http://www.faz.net/-gpf-99c41

Flugzeugengpass : Nato-Partner vor massiven Transportproblemen

Ein Antonow-Transportflugzeug unter ukrainischer Flagge auf dem Flughafen in Trabzon, dem ehemaligen Umschlagpunkt des deutschen Abzugs aus Afghanistan (Archivbild) Bild: Lorenz Hemicker

Die russische Chartergesellschaft für Antonow-Jumbos verlängert ihren Vertrag mit der Nato nicht. Bei den Grünen vermutet man, es könnte sich um eine Retourkutsche für die Russland-Sanktionen handeln.

          Die Bundeswehr und die Streitkräfte anderer Nato-Staaten sehen sich vom nächsten Jahr an mit einer möglichen massiven Einschränkung ihrer Einsatzfähigkeit konfrontiert: Die nichtmilitärische Transport-Flugzeugflotte, die seit mehr als einem Jahrzehnt einen Großteil des schweren Geräts in Einsatzgebiete wie Afghanistan oder Mali transportiert, steht von Januar an offenbar nur noch stark eingeschränkt zur Verfügung, da die russische Firma, die einen großen Teil dieser Transportjumbos vom Typ Antonow AN-124 verchartert, den Transportvertrag mit der Nato nicht mehr verlängern will.

          Johannes Leithäuser

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Die Nachricht wurde zuerst vom Logistik-Fachblatt „Deutsche Verkehrs-Zeitung“ verbreitet: Volga Dnepr beendet Nato-Flüge ab Leipzig“, lautete die Schlagzeile dazu. In den vergangenen Jahren hatte die Bundeswehr häufiger Kameras und Fernsehteams an den Fracht-Pier des Leipziger Flughafens eingeladen, wenn spektakuläre Bilder von außergewöhnlichen Transportfällen zu erwarten waren. Die Antonows, die ihre Bugnase samt Cockpit komplett nach oben wegklappen können, nahmen schwere Geschütze, Panzer, Transport- und Kampfhubschrauber in ihren Bauch auf und transportierten sie ins afghanische Masar-i-Sharif oder ins malische Gao. Die deutsche Luftwaffe verfügt nicht über strategische Transportflugzeuge, die solche Lasten bewegen könnten. Die mehr als vier Jahrzehnte alten Maschinen des Typs Transall sind zu klein dazu und auch das neue Transportflugzeug A400M, dessen Auslieferung mit fast einem Jahrzehnt Verspätung begonnen hat, ist für einige dieser „outsize cargoes“, also der Transportstücke in Übergröße, nicht geeignet.

          Der Vertrag mit dem damaligen russisch-ukrainischen Gemeinschaftsunternehmen „Ruslan“ war vor mehr als einem Jahrzehnt wegen der damals absehbaren Verzögerungen in der Produktion des A400M überhaupt erst zustande gekommen. Die Nato, die für alle interessierten Mitgliedstaaten als Auftraggeber fungierte, vereinbarte eine gestaffelte Zahl von Flugstunden und einen gestaffelten Zugriff auf die zur Verfügung stehenden Flugzeuge. Am Flughafen Leipzig/Halle standen fortan immer zwei der Antonow-Jumbos abrufbereit zur Verfügung, weitere Flugzeuge konnten in bestimmten Stundenfristen zusätzlich gebucht werden.

          Das private Logistik-Abkommen bekam das Kürzel „Salis“ – „Strategic AirLift Interim Solution“, also strategische interimistische Lufttransport-Lösung. Vor zwei Jahren verhakte sich die Fortsetzung des Vertrages schon einmal, nachdem die bisherigen Joint-Venture-Partner – der ukrainische Hersteller des Flugzeugs und das russische Transportunternehmen Volga Dnepr – in der Folge der russischen Aggressionspolitik gegenüber der Ukraine ihre Zusammenarbeit nicht mehr fortsetzten. Nach langwierigen Verhandlungen kam damals ein neuer Vertrag mit beiden nun getrennt agierenden Unternehmen zustande, die dann beide eine eigene Anzahl von A-124 als Transportmittel anboten, wobei das russische Unternehmen zwölf, das ukrainische nur sieben Flugzeuge zur Verfügung stellte.

          Das Verteidigungsministerium begründete damals den Abschluss mit zwei Firmen damit, dass ein Vertrag nur mit dem russischen Geschäftspartner womöglich zu einer Einschränkung der weltweiten Einsetzbarkeit der – in Russland registrierten – Flugzeuge geführt hätte; bei einem Abschluss allein mit dem ukrainischen Partner wäre hingegen die Zahl der bereitstehenden Flugzeuge offenkundig zu klein gewesen.

