen Urteile“.

          Johannes Leithäuser

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Schon die Planungsdaten der nächsten öffentlichen Zusammenkünfte, zu denen Militärs, Historiker und Gesellschaftswissenschaftler geladen sind, zeigen bis auf das Jahresende, also über die Dienstzeit der gegenwärtigen Bundesregierung hinaus. Und während auf diese Weise die politische Absicht, schnell Handlungsfähigkeit zu demonstrieren, einen immer schwächer werdenden Effekt hat, wächst mit der Dauer und dem Umfang des Prozesses seine Bedeutung. Das zeigten in der Hamburger Führungsakademie, die das erste Treffen beherbergte, zwei gründliche Eingangsanalysen. Der niederländische General Ton van Loon, der einst in seiner aktiven Dienstzeit unter anderem das deutsch-niederländische Korps in Münster kommandierte, demonstrierte anhand seines eigenen militärischen Heimatverbands, der niederländischen berittenen Artillerie, ein evolutionäres Traditionsverständnis, das durch ein zweihundert Jahre zurückreichendes Geschichtsbewusstsein bestimmt ist – und das sich auf die Bundeswehr kaum übertragen ließe.

          Von der Leyen regte in Hamburg einen anderen Traditionsanker an. Sie nahm die historischen Gräben und Brüche, die in Deutschland den Weg von dem historischen militärischen Glanz und Gloria der napoleonischen Freiheitskriege in die Gegenwart prägen, einfach als Zeitsummen, und machte eine Rechnung auf: Die Bundeswehr sei mit ihren mittlerweile 62 Jahren jetzt schon älter als ihre nicht demokratisch legitimierten Vorgängerarmeen – die nationalsozialistische Wehrmacht und die kaiserliche Armee – zusammengenommen (die Reichswehr der Weimarer Republik war in dieser Rechnung kein eigener Posten). Also, lautete die naheliegende Schlussfolgerung, müsse sich doch in dieser Zeit mindestens ebenso viel bundeswehreigenes Traditionsmaterial angesammelt haben, wie in der Zeit der vorherigen Streitkräfte entstanden sei.

          Erinnerungskultur voller Emotionen

          Die an der Führungsakademie beheimatete Historikerin Loretana de Libero setzte viele Zuhörer im Saal in Erstaunen, als sie Beispiele aus dem Fundus der Bundeswehr vorzeigte, die weitgehend in Vergessenheit geraten sind. Dazu zählte der erste große Hilfseinsatz bei der Hamburger Sturmflut des Jahres 1962 – mehr als 40.000 Soldaten aus mehreren Nato-Staaten seien damals zum Einsatz gekommen. Schon zuvor waren deutsche Soldaten nach dem Erdbeben im marokkanischen Agadir erstmals auf einer Mission im Ausland. De Libero wies auch hin auf die Gefallenen in den Auslandseinsätzen der Bundeswehr in Afghanistan und die Erinnerungszeichen, die dort ihre Kameraden setzten, indem sie etwa eine von Pionieren errichtete Straßenbrücke nach den Toten benannten. Das Gedenken an die eigenen Toten werde „zum festen Erinnerungselement“ der Bundeswehr werden, prophezeite de Libero, und regte an, auch alle jene, die das Ehrenkreuz der Bundeswehr als Tapferkeitsauszeichnung erhielten, böten sich als Vorbilder an.

          Doch de Libero stellte auch fest, es gebe „in der Bundeswehr ein gewisses Unbehagen, wenn es um die eigene Leistung und deren Wertschätzung geht“, und gab als Ratschlag: „Zur Erinnerungskultur gehören das Geschichtenerzählen und die Emotion.“ Schließlich zeigte sie der Versammlung ein Foto aus dem Traditionsraum des Kommandos Spezialkräfte – jener Einheit, die just am selben Tag durch die Meldung Aufmerksamkeit erregte, es seien bei der Abschiedsfeier für einen Kompaniechef rechtsextremistische Gesänge vorgekommen und mehrfach der Hitlergruß gezeigt worden. Auf dem Foto des grünen Salons der Spezialkräfte aber war das Schlachtengemälde eines britischen Militärmalers zu sehen, das dort an der Wand hängt und eine Kampfszene aus Afghanistan zeigt.

          Verteidigungsministerin will Traditionserlass Revision unterziehen

          Die Verteidigungsministerin begründete in Hamburg nochmals ihre Entscheidung, den Traditionserlass einer Revision zu unterziehen. 35 Jahre nachdem diese Richtlinie, die vor allem den abstrakten Rahmen der Traditionspflege in der Bundeswehr setzt, vom damaligen Minister Hans Apel in Kraft gesetzt worden ist, sei es „an der Zeit, sich unserer Geschichte, unserer Tradition wieder zu vergewissern“. Von der Leyen gab auch eine zurückhaltende Erläuterung für die Notwendigkeit militärischer Traditionspflege: Sie müsse zum „Berufsstolz“ der Soldaten beitragen, zu seiner „Identitätsfindung“ und „Selbstvergewisserung“.

          Der niederländische General van Loon fasste es einfacher: Tradition sei einfach ein wesentlicher Bestandteil des „esprit de corps“ der Soldaten. Sie sei notwendig, um überhaupt in den Kampf ziehen zu können und sich als Einheit zu begreifen. Denn in der Schlacht stürben die Soldaten ja nicht für das Vaterland oder für höhere Ziele, sondern für den Kameraden neben ihnen. Und der pensionierte niederländische Generalleutnant hatte auch einen persönlichen Rat an die deutsche Ministerin, den er öffentlich verkündete: Natürlich könne es im Gewand der Traditionspflege immer zu historischen Missbräuchen kommen. Aber da empfehle er Gelassenheit, eine Tasse Tee und die Erinnerung an wichtige militärische Leistungen und kühne militärische Führer – er nannte die Namen Blücher und Rommel.

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