          Antwort auf Sanktionen?

          Die Verträge mit beiden Firmen enden turnusgemäß zum Jahresende, enthalten jedoch eine Verlängerungsoption um je drei Jahre, deren Volumen auch beim Abschluss schon festgelegt wurde. Waren für das abgelaufene Jahr noch insgesamt 1080 Stunden an geleaster Transportkapazität vereinbart, sollten es für das Jahr 2019 nur 830 Stunden sein, von denen weit mehr als die Hälfte – 524 Stunden – auf den russischen Vertragspartner entfallen wären.

          Immerhin berührt die Kündigung zum Jahresende nicht die größte logistische Luft-Verlegungsaktion, welche der Bundeswehr im Sommer noch bevorsteht. Sie betrifft die Rückführung von vier Transporthubschraubern des Typs NH90 und vier Kampf-Hubschraubern des Typs Tiger, die gegenwärtig im Minusma-Einsatz der Vereinten Nationen in Mali stationiert sind, und dort in den Sommermonaten von Transporteinheiten aus Belgien und Jordanien abgelöst werden sollen. Sollte die Vertragsverlängerung mit Volga Dnjepr tatsächlich ausbleiben, müsste die Nato, und mithin die Bundeswehr, im nächsten Jahr andere Transportmittel für ihre schwersten Lasten finden. Zwar wächst die Transporterflotte der Luftwaffe nun ständig, da sukzessive die verspäteten A400M ausgeliefert werden, doch stehen anschließend viele Flugzeuge wiederum nur eingeschränkt zur Verfügung, da sie zu Nachrüstungen zum Hersteller zurückgeschickt werden oder technische Kinderkrankheiten mitunter alle Flugzeuge des neuen Typs am Boden halten.

          Unter den Verteidigungspolitikern im Bundestag gibt es Mutmaßungen, dass die angekündigte Vertragsbeendigung durch Volga Dnepr eine Antwort des russischen Präsidenten Wladimir Putin auf die fortwährenden Sanktionen der EU und der Vereinigten Staaten gegen Russland darstellen könnte. Der verteidigungspolitische Sprecher der Grünen, Tobias Lindner, sagte, er halte das für denkbar. Der strategische Lufttransport sei eine Art Achillesferse der Nato, es sei gut möglich, dass eine gezielte Absicht der russischen Seite vorliege, diese Schwäche zu treffen. Lindner sagte, nun sei ein „Plan B“ nötig, um die strategischen Lufttransport-Fähigkeiten der Nato und damit auch der Bundeswehr aufrechtzuerhalten. Dem Vernehmen nach hat der russische Vertragspartner seinen Rückzug aus dem Abkommen mit der Nato damit begründet, dass die Firma künftig nur noch zivile Güter transportieren wolle und keine Aufträge mehr annehme, in denen militärisches Gerät verfrachtet werden solle.

          Weitere Themen

          Diesel-Fahrverbot in Frankfurt wird zu verhindern sein Video-Seite öffnen

          Merkel ist überzeugt : Diesel-Fahrverbot in Frankfurt wird zu verhindern sein

          Das vom Gericht verhängte Fahrverbot gilt als sensibles Wahlkampfthema, vor allem für Zehntausende Pendler und Diesel-Besitzer im Großraum Frankfurt. Mit der tatsächlichen Umsetzung des Verbots für die Mainmetropole rechnet die Bundeskanzlerin jedoch nicht.

          Hoffnungsträger der Demokraten in Texas Video-Seite öffnen

          Beto O’Rourke : Hoffnungsträger der Demokraten in Texas

          Die Republikaner sind alarmiert: Der Senatssitz des republikanischen Ex-Präsidentschaftsbewerbers Ted Cruz aus Texas wackelt. Sein Rivale Beto O'Rourke spricht sich gegen die strikte Flüchtlingspolitik Trumps aus und erntet Zuspruch.

          Topmeldungen

          FAZ Plus Artikel: Queerer Jugendtrend : Hier sind die Twinks!

          Die „New York Times“ schrieb von einem „Zeitalter des Twinks“: Wie aus einem schwulen Pornogenre ein neues Männerbild an die Öffentlichkeit tritt, das auch von Popkultur und Mode erfolgreich bedient wird.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